«Frau Meier» wird es schwindlig

Mit einer lebensechten Puppe erproben angehende Hebammen an der ZHAW Winterthur den Ernstfall. Dabei lernen sie auch, Ärzten Aufträge zu erteilen.

«Wir kümmern uns jetzt um Sie»: Angehende Hebammen üben mit einer lebensgrossen Puppe. Foto: Sabina Bobst

«Wir kümmern uns jetzt um Sie»: Angehende Hebammen üben mit einer lebensgrossen Puppe. Foto: Sabina Bobst

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Die vier Studentinnen sind ein wenig aufgekratzt und nervös, denn heute proben sie den Ernstfall. Im Institut für Hebammen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur liegt eine ungewöhnliche Patientin: eine lebensgrosse Puppe mit offenem Mund und dickem Bauch. «Frau Meier» hat den Preis eines Kleinwagens und kann fast so viel wie eine echte Patientin: bluten, gebären, sich Infusionen geben lassen und sogar sprechen. Letzteres übernimmt die Dozentin Claudia Putscher: Spricht sie ins Mikrofon, erweckt sie Frau Meier zum Leben. Die angehenden Hebammen müssen Frau Meier behandeln, werden dabei gefilmt und danach von Kolleginnen und Dozentinnen kritisiert. Dieses Mal ist es noch eine Übung, in wenigen Monaten folgt dann die Prüfung, wieder mit der Puppe.

«Oh, ein Schwall Blut»

Die 22-jährige Lara Hafner macht den Anfang als «Hebamme 1», sie hat die Hauptverantwortung. Sofort schaltet sie in den Aktionsmodus. Die Haare zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden, desinfiziert sie routiniert ihre Hände und begrüsst Frau Meier. Diese hat vor wenigen Stunden ein Kind geboren. «Oh, jetzt kam gerade wieder ein Schwall Blut», spricht es aus der Puppe. Eine gefährliche Situation. Lara Hafner bleibt ruhig – obwohl die Puppe bereits in einer Lache roter Flüssigkeit liegt – und fordert eine zweite Hebamme und eine Ärztin an.

Das Hebammenstudium dauert drei Jahre und 10 Monate, dazu gehören mehrere Praktika. Die Studentinnen, die jetzt mit der Puppe üben, sind im sechsten Semester und haben schon sehr viel theoretisches Wissen. Bei der Notfallübung achten die Dozentinnen deshalb nicht nur darauf, ob die Medikamente richtig verabreicht werden. Wichtiger noch ist die Kommunikation: Kann die Studentin delegieren, traut sie sich, der Ärztin einen Auftrag zu geben? Und schafft sie es, gleichzeitig auch noch die Patientin zu informieren und zu be­ruhigen?

Die Patientin ist in dieser Übung zwar nicht echt, wohl aber die anwesende Ärztin: Elke Prentl, Chefärztin der Klinik für Geburtshilfe am Kantonsspital Winterthur. Als Lara Hafner sie anruft, steht sie nur wenige Meter vom Geschehen entfernt, sagt aber: «Ich bin in etwa drei Minuten da.» Alltag in einem grossen Spital. Lara Hafner und die zweite Hebamme, die eben eingetroffen ist, sind noch eine Weile auf sich allein gestellt – und jetzt wird es Frau Meier auch noch schwindlig.

Als Ärztin Prentl auftaucht, wird die Situation hektisch. Alle möchten etwas tun, Lara Hafner muss den Überblick behalten: Die Ärztin legt einen Katheter, die zweite Hebamme spricht beruhigend auf Frau Meier ein, da sie immer wieder nach ihrem Baby fragt, und Lara Hafner behält eine Hand auf dem Puppenbauch, um den Uterus zu komprimieren, bis die Blutung aufgehört hat.

Ein Beruf mit Verantwortung

«Du bist total ruhig geblieben», loben die anderen Studentinnen nach der Übung. Tatsächlich: Auch als Frau Meier immer wieder fragte, was gerade mit ihr passiere, verlor Hafner die Nerven nicht: «Wir kümmern uns jetzt um Sie, die Details besprechen wir dann später», sagte sie zur Puppe. Trotzdem lief nicht alles optimal. Hafner hatte Hemmungen, die Ärztin mit dem Legen des Katheters zu beauftragen. Und die zweite Hebamme war sich bei der Dosierung eines Medikaments nicht sicher, fragte aber bei Hafner nicht nach, weil diese gerade im Stress war. Eigentlich keine Rechtfertigung, geben die Studentinnen zu.

Inzwischen wurde die blutende Frau Meier gereinigt und wieder schön gebettet. Die Studentinnen sind sich einig: Das war ein lehrreicher Tag. Weil sie die Dozentinnen und Ärzte ausfragen konnten und viel Feedback bekamen. Und eine Erinnerung daran, wie viel Verantwortung sie in ihrem Beruf tragen.

Informationen zum Studium und Anmeldung unter: gesundheit.zhaw.ch

«Als Hebamme vertrete ich die Interessen der Frau»

Lara Hafner (22), im 6. Semester des Bachelors Hebamme an der ZHAW in Winterthur:
«Am Studium gefällt mir, dass wir viele verschiedene Unterrichtsformen haben: von normalen Vorlesungen bis zur Fussreflexzonenmassage. Das Notfalltraining mit der Puppe fühlt sich sehr realistisch an. Während meines Praktikums am Unispital Zürich habe ich auch ‹in echt› kritische Situationen erlebt, allerdings trug ich dabei nie die Hauptverantwortung. Es ist wichtig, dass immer eine Ansprechperson anwesend ist. So lernt man langsam, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte Hebamme werden, weil die Geburt für mich wie ein Wunder ist, und weil ich die Frau in ­einer wichtigen Situation unterstützen kann. In der Geburtshilfe gibt es vieles, was man nicht nach Lehrbuch lernen kann; oft kommt es anders als geplant. Das macht diesen Beruf so spannend.»

Lara Broder (23), im 6. Semester des Bachelors Hebamme an der ZHAW Winterthur:
«Ich übte bereits zum zweiten Mal mit der Puppe und würde es gern noch öfter machen. Man kann sich die echte Situation so einfach besser vorstellen, darum war ich auch ein wenig nervös. Dass ich Hebamme werden will, war mir schon als Kind klar. An der ZHAW werden Theorie und Praxis gut in Einklang gebracht. Je mehr Erfahrung ich sammle, desto mehr Vertrauen habe ich in mein eigenes Handeln – und desto besser kann ich mit der grossen Verantwortung umgehen. Manchmal muss man schnell zwischen sehr glücklichen und sehr traurigen Situationen wechseln können, das ist eine Herausforderung. Der Beruf begeistert mich, und ich finde es eine Ehre, bei einem solch wichtigen Schritt im Leben anderer Menschen dabei zu sein.»

Sanda Markovic (24), im 6. Semester des Bachelors Hebamme an der ZHAW Winterthur:
«Eine unbekannte Situation durchzuspielen, bringt viel. Bei meiner Notfallübung mit einer Baby-Puppe fiel der Monitor aus – das kann auch im echten Leben passieren, und ich bin froh, dass ich diese Situation jetzt schon mal bewältigen konnte. Überhaupt kann man im Studium das Gelernte sehr oft in die Praxis umsetzen. Als Hebamme vertrete ich die Interessen der Frau. Dabei läuft man manchmal auch Gefahr, in einen Konflikt mit den Ärzten zu geraten. Zudem müssen alle Patientinnen gleich behandelt werden – auch eine Drogensüchtige verdient unsere Betreuung. Nach dem Studium möchte ich zuerst einige Zeit in einem grossen Spital arbeiten, um genügend Berufserfahrung zu sammeln. Später sehe ich mich in einem sehr kleinen Spital oder als Beleghebamme.»

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