Schluss mit dem Manager-Bullshit

Wer glaubt, einer ganzen Generation lasse sich ein Begriff überstülpen, und damit sei sie erklärt, irrt gewaltig.

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In jüngster Zeit wird immer mal wieder behauptet, die Sprachpolizei sei im Dauereinsatz und rücke selbst gegen Süssspeisen mit Schokoladenbezug aus, wenn man sie Mohrenkopf nennt. Aber wo ist diese Sprachkavallerie, wenn man sie wirklich braucht? Bei wem kann ich da anrufen?

Zuletzt zischte mir dieser Gedanke durch den Kopf, als ich den Gastbeitrag von Pascal Scherrer auf dieser Seite las. Darin wurde von der Generation Y berichtet, also jenen Menschen, die in den Jahren 1980 bis 2000 geboren wurden. In Scherrers Beitrag erscheinen die «Millennials» als Problembären, die «Termine, Deadlines, Ziele» partout nicht einhalten, sondern «nur sinnstiftende Arbeit verrichten wollen». Deshalb brauche es das, was Scherrer, Programmleiter bei Radio SRF 3, «schonungslose Führung» nennt. Sonst wird das nichts mit diesen Millennials, zu denen übrigens auch ich gehöre.

«Ein solches Menschenbild
hat seinen Ursprung
im Manager-Sprech.»

Mich stört daran Mehreres: Scherrer geht davon aus, er wisse, wie eine ganze Generation ticke. Das ist anmassend wie jedes totalisierende Gerede über Generationen, möge man sie Millennials oder Babyboomer nennen. Bei Scherrer erscheint «meine» Generation zudem als homogene Kohorte, der jegliches Reflexionsvermögen und Realitätsbewusstsein abgeht.

Ein solches Menschenbild, das einer ganzen Generation mit erstaunlicher Chuzpe die Mündigkeit abspricht, hat seinen Ursprung im Manager-Sprech, den Scherrer wohl mit seinem Executive MBA in St. Gallen erworben hat: Das Wörtchen «Führung» ist in diesem Slang zentral und steht für ein Denken und Handeln in Hierarchien.

Da kann Scherrer noch so viel von Verantwortung der Mitarbeitenden schreiben. Letztlich wird alles, was im Arbeitsalltag an produktiven Spielräumen möglich ist, befriedet, wenn man vom Begriff «Führung» spricht und rein hierarchisch denkt. Bei Scherrer sind Angestellte keine selbst denkenden, sondern bemitleidenswerte Wesen, die «inspiriert» werden müssen. Sonst wären die «Leader» ja überflüssig. Ich fordere daher eine Hausdurchsuchung in der Hochschule St. Gallen – durch die Sprachpolizei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 23:43 Uhr

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