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Haartransplantation oder Psychotherapie?

Mein 22-jähriger Sohn hat Ansätze zu einer Stirnglatze. Er leidet darunter und hat im Sinn, eine Haartransplantation vornehmen zu lassen. Für diese Operation, die 6000 Franken kostet, spart er sich Geld zusammen (er ist Student). Es ist ihm also sehr ernst mit seinem Vorhaben. Ich bin gegen diese Operation, weil ich denke, dass er nachher nicht glücklicher als vorher sein wird und seine Unzufriedenheit mit sich selbst damit nicht behoben werden kann. Für mich wäre eine Psychotherapie sinnvoller. Wie kann ich ihn davon überzeugen? E. F.

Liebe Frau F.

Im Gegensatz zu Ihnen halte ich es nicht für sinnvoll, statt der Haartransplantation eine Psychotherapie zu empfehlen. Sie können Ihrem Sohn natürlich sagen, dass Sie seinen Plan bescheuert finden, weil die neue transplantierte Haarpracht wahrscheinlich nur aussehen wird wie ein angenähtes Toupet (keine Ahnung, ob das wirklich so ist, aber Sie können es ja trotzdem mal mit dem Argument versuchen) und dass er sich lieber eine gepflegte Bruce-Willis-Glatze schneiden lassen soll, weil das ohnehin viel männlicher aussieht und nicht nach verzweifeltem Alt-Herren-Chic ... usw. Eventuell macht es ihm Eindruck, wahrscheinlich eher nicht. Und wahrscheinlich haben Sie ja recht, und die transplantierten Haare machen ihn auch nicht glücklich. Doch ist es nicht ebenso illusionär, zu glauben, eine Psychotherapie bewirke jene Zufriedenheit mit sich selbst, die sich mit mehr Haaren (auch) nicht einstellt? Sie wissen vielleicht, dass ich mich gerne über den Textbaustein «Die Betroffenen werden psychologisch betreut » amüsiere, mit dem in unseren Tagen nahezu jeder Bericht über jedwede erlittene Unbill schliesst. Die «psychologische Betreuung» hat die Form eines magischen Rituals angenommen. Und keine solche Betreuung – «professionelle Hilfe», wie die allgemeine Sprachregelung lautet – in Anspruch zu nehmen, gilt geradezu als fahrlässig. Wer sagt denn, dass man mit seiner Stirnglatze zufrieden sein soll? Und wie sollte eine Psychotherapie aussehen, die dieses Ziel der Zufriedenheit mit sich erreichen kann? Sie wäre vermutlich vor allem eine Art freundlich verklausulierter Gehirnwäsche: «Sie müssen lernen, sich auch ohne Haare zu akzeptieren. Es kommt doch nicht darauf an, was man auf dem Kopf hat, sondern darauf, was drin ist.» (Auch derlei Weisheiten sind übrigens so wenig gratis wie eine Haartransplantation.) Was wird Ihr Sohn wohl dazu sagen? «Ja, wenn das so ist: Auf die Idee wäre ich nun gar nicht selber gekommen, merci vielmal»? Viele Wünsche, welche die Menschen umtreiben, erscheinen von aussen betrachtet albern und überflüssig; gegen solche Wünsche jedoch reflexhaft eine Psychotherapie verordnen zu wollen, ist es nicht minder.

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