Sind Allergien bloss ein Lifestyle-Tick?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum normalen Umgang mit Lebensmitteln.

Die eingebildeten Kranken sind deutlich in der Überzahl: Esser kämpft mit Essen. Foto: bark (Flickr)

Die eingebildeten Kranken sind deutlich in der Überzahl: Esser kämpft mit Essen. Foto: bark (Flickr)

In meinem Freundeskreis gibt es immer mehr Menschen, die Vegetarier, Veganer oder sonst wie allergisch auf Lebensmittel sind und das stolz verkünden. Ist das ein Social-Media-Tick? Ich fühle mich dann als Einzige in der Runde normal, weil ich alles esse. Ob es normal ist, dass ich mich normal fühle?
R. F.

Liebe Frau F.
Es heisst ja, gesunde Menschen wähnten sich nur deshalb gesund, weil ihre Krankheit noch nicht diagnostiziert worden sei. Wenn Sie sich also nur normal fühlen, stehen Sie auf seifigem Terrain.

Veganismus kann man nicht als Allergie bezeichnen, auch wenn das militante Sendungsbewusstsein der Anhänger dieser Diät an Missionare erinnert, die in der Südsee den Eingeborenen das Tanzen ausgetrieben haben. Es sind eher die anderen, die allergisch auf Veganer reagieren; Menschen eben, die mehr als Körner und Blätter kauen wollen. Auch Vegetarismus können Sie aus Ihrer Allergiezone ausschliessen. Wer Käse nicht verschmäht, gehört zu den Guten.

Natürlich kann man jenen, die Käse wegen Laktoseintoleranz nicht essen dürfen, auch keine Verweigerungshaltung ankreiden. Sie sind zu bedauern, weil die Unverträglichkeit von Milchprodukten sie eines grossen Vergnügens beraubt. Verzicht auf Milch dagegen ist leichter zu prästieren, Erwachsene müssten der Ammenhaltung entwöhnt sein.

Nach der Lektüre diverser Websites und Stösse von Papier versinkt man in Fatalismus. Es wimmelt von Intoleranzen und Lebensmittelallergien, fast so, als würde man in einen Kübel voller Mehlwürmer blicken. Hat man sich einmal durchgequält, möchte man sofort zum Arzt rennen. Allerdings steht da auch, dass nur etwa «5 bis 7 Prozent der Bevölkerung eine Lebensmittelallergie haben», wie das Ärzteteam im «Beobachter» schreibt. Die eingebildeten Kranken sind also deutlich in der Überzahl, da täuscht Ihr Eindruck nicht. Zu bedauern sind die Köche, die Opfer einer Mode geworden sind, die kaum mit körperlicher Befindlichkeit zu tun hat, sondern vielmehr mit dem Drang, sich einem Tic hinzugeben und diesen via Social Media auch zu verbreiten.

Vor 20 Jahren konnten Vegetarier in einem durchschnittlichen Restaurant bestenfalls einen gemischten Salat bestellen, Spaghetti Napoli oder einen Gemüseteller mit verkochten Rüebli und Erbsli, Blumenkohl und Broccoli. Doch heute treiben kulinarische Sonderwünsche manchen Koch schier in den Wahnsinn. Er wolle nicht mehr jeden Wunsch erfüllen, erklärte ein Sternekoch jüngst seinen Entschluss, die Segel zu streichen. Er habe keine Lust, eine «carte allergique» zu präsentieren. Oder die normale Karte zusammenzustreichen, um alle Gefahren zu vermeiden, also Milchprodukte, Eier, Fische, Fruits de Mer, Äpfel und Ananas, Sellerie, Karotten, Peperoni, Sojabohnen, Weizen- und Roggenmehl, Nüsse, Erdnüsse, Samen, Gewürze ... Der Rest ist Leiden.

Aber keine Sorge, Frau F., fühlen Sie sich nicht ausgeschlossen, wenn sich Ihre Freunde in Allergia suhlen, statt Allegria zu pflegen. Irgendein Lebensmittel wird auch Sie reizen. Es ist eine Frage der Hinwendung.


Paul Imhof beantwortet Fragen zum leiblichen Wohl, zu Völlerei und Fasten, zu Küchen und Kellern. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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