Der Mythos von der Sommergrippe

Warum man mitten im Hochsommer eine Erkältung bekommen kann – und was wirklich dagegen hilft.

Laufende Nase, Kopf- und Gliederschmerzen: Auch im Sommer ist das Immunsystem anfällig für Viren. Foto: Roberto Pfeil (Keystone)

Laufende Nase, Kopf- und Gliederschmerzen: Auch im Sommer ist das Immunsystem anfällig für Viren. Foto: Roberto Pfeil (Keystone)

Der menschliche Körper ist ein grosser Kompromiss. Auf der Haut kann kein Erkältungs-Erreger zuschlagen; niemand bekommt einen Schnupfen, nur weil er eine verkeimte Türklinke berührt. Das hängt damit zusammen, dass Viren keine Lebewesen sind, sondern im Grunde nur ein Stück Information. Um sich austoben zu können, brauchen sie einen – idealerweise lebenden – Wirt. Da aber die oberste Schicht der Haut aus toten Zellen besteht, haben Viren hier wenig Freude. Eigentlich praktisch.

Das Manko an der menschlichen Haut-Barriere ist nur, dass sie auch sonst wenig durchlässt. Damit der Mensch riechen und schmecken kann, muss der Körper als Kompromiss an wenigen Stellen der Aussenwelt Schleimhäute entgegenstrecken – in Nase und Mund. Dringen Viren hier in den Körper ein, führt das mitunter zu einer heftigen Abwehrreaktion: Laufende Nase, Kopf- und Gliederschmerzen, selten sogar leichtes Fieber. Im Sommer heisst es dann in manchen Medien: Sommer-Grippe-Alarm!

Zwar gilt eigentlich der Winter als Rotznasen-Saison, doch auch an heissen Tagen melden sich viele Menschen krank. Trotzdem ist der Begriff «Sommer-Grippe» streng genommen falsch: Schnupfen und Erkältung sind keine Grippe. Letztere wird durch Influenza-Viren verursacht und kann eine schwere Erkrankung auslösen. Patienten liegen dann schon mal zwei oder drei Wochen im Bett. Sommer-Erkältungen hingegen gehen häufig auf sogenannte Enteroviren zurück. Sie verursachen zwar auch Kopfschmerzen und eine laufende Nase, aber keine Grippe.

Gestresstes Immunsystem

Dass Viren im Sommer überhaupt eine Chance haben, liegt an verschiedenen Faktoren. Zum einem sind die Erreger – das gilt sowohl für Grippe- als auch Erkältungsviren – wandlungsfähig. Das Immunsystem eines Menschen kennt sie oft nicht, auch Grippe-Impfstoffe versagen ab und an, weil sie nicht exakt auf die aktuelle Version zugeschnitten sind. Der zweite Grund: Auch im Sommer wird das Immunsystem beansprucht. Weil es auf dem Fahrrad zu heiss ist, stehen viele Menschen lieber dichtgedrängt in der U-Bahn und setzen sich dort vielen Keimen aus. Im Büro ist die Luft stickig, das Fenster bleibt zu, weil die Klimaanlage bläst oder – ganz modern – gar nicht mehr zu öffnen ist.

Nachmittags geht es dann aus der Büro-Luft in die Sommerhitze, im Freibad schwitzt man auf dem Handtuch und friert im Wasser. Geschlafen wird auch weniger als in der dunklen Jahreszeit, es folgt ja noch ein Grillabend bis tief in die Nacht, wo viel gegessen und getrunken wird. Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung hat eine Erkältung nicht zwingend etwas mit Kälte zu tun, sondern vielmehr mit einem ordentlich beanspruchten, ja gestressten Immunsystem.

Wer sich einer Erkältung im Sommer schützen will, macht es besser: Er arbeitet in gut gelüfteten Räumen oder gleich an der frischen Luft, vermeidet Menschenansammlungen, schläft genug und isst gesund. Manche Hausmittel dagegen sind wirkungslos: Eine aktuelle Studie beispielsweise liefert weitere Hinweise, dass Vitamin D-Präparate als Prävention gegen Schnupfen und Husten keinen Nutzen haben. Wissenschaftlich gut belegt ist hingegen, dass gründliches Händewaschen hilft. Mit Wasser und Seife lässt sich verhindern, dass Viren die Kompromisse des Körpers eiskalt ausnutzen und in Mund und Nase zuschlagen.

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