Die Kunst im Griff

Das Zweimannunternehmen Flathold ist einer der grössten Produzenten für Klettergriffe. Längst geht es nicht mehr um die Imitation des Felses.

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Vor einem Industriegebäude in der Bieler Gurzelenstrasse steht eine voll bepackte Europalette mit der Aufschrift Flathold. Der Absender liegt im bulgarischen Kruschuna. Dort steht Europas grösste Produktionsstätte für Klettergriffe. Ihr wichtigster Kunde ist Flathold, die Zweimannfirma im ersten Stock. Matthieu Achermann nimmt die Lieferung entgegen – nach Bulgarien geschickt hatte man einen Prototyp aus weichem Kunststoff. Zurück kommt die Vervielfältigung davon aus hartem Material, ähnlich einem Gestein und schwer.

150'000 Klettergriffe stellt Flathold jährlich her, sie landen in Kletterhallen auf der ganzen Welt. Die Firma ist acht Jahre nach der Gründung einer der grössten Produzenten weltweit für Klettergriffe. Hinter Achermann kniet im nächsten Raum, durch eine Glasscheibe getrennt, Manuel Hassler auf dem Boden. Vor ihm liegt ein Brett voller Löcher. Darin stecken Stäbe, die durch ein Gummiband verbunden sind und gemeinsam ein Vieleck bilden. Durch das Verschieben der Stäbe kann ein 3-D-Körper simuliert werden, welcher die Wandstrukturen abbildet, wie sie später einmal in Kletterhallen stehen könnten. Hassler liefert aber vor allem die Klettergriffe, die daran geschraubt werden. Diese scheinen das Atelier pilzartig zu überwuchern. Sie breiten sich auf dem Boden aus, wachsen auf Tische und über Regale. Es handelt sich um die Prototypen aus gut formbarem Kunststoff. Hassler ist ihr Schöpfer. Die fragilen Kunststoffobjekte werden nach Bulgarien geschickt, wo ein Negativ erstellt wird, aus dem wiederum die Positive aus Polyurethan gegossen werden.

2008 hatte Hassler eine Karriere als Wettkampfkletterer hinter sich, arbeitete als Routenbauer und hatte beruflich «viel begonnen und abgebrochen». Geblieben sind letztlich die Klettergriffe. Basteln im eigenen Keller. Inzwischen ist man davon abgekommen, den Fels imitieren zu wollen, stattdessen sind Klettergriffe eigentliche Plastiken, ästhetisch, verspielt, künstlerisch. Hassler, der ehemalige Wettkämpfer, und Achermann, der einen Bachelor in freier Kunst abgeschlossen hat, sind Teil dieser Entwicklung.

Mit Säge und Fingernägeln

«You’ve got to be a beginner before you can be anything else», steht auf Hasslers T-Shirt. Der Übergang vom «beginner» zum «anything else» kam dann ziemlich abrupt. 2011 bestellte eine japanische Kletterhalle 2000 Griffe. Es ging zu schnell, um einen Produzenten zu finden, und so gossen Hassler und Achermann alles selbst. Da der flüssige Kunststoff schnell aushärtet, waren immer nur ein paar wenige Griffe aufs Mal möglich. Dem Auftrag folgten weitere. Doch diese erste Erfahrung war Motivation genug, um einem Produzenten zu suchen. Der Kunststoffspezialist Composite X liess sich auf die Wünsche der beiden ein. Hassler und Achermann packten kurzerhand alle Negative in einen Kleinbus und fuhren in die nordbulgarische Kleinstadt Kruschuna. Gemeinsam mit den dortigen Verantwortlichen entwickelten sie eine Mischung und produzieren seither dort. Doch die gleichbleibende Qualität des Produktes zu sichern, stellte sich anfangs als Knackpunkt heraus. So nutzte sich in einigen Serien der Kunststoff viel zu schnell ab. Flathold musste Tausende Griffe ersetzen. Seit einigen Jahren stimmt die Qualität. Die Entwicklung der letzten Jahre liest sich denn auch wie ein Wirtschaftsmärchen: Seit 2013 konnte Flathold jedes Jahr die Produktionsmenge verdoppeln. Auch dieses Jahr scheint diesem Trend zu folgen.

«Kein Masterplan.» Manuel Hassler lässt sich vom Material leiten. Bild: Olivier Christe

Hassler nimmt sich einen Block sogenannten Schaums. Er erklärt: «Es ist dasselbe Material, aus dem später die Griffe gegossen werden, Erdöl halt, doch im Flüssigzustand wurde das Polyurethan mit Wasser versetzt. So quoll es auf und bildete diesen formbaren Schaum.» Die Qualität des Schaums ist wichtig, denn sie führt später zur Oberflächenbeschaffenheit: «Möglichst wenige Lufteinschlüsse, homogene Oberfläche. Generell bevorzuge ich weiche Schäume, da ich gerne mit Fingern und Nägeln arbeite.» Auf seiner Werkbank liegt zudem eine kleine Auswahl an Werkzeugen, wie man sie auf einer Tour durch Bastelecke und Küche findet: Handsäge, Schleifpapier, Rüstmesser, Bleistift, Stahlbürste, Raspel und Stechbeitel. Mit der Säge beginnt er aus dem Würfel die grobe Form zu schneiden. Darauf zieht er eine Staubmaske über, greift zur Raspel und zum Stechbeitel und verfeinert diesen Prozess.

Der Staub fällt rasch zu Boden, die Rauchpausen machen Hassler die grösseren Sorgen um seine Lunge. Er kehrt zum entstehenden Griff zurück. Einen Masterplan hat er nicht: «Ich habe eine vage Ahnung, was ich machen will, lasse mich aber vom Material leiten.» Kleine Verletzungen des Materials durch die Säge markiert er mit dem Bleistift, arbeitet sie aus. Immer wieder streckt er den unfertigen Griff weit von sich, betrachtet ihn von allen Seiten, legt Hand an, spürt, wie er sich greifen lässt, und trägt weiter Material ab. «Der Griff muss dem Routenbauer die Möglichkeit bieten, dem Kletterer eine möglichst präzise und zwingende Aufgabe zu stellen.»

Hier zeigt sich die andere Arbeit Hasslers. Er ist seit vielen Jahren Routenbauer für internationale Wettkämpfe. Rund zwei Monate ist er jährlich auf der ganzen Welt unterwegs. Gerade erst ist er von einem Weltcupanlass in Mumbai zurückgekehrt. Obwohl die Griffe von Flathold gerne für schwierige Routen verwendet werden, ist Hassler überzeugt, dass der zwingende Anspruch auch für Anfänger gelten sollte. Er kritisiert die vielen «Treppenrouten», wie er sie oft in europäischen Hallen antreffe. «Nur weil es einfach sein soll, heisst das nicht, dass nur mit den Armen geklettert werden muss. Auch in einfachen Routen ist es möglich, die Kletterer dazu zu zwingen, den ganzen Körper einzusetzen.» Er erwähnt Japan, wo er dies so erlebt hat. «Das durchschnittliche Einsteigerniveau liegt dort im mittleren sechsten Grad, und nach kurzer Zeit klettern die meisten bereits eine 7a.» Also vermutlich deutlich höher als hierzulande, wo das Einsteigerniveau eher im vierten bis fünften Grad liegt.

Zu lange Produktionszeiten

Nach rund einer halben Stunde sieht der Griff fertig aus. Dennoch rechnet Hassler mit weiteren zwei bis drei Stunden, bis er ihn der Serie beilegt. Eine Serie setzt sich aus 50 bis 90 Griffen zusammen, die optisch, aber auch funktional eine Einheit bilden. Aus ihnen kann der Routenbauer kombinieren und so eine Route in einem spezifischen Stil erbauen. Die Flathold-Serien sind gefragt. Und so macht Hassler und Achermann derzeit nicht der Absatz Sorgen, sondern die Produktionsengpässe.

Dass Composite X als Produktionsstätte taugt, hat sich nämlich herumgesprochen: In Europa besitzt die bulgarische Firma inzwischen ein weitgehendes Monopol für die Produktion von Klettergriffen, und obwohl Flathold als grösster Kunde und Mitentwickler gewisse Vorzüge geniesst, sind die Produktionszeiten lang. «Vom fertigen Entwurf bis zum ausgelieferten Griff dauert es zurzeit fast ein Jahr. Das ist zu viel.» Daher baut Flathold nun ein Lager auf, aus dessen Reserve einst geschöpft werden kann. «Der Kletterboom wird uns wohl überdauern. Wichtig ist, weitsichtig zu handeln.»

In den letzten Jahren entstanden in der Schweiz unzählige neue Hallen, darunter Riesen wie das Berner O’Bloc, das Zürcher Griffig oder das Rockspot in Lausanne. Im waadtländischen Villeneuve ist zudem für nächstes Jahr die grösste Kletterhalle Europas geplant. Also jede Menge zu tun für Hassler und Achermann. Doch wie weit kann sich der Klettergriff überhaupt noch entwickeln? «Viele sagen, dass die Möglich­keiten irgendwann ausgeschöpft seien. Das ist falsch. Die Kombinationen aus Oberfläche, Form und Funktion setzen die Grenzen, wenn nicht ins Unendliche, dann doch ins Unerreichbare», sagt Hassler. Und er präzisiert, dass die Lust auf diese Suche bei ihm nicht abzuflauen drohe: «Ich liebe die Stunden hier im Atelier. Irgendwann wird die Arbeit als Routenbauer ein Ende finden – wegen der körperlichen Belastung, wegen der Reisen. Ich werde älter, bin eben Vater geworden. Dann wird die Zeit im Atelier zunehmen.»

Und bei jedem Griff beginnt er wieder mit einem klobigen Stück Kunststoff, das erst allmählich unter seiner Hand zu «anything else» wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 18:15 Uhr

Manuel Hassler

Der Bieler experimentierte schon mit 12 Jahren mit Klettergriffen. Seither hat er sich einen Namen als Schöpfer der Formen aus Kunststoff gemacht.

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