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Sind wir doch nichts als Marionetten?

In meiner jugendlichen Naivität glaubte ich einst, wir seien blosse Roboter, von einem gefühlslosen Kosmos oder Gott ferngesteuert und programmiert, und dass wir selbst nichts bewirken könnten. Dieses Denken habe ich längst hinter mir gelassen. Inzwischen scheint ein solcher «harter Determinismus» aber salonfähig zu werden. Der Mensch wird - mit Verweis auf neueste Erkenntnisse von Hirnforschung, Genetik, Biologie - als in seinem Tun und Lassen vorherbestimmt betrachtet. Soll ich nun einfach abwarten, was ich tun werde? I. K.

Lieber Herr K.

Klappern gehört zum Handwerk - auch in der Naturwissenschaft. Derzeit klappert z. B. die Hirnforschung ganz besonders laut und kräftig mit der These, dass unsere Vorstellung der menschlichen Freiheit ein obsoletes Konstrukt sei. So zeige sich in Experimenten, dass noch bevor ein Mensch willentlich und bewusst eine Entscheidung treffe, diese Entscheidung im Hirn bereits gefallen sei. Noch bevor wir wissen, was wir tun werden, leuchtet das für die Entscheidungsfindung verantwortliche Hirnareal auf dem Bild rot auf, das ein Magnetresonanz-Tomograf und ein Computer aus den Informationen über Aktivierungspotenziale «zeichnen». Anders ausgedrückt: Unser Hirn ist beim Entscheiden schneller als wir. «Wir» (was oder wer immer das ist) vollziehen nur noch die Beschlussfassungen unseres Hirns nach. (Etwa so, wie die Schweiz autonom die EU-Normen nachvollzieht.) «Wir sind nicht frei, zu wollen, was wir wollen. Das menschliche Handeln ist durch die neuronalen Verschaltungen im Gehirn festgelegt», sagt z. B. der Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer. In dieser Sichtweise wird freilich nicht nur unser Ich naturalisiert, sondern auch unser Hirn versubjektiviert: Das neuronale Zentrum des Menschen erscheint als Homunculus in der Maschine.

Von der neuronalen Neuinterpretation der nunmehr als Illusion entlarvten Freiheit werde, so die Argumentation, natürlich auch die Frage der strafrechtlichen Zurechenbarkeit von Handlungen tangiert. Das ist radikal gebrüllt und hat in der Öffentlichkeit starke Resonanz gefunden. Der Deutsche Bundestag hat sich kürzlich allen Ernstes in einer Kommission zur Technikfolgenabschätzung mit der Relevanz dieser neurowissenschaftlichen Erkenntnisse beschäftigt, ist jedoch zum Schluss gekommen, es gebe «zurzeit» noch keine schlüssigen Beweise für oder gegen den freien Willen. Bei ihrem salomonischen Urteil hat die parlamentarische Arbeitsgruppe etwas ziemlich Triviales übersehen: Die Frage nämlich, ob man Delinquenten angesichts der neurologischen Widerlegung der Freiheit künftig überhaupt noch guten Gewissens bestrafen könne, krankt an einem eklatanten Selbstwiderspruch; denn sie setzt notgedrungen jene Freiheit voraus, die sie bestreitet. Warten wir also tatsächlich besser erst mal ab, was unser Gehirn dazu meinen wird, bevor wir irgendetwas tun, mit dem unser Nervensystem möglicherweise nicht einverstanden ist.

Fragen an Peter Schneider: leben@tagesanzeiger.ch

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