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Die Museen stehen schon, am Quartier wird noch gebaut

Die Hamburger Hafen-City wird erst in über zehn Jahren fertig sein. Für Besucher gibt es aber heute schon viel zu sehen, etwa das neue Maritime Museum.

Das Maritime-Museum in der Speicherstadt.
Das Maritime-Museum in der Speicherstadt.
alimdi.net/Keystone

Wenn die richtig grossen Pötte einlaufen, stehen Hunderttausende Spalier, dicht gedrängt an der Elbe. Ob «Queen Mary 2», das Klubschiff «Aida Aura» oder die als Traumschiff bekannte «Deutschland» – Shows, Paraden und Feuerwerke begleiten die grossen Feste wie der Hafengeburtstag oder die Cruise Days. Das Leben in der Hansestadt spielte sich hingegen lange anderswo ab, in jenen Quartieren, die sich der Alster zuwenden. An der Elbe wurde malocht und an der Alster das Geld ausgegeben.

In jüngster Vergangenheit ist die Stadt im Umbruch, sie wendet sich mehr und mehr der Elbe zu. Den Anfang macht die Speicherstadt. Deren Metamorphose zur Event-City hat 2001 mit einer Theateraufführung begonnen. Michael Batz liess hier «Der Hambuger Jedermann» aufführen. Heute ist Batz ebenso bekannt für seine Lichtinstallationen. Während den Cruise-Days het er die Gebäude entlang der Elbe und im Hafen in blaues Licht getaucht, wie er es zuvor an der WM 2006 mit kecken Fussballtoren getan hat. «Blau ist die coolste Farbe für eine Stadt am Wasser», sagt er.

Bis 2003 war die Speicherstadt aus dem 19. Jahrhundert eine abgeschlossene Stadt in der Stadt, abgeriegelt durch Zollschranken. Waren aus aller Welt und für ganz Europa wurden hier gelagert, Kaffee und Gewürze säckeweise, Orientteppiche in Millionenwerten, von riesigen Winden in gigantische Hallen gehievt.

Der grösste zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt bildet heute das Herzstück der neuen Hafen-City, dem nagelneuen Stadtteil, der derzeit hier entsteht. In langen Reihen ziehen sich die trutzigen Ziegelbauten mit reich verzierten Fassaden, Spitzgiebeln, Rundbögen, Rosetten und efeuumrankten Ecktürmen den schmalen Kanälen entlang. Wenn die Abendsonne die Backsteingotik zum Leuchten bringt, erhält der spröde Charme der Hansestadt geradezu mediterranes Flair. Zwischen den letzten Teppichlagern haben sich schon schicke Werbeagenturen und schnelle Start-ups etabliert, eine eklektische Mischung aus Hand- und Kopfwerkern belebt den roten Stein. Seit die Zollschranken gefallen sind und der Lifestyle Einzug gehalten hat, avanciert das Lagerhausensemble schnell zum Touristenliebling.

Die Museen stehen schon

Auffallend sind die vielen neuen Museen in einem Quartier, das noch längst nicht fertig ist. Im Speicherstadtmuseum etwa tüfteln Besucher in einer Kaffeerösterei, im Gewürzmuseum erfahren sie, wo der Pfeffer wächst, und im Zollmuseum bestaunen sie Brote, in die Zigaretten eingebacken wurden.

Soeben wurde im schönsten und ältesten Speicher der Stadt das neue Maritime Museum eröffnet. Auf zehn Etagen ist ein beeindruckendes Bild der christlichen Seefahrt entstanden, zusammengetragen vom ehemaligen Axel-Springer-Verlagschef Peter Tamm. «Schifffahrtsgeschichte ist Menschheitsgeschichte», betont der bald 80-jährige zur Einweihung im vergangenen Sommer vor seiner riesigen Sammlung von Schiffsmodellen, Instrumenten, Karten, Uniformen, Gemälden und einer umfangreichen Bibliothek. Zu jedem einzelnen Stück weiss er Geschichte und Geschichten zu erzählen. Hier die Uniform des letzten Marinechefs der DDR, dort ein Gemälde der tosenden See, das er für das schönste Meeresbild hält. Kritik wegen Militärlastigkeit der Sammlung, die sich auf eine Etage konzentriert, blieb nicht aus. Doch zur Geschichte der Seefahrt gehöre auch der Krieg, erklärt Tamm, den könne man nicht ausblenden.

Vergangenheitsbewältigung findet auch in ein paar Baracken auf der Veddel statt, an der südlichen Seite der Elbe. Hier wurden Anfang des letzten Jahrhunderts die Auswanderungshallen erstellt, die seit 2007 das Museum Ballin Stadt beherbergten. Zwischen 1850 und 1939 war dieser Ort für fünf Millionen Emigranten aus ganz Europa der Ausgangspunkt für eine Reise ins Ungewisse. Allein von Hamburg aus emigrierten 150'000 Menschen, jeder fünfte US-Einwanderer war Deutscher. Die Geschichten jener Menschen, die hier an Bord gingen, um jenseits des Atlantiks ihr Glück zu versuchen, sind wahrscheinlich zu verklärt geraten, und das Tun von Albert Ballin, dem damaligen Direktor der Reederei Hapag, ist vielleicht zu altruistisch dargestellt. Dennoch ist es bewegte und bewegende Geschichte, die hier gezeigt wird.

Das alltägliche Leben folgt nach

Rund um und zwischen den neuen Museen bringt eine Mischung aus Wohnen, Handel, Gastronomie, Kunst, Kultur und Freizeitangeboten ein urbanes Lebensgefühl direkt an der Elbe. An den Magellan- und Marco-Polo-Terrassen wurden bereits die ersten Wohnungen bezogen. Kinder fahren auf Skatebords und Velos am Vasco-da-Gama-Platz umher, Sonnenhungrige lagern auf Holzdecks. Und zwischen Kränen wird am Kaiserkai, Sandtor- und Grasbrookhafen in feinen Gastrobetrieben international geschlemmt. Es dauert sicher bis 2020, bis das ganze Überseeviertel mit den geplanten zehn Kilometer Kaipromenade fertig sein wird, doch der Blick auf den Traditionsschiffhafen am Sandtorkai ist schon frei. An der knapp einen halben Kilometer langen Pontonanlage erinnern historische Kräne an alte Zeiten, und an die 25 «Oldtimer der Meere» werden hier festmachen, denn Schiffeschauen ist nun mal der Hamburger liebstes Hobby.

Vorerst warten die Massen auf die nächste grosse Attraktion, die Elb-Philharmonie der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Nichts weniger als das neue Wahrzeichen der Hansestadt soll es werden. Der trutzige Sockel steht, doch vom kühnen Schwung der aufstrebenden, gewellten Glasfassaden ist noch nichts zu sehen. Es wird wohl ein Jahr später als geplant, also 2011, bis die Musik spielt.

Reihenweise Architektur-Pomp

Realisiertes und Geplantes rund um die Speicherstadt erscheint wie ein Who's who der modernen Architektur. Am Dalmannkai wohnt man bereits im Philippe-Starck-Design. Neuer spektakulärer Hingucker soll das Kreuzfahrt-Terminal plus Luxushotel des Römers Massimiliano Fuksas werden. Zu reden gibt vor allem der Entwurf des futuristischen Science-Center im Überseeviertel, ein Ring aus Container-Formationen, den das Büro des niederländischen Architekten Rem Koolhaas vorgelegt hat. Die Realisierung steht aus monetären Gründen infrage, was die kühl temperierten Hamburger nicht gross irritiert; Geld war selten ein Hindernis in der Stadt der Pfeffersäcke.

Doch man macht sich durchaus Gedanken über die ästhetische Zukunft der Stadt. Von «Würfelhusten am Wasser» und «peinlichem Dekokitsch» spricht der Hamburger Architekt Hadi Therani im Magazin «Der Spiegel» angesichts der architektonischen Hyperaktivität. Therani schwebt vielmehr eine bewohnbare Brücke quer über die Elbe vor, um die südlichen, notabene vernachlässigten Vororte zu integrieren und das maritime Lebensgefühl sozusagen auf die Spitze zu treiben. Das wär doch was.

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