In acht Jahren um die Welt

Freunde in Nepal besuchen – das wollten die Lepres. Es war der Start zur vielleicht längsten Velotour.

«Man lernt, dass absolut nichts im Leben dringend ist»: Luciano und Verena Lepre, hier gerade in Bolivien.

«Man lernt, dass absolut nichts im Leben dringend ist»: Luciano und Verena Lepre, hier gerade in Bolivien. Bild: Luciano Lepre

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Dann waren sie mal weg. Verena Lepre und ihr Mann Luciano. Beide im Aussendienst. Beide um die 40. Als sie wieder da waren, steuerten sie auf die 50 zu. Dazwischen lag eine Velotour, die statt einiger Monate acht Jahre dauerte. Von dieser Reise erzählen die Lepres seither. Bei Multivisionsvorträgen, die schon gegen 30'000 Leute gesehen haben. Speziell über ihre Japan-Erlebnissen berichten sie ab heute im Raum Zürich. Live und mit vielen Anekdoten. Davor der Versuch, eine Velotour der Extreme in ein paar Fragen einzufangen.

Acht Jahre Velo fahren – wie kommt man auf die Idee?
Mehr aus Zufall. Velos hatten wir keine, dafür zwei Firmenwagen, zwei Weltreisen mit öffentlichen Transportmitteln hinter uns und eine Liebesgeschichte, die uns seit Jahren mit einem nepalesischen Dorf und seinen Bewohnern verbindet. Plötzlich war die Idee da: Wieso unsere Freunde nicht mit dem Velo besuchen? Nach 14 Monaten kamen wir an, blieben 4 Monate und radelten einfach weiter.

Wie finanziert man die Idee?
Unser Wunsch war, frei zu sein, Sponsoren wollten wir deshalb keine. Gleichzeitig fällt eine astronomische Summe weg, weil man alles aufgibt – Heim, Krankenkasse, Versicherungen. Wir hatten ein Budget von 20 Franken pro Tag. Und das ist machbar, wenn man im Zelt übernachtet und das billigste aller Transportmittel benützt. Letztlich haben wir dann ein Drittel der Zeit im Zelt, ein Drittel bei Gastfamilien und ein Drittel in Billigsthotels übernachtet. Über Wasser hielt uns, dass wir, etwa in Japan, eigene Postkarten verkauften oder in vielen Ländern Fotos und Reiseberichte veröffentlichen konnten.

Das schönste Erlebnis? (I)
Die Ankunft bei unseren Freunden in Nepal. Beim Eintreffen sagte mir meine nepalesische Freundin fast ein wenig vorwurfsvoll, ich sei sehr spät dran!

Wie reagieren Nepalesen auf Velofahrer?
So wie vielerorts, mit Kopfschütteln. Wie dumm müssen Europäer sein, um das Fahrrad zu wählen, wo sie doch genug Geld für ein Flugticket haben?

In welchem Land hat man am wenigsten Verständnis für Velos?
In Italien, Indien und Pakistan. Da wird man als Radler oft ignoriert und sollte am besten die Strassen meiden.

Die grössten Vorurteile, die Sie ablegen konnten?
Dass man eine Reise genau planen muss. Ein Jahr waren wir unterwegs, da entschieden wir uns, ohne Karten und Reiseführer zu reisen. Das Sonnenlicht und die Saison planten den Weg, und die Menschen, die wir trafen, beschrieben uns die Routen.

Das schönste Erlebnis? (II)
Die Bekanntschaft und Einladung bei Scheich Salem in Oman. Dort genossen wir drei Tage das grosse Privileg, in einer reichen omanischen Familie Gast zu sein und einen tiefen Einblick ins arabische Familienleben zu erhalten.

Das gefährlichste Erlebnis?
Gefährliche Situationen kann man meistens umgehen, indem man sie im Voraus abschätzt. Und bis auf einmal lief alles rund. Dann plötzlich in Guatemala City stehe ich vor drei Pistolen. Um Angst zu haben, hat man kaum Zeit. In ein paar Sekunden ist der Spuk vorbei. Es kommt einem vor wie im Film, nur dass Fotomaterial, Pass, Geld und Tagebuch weg sind. Dafür haben sie mir das Leben gelassen, das heisst, alles!

Wonach sehnt man sich?
Bei mir war es die Ecke am Genfersee, wo wir wohnten. Und meine Eltern. Während wir unterwegs waren, wurden sie alt und mussten ins Altersheim.

Das schlimmste Erlebnis?
Eine Steuerrechnung von 50'000 Franken, die uns in Patagonien erreichte. Auch das ist die Schweiz: Glaub ja nie, dass du vom Steueramt vergessen wirst. Auch dann nicht, wenn du dich vor der Reise offiziell verabschiedet hast!

Der steilste Berg?
Unglaublich war der Apacheta-Pass in Peru. Von Meereshöhe bis auf 4800 m. 120 Kilometer. Zwei Tage nur bergauf.

Der mühsamste Platten?
Alle 176 Platten waren mühsam zum Flicken, und die 42 Speichenbrüche, 6 verbogenen Felgen und ein gebrochener Rahmen ebenso. In Patagonien war der Schlauch so zerrissen, dass wir den Pneu mit Gras stopfen mussten, um das Rad noch zwei lange Tage bis ins nächste Dorf schieben zu können.

Die herrlichste Strasse?
Der Karakorum Highway. Von Rawalpindi in Pakistan bis nach Kashgar in China. 1400 km nur Staunen ob der Vielfalt der Landschaft. Und nach dem Kunjerab-Pass auf 4750 Meter Höhe kam das Beste, die friedliche und sanfte Landschaft vom Pamir. Weg von der Welt, in eine Landschaft einzutauchen, die unberührt ist und unberührbar scheint. Fast wie am ersten Tag der Schöpfung.

Wie verändert man sich in acht Jahren?
Unbemerkt verändern sich alle Massstäbe. Da man auf der Strasse lebt, ist nichts mehr sicher, aber alles möglich. Man lernt, dass jeder Unbekannte ein Freund sein kann, der die eigenen Ansichten verändern wird. Man lernt, dass absolut nichts im Leben dringend ist. Dass man mit Willen, Ausdauer und Leidenschaft viel erreichen kann. Ausserdem muss man sich jeden Tag neu anpassen. Man ist überall Ausländer und Gast. Man lernt, sich wie ein Chamäleon anzupassen, und lässt sich für wichtige Entscheidungen vom Herz leiten.

Der grösste Umweg?
Das Wadi Rum in Jordanien wurde zur längsten «Abkürzung». Drei volle Tage schoben wir unsere 50 kg schweren Räder durch tiefen Wüstensand, um 45 km hinter uns zu bringen.

Wann will man nur noch absteigen und nach Hause?
So alle paar Monate überkam mich der «Velokater», und dann hatte ich nur noch Lust auf ein kühles Bier und ein komfortables Sofa.

Wieso fährt man trotzdem weiter?
Weil gleich um die nächste Ecke eine Überraschung wartet. Weil das Bedürfnis nach zeitloser Freiheit so wichtig wird wie der Sauerstoff.

Wie hält man es acht Jahre Tag für Tag miteinander aus?
Wenige Dinge brauchen mehr Willen als das Miteinander unterwegs. 24 Stunden am Tag, da integriert sich der Partner fast nahtlos ins eigene Leben, und beide verlieren ein Stück der eigenen Identität. Diesem Konflikt muss man sich stellen. Glücklicherweise haben wir beide nach jedem Krach das Bedürfnis, den Frieden wieder zu suchen. Das bedingt langes Diskutieren und den Willen von beiden, einen Ausweg zu suchen. Trotzdem, das siebte Jahr sind wir getrennt geradelt. Luciano durch Zentral- und Südamerika, ich durch Europa. Die Trennung war sozusagen ein notwendiges Übel, um zu erkennen, wer man ohne Partner ist. Ausserdem muss man im Leben manchmal verlieren, was man liebt, um dessen Wert zu erkennen.

Das schönste Erlebnis? (III)
Das Eintreffen nach acht Jahren vor unserer Haustür. Nie hätten wir uns vorstellen können, dass es möglich ist, auf diesem unbequemen Untersatz eine Runde um die Welt zu drehen.

Wie ist das Nachhausekommen?
Interessant. Auch wenn wir seit Ende 2004 wieder hier sind, befinden wir uns noch immer in «Landephase». Wir benehmen uns wie Frühpensionierte, besitzen noch immer nichts ausser Zeit. Das befähigt uns, all das wegzulassen, was uns nicht mehr interessiert. Der Konsumtrip und die ewige Hetzerei. Das bedingt, möglichst wenig fest zu planen, sich nur im Fahrradtempo zu bewegen und dabei jedem Tag die Chance zu geben, einen zu überraschen. So wie wir das unterwegs schon gemacht haben.

Wie viele Freunde verliert man in acht Jahren?
Einige, was sehr schmerzt. Man sieht sich, merkt aber relativ rasch, dass man nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge ist. Umgekehrt besuchen uns nun Freunde und Bekannte aus fast jeder Ecke der Welt.

Ist die Welt grösser oder kleiner geworden?
Kleiner, aber nicht wegen der Reise, sondern weil es seit unserer Rückkehr etwas gibt, was es zuvor nicht gegeben hat: das Internet.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

Faszination «Japan». Am 12.1. im Doktorhaus Wallisellen, 19.30 Uhr. Am 16.1. im Stadthaussaal Effretikon, 17 Uhr. Am 17. und18.1. im Zürcher Volkshaus, 19.30 Uhr. Tickets bei Startickets. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2011, 20:44 Uhr

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