Ich bin die Geisel meiner Füsse

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtet für DerBund.ch/Newsnet über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Monat sechs: Die geplagten Füsse.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Läufer vernachlässigen oft ihr wertvollstes Kapital: ihre Füsse. Das kann sich bei Vorbereitungen auf einen Marathon rächen.

Meine Füsse – sie würden sicherlich keinen Schönheitspreis gewinnen. Gebrauchsgegenstände, seit ich im Bauch meiner Mutter damit nach meiner Zwillingsschwester trat; seit ich zögerlich an der Hand meines Vaters die ersten Schritte tat. Noch im Wachstum im Reitstall von manch einem Pferdehuf traktiert. In Schuhe gezwängt, die unweigerlich die Fuss-Schutzorganisation auf den Plan gerufen hätten – wenn eine solche existierte.

Anstandslos nächtelang gehorchend, wenn ich ihnen auf dem Parkett tanzend das Letzte abverlangte – auf Highheels versteht sich. Treu trugen sie mich Kilometer für Kilometer und während ich laufend meinen Kopf lüftete, liessen sie mich die Welt erobern. Meine Füsse – Jahr für Jahr die verkörperte Selbstverständlichkeit. Und das, während seit jeher im Badzimmerschrank ein wahres Verwöhnprogramm für meine Hände bereitsteht – schliesslich sagt man von ihnen sie seien eine Visitenkarte.

Sportarzt Robert Greuter mahnte bereits nach dem ersten Untersuch: «Ihre Fussmuskulatur ist zu schwach.» Und während ich die Wurzel, über die ich vor einigen Wochen stolperte noch heute verfluche, sind ihr meine Füsse wohl auf ewig dankbar. Eine Zerrung verschaffte Ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit: Mein Vorhaben in New York den Marathon zu bestreiten, machte mich zu ihrer Geisel.

Blind und einbeinig Zähneputzen

Da sitz ich nun und betrachte die krummen Zehen, die grosse Narbe, die ein Motorradunfall hinterliess... Erbärmlich sehen sie aus – vernachlässigt. Bestimmt schiebe ich die Handcrème, die Nagelbettöle und die Nagellacks zur Seite und macht Platz für Fussbalsam, Bimsstein und einer Flasche Fussbad. Greuter genügt das nicht: «Die Füsse sind das Werkzeug des Läufers, polieren reicht nicht.» Sie müssten auch gestärkt werden, bläut er mir ein, häufiges Stolpern sei ein klares Zeichen dafür, dass ein Kraft- und Geschicklichkeitstraining nötig sei. Noch mehr Arbeit – ich setzte zur «Aber, ich habe doch keine Zeit»-Ausrede an. Der Sportarzt lässt mich die Ausflucht nicht mal zu Ende denken: «Es bedarf simpler Übungen, die sich gut in Ihren Alltag einbauen lassen.»

Und so nehmen meine Füsse ihre Rache: Ihr wertvolles Pfand ist New York. Sie haben ein stiefmütterliches Dasein gefristet und machen mich jetzt zum Affen: Ich beginne morgens in der Redaktion die Konkurrenzblätter auf einem Fussigel stehend durch zu stöbern. Noch steht dabei die Kaffeetasse sicher auf einer Theke – schliesslich muss ich mich in den kommenden sieben Monaten noch steigern können.

Während ich bisher morgens im Halbschlaf meine Beisserchen putzte, ist dabei heute grösste Konzentration gefordert: Ich balanciere mit geschlossenen Augen auf einem Bein. Und versuche vor lauter Gleichgewichtsschwierigkeiten nicht immer dieselben Zähne zu schrubben. Noch vor einigen Tagen fläzte ich mich aufs Sofa, während ich mich von den News des Tages berieseln liess – heute versuche ich dabei nicht von der eingerollten Fitnessmatte zu fallen. Die Vergeltung meiner Füsse macht auch vor meinen nachbarschaftlichen Beziehungen nicht Halt: Fortan gehe ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2010, 20:22 Uhr

Abenteuer «Beiss durch den Big Apple»

Im letzten Oktober starben drei Männer während des Detroit-Marathons. Sind die 42,195 km tatsächlich ein heisser Lauf? In einem zwölfteiligen Selbstversuch beschreibt die 34-jährige Autorin, die bisher dreimal am Greifenseelauf (Halbmarathon) teilnahm, ihre Erfahrungen während der Vorbereitungen auf den New York Marathon 2010 – ihren ersten Marathon überhaupt. Jeder monatliche Beitrag widmet sich einem spezifischen Thema, welchem ein Läufer auf dem Weg zum Marathon Beachtung schenken sollte. Die nächste Folge erscheint Ende Mai.

Artikel zum Thema

Wie alles begann – schaff ich 42,195 Kilometer?

Ob für Kenyaner, Männer mit Midlife-Crisis oder eine Journalistin – ein Marathon ist ein Abenteuer. In einer Serie berichtet Marathon-Novizin Pia Wertheimer über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Mehr...

Die richtige Ernährung für einen Marathon

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtet über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Die grosse Frage: Wie isst man richtig? Mehr...

Am inneren Schweinehund vorbei – bis zur Erschöpfung

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtet für DerBund.ch/Newsnet über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Monat drei: Die medizinische Vorbereitung. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Bye, mein Grosser

Sweet Home Die schönste Rückendeckung

Die Welt in Bildern

Auch ein Rücken kann entzücken: Ein Elefant zeigt sich im Joburg Zoo in Johannesburg nicht gerade von der besten Seite (18. August 2017).
(Bild: Kim Ludbrook) Mehr...