Fast Food im Zeitraffer

Die Filme auf der Onlineplattform Tasty zeigen in weniger als einer Minute, wie man Gerichte der schnellen Küche zubereitet. Taugen sie auch fürs Nachkochen?

Daniel Böniger@tagesanzeiger

Rund 50 Sekunden dauert es, und fertig ist der Creamy Pesto Pasta Bake. Wie man den Auflauf zubereitet, sieht man im Zeitraffer auf dem Onlinekanal Tasty. Der wird vom Medienkonzern Buzzfeed betrieben, vor allem bekannt durch die ach so beliebten Katzenvideos. Auf Facebook hat Tasty inzwischen über 60 Millionen Abonnenten, die Kurve zeigt steil nach oben. Nun, angeschaut ist so ein Clip ja schnell. Aber es bleibt die Frage: Kann man diese Rezepte wirklich nachkochen?

Neben dem erwähnten Nudelauflauf (bisher 23 Millionen Aufrufe) will ich auch die noch beliebteren Cheeseburger Onion Rings (84 Millionen) nachkochen. Hilfreich ist, dass Tasty die Rezepte auf der Website auch klassisch in geschriebener Form anbietet, als sogenannte Full Recipes. Trotzdem komme ich beim Schreiben der Einkaufsliste wegen der englischen Masseinheiten in erste Schwierigkeiten. Wie viel sind vier ­Tassen («cups») Basilikum? Oder zwölf Unzen Fusilli?

Ein giftgrüner Auflauf

Zum Glück weiss Google weiter, und so drängen am Herd dann konkretere Fragen zur Zubereitung des Auflaufs in den Vordergrund. Weshalb soll ich Wasser in einen Pesto geben? Lohnt es sich, für das Gericht edle Pinienkerne zu verwenden, wenn man sie gemäss Filmanleitung im Mixer zu Mus püriert? So stehe ich also daheim in der Küche, auf der Ablage das Smartphone, und wechsle ständig zwischen der schriftlichen Anleitung und dem Clip hin und her. Offensichtlich, dämmert es mir, sind die kleinen Videos vor allem für den Genuss am Bildschirm im Büro gemacht worden – denn wer damit kocht, dem geht spätestens beim vierten Durchsehen die weichgespülte Hintergrundmusik auf die Nerven.

Bemerkenswert aber ist der im Clip gezeigte Trick mit den Cherrytomaten: Um die roten Kugeln möglichst zeitsparend zu halbieren, klemmt sie die kochende Person – von der man stets nur die Hände sieht – zwischen zwei Teller-Rückseiten, analog zu einem Sandwich. So reicht ein einziger Schnitt mit dem Messer, um sie zu zerteilen. Zu meiner Überraschung funktioniert dies auch zu Hause problemlos. Ebenso überzeugend: Der giftgrüne, mit ordentlich viel Käse überbackene Nudelauflauf mit den roten Cherrytomatentupfern kommt schliesslich bei der ganzen Familie ­bestens an.

Tasty strahlt seine Kochclips seit ziemlich genau einem Jahr aus. Neben Facebook ist der Sender auch auf anderen Social-Media-Plattformen wie Instagram, Pinterest und Twitter präsent. Das Geld wird nicht mit der üblichen Bannerwerbung verdient, sondern mit sogenanntem Native Advertising. Das heisst, auf Tasty sind auch Artikel von Unternehmen – zum Beispiel aus der ­Lebensmittelindustrie – aufgeschaltet, die für jeden von Tasty generierten Klick einen bestimmten Betrag überweisen. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein, denn es hat bereits Nachahmer gefunden: Rezepte-Clips finden sich auch bei Anbietern wie Tastemade, Kuqui oder Foodboom.

Wie das Handy sauber halten?

Ich mache mich derweil an die Cheeseburger Onion Rings, einen Hybriden also aus zwei der beliebtesten Fast-Food-Klassiker überhaupt. Bei Tasty geht es ja weniger um gehobene Kost als um einfache Feel-good-Küche. Ich mische gehacktes Rindfleisch mit etwas Salz, Pfeffer und Knoblauchpulver – anders als im Clip nehme ich dafür statt eines Löffels die baren Hände. Danach schneide ich drei Zwiebeln so, dass ich aus den Mittelstücken gut zwei Dutzend zentimeterbreite Ringe herausdrücken kann. Ich erschrecke ein wenig, weil die Finger des Kochs im Video dem Messer gefährlich nahe kommen.

Die so entstandenen Ringe fülle ich mit dem vorbereiteten Hackfleisch und packe noch je ein Stück Cheddar-Käse dazu. Diese Fleischtaler im Zwiebelmantel werden nun doppelt paniert – und spätestens jetzt kann ich nicht mehr auf dem Smartphone nachgucken, wie ich weiter vorgehen muss. Denn meine Hände, die abwechselnd in Mehl, geschlagenem Ei und Paniermehl baden, sind schon nach dem ersten Cheese­burger Onion Ring voll mit der kleisterartigen Panade.

Natürlich sieht man diese ganz praktischen Schwierigkeiten in den Tasty-Clips nicht. Das würde nicht zur stromlinienförmigen Ästhetik der im Kochstudio produzierten Filmchen passen. Wie auch die Tatsache, dass bei mir das Hackfleisch mehrmals aus den Zwiebelringen rutscht. Oder dass der Panademantel beim zweiten Bad im Eigelb, zumindest bei ungeschickter Handhabung, arg in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber eben, so funktioniert halt Foodporn.

Mit viel Ketchup

Immerhin ist das Finale dann wieder mit dem in den Clips vergleichbar: Als meine Cheeseburger Onion Rings nach ungefähr fünf Minuten schön goldbraun sind, nehme ich sie aus dem heissen Frit­tier­öl. Und tatsächlich ist das Hackfleisch perfekt durchgegart, aber noch immer saftig – und der orange Cheddarkäse im Innern schön geschmolzen. Obs bei der Familie ankommt? Und wie! Diese Buletten gibts bei uns ganz bestimmt wieder, denn wie im Video wird dazu ordentlich Tomatenketchup gereicht, was den Genuss perfekt macht.

Mit vollem Bauch realisiere ich, dass noch ein weiterer grosser Unterschied zwischen den Zeitraffer-Clips und der Realität in der Küche besteht: Vom dreckigen Geschirr, das abgewaschen werden muss, war bei Tasty nichts zu sehen.

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