Eine sterbende Revolution und ein aufmüpfiges Kirchenvolk

Papst Benedikt XVI. trifft bei seinem bevorstehenden Besuch auf ein anderes Kuba als sein Vorgänger Johannes Paul II. im Jahr 1998.

Kubas Kirche markiert Präsenz: Kreuzwegprozession in der Hauptstadt Havanna am 3. März.

Kubas Kirche markiert Präsenz: Kreuzwegprozession in der Hauptstadt Havanna am 3. März. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vom katholischen Festland Mexiko kommend, wird Papst Benedikt am Montag für einen dreitägigen Besuch auf einer kleinen Insel landen, wo das Volk «an nichts und niemanden glaubt». Das sagen Kubanerinnen und Kubaner gerne, wenn man sie nach ihrem Glauben fragt. Verlässliche Statistiken und Zahlen darüber, wer was glaubt, gibt es keine. Klar ist: Für das erzkatholische Lateinamerika ist das kommunistische Kuba eine Insel der Ungläubigen. Die Volksreligion ist die Santería: ein Gemisch aus afrikanischen Gottheiten und Kulten, die mit den Sklaven ins Land kamen, und dem Katholizismus, den die spanischen Kolonialherren dem Inselvolk aufzwangen.

Die katholische Kirche hatte es in den letzten 50 Jahren schwer in Kuba: Nach der Revolution von 1959 schloss der ehemalige Jesuitenschüler Fidel Castro praktisch alle religiösen Schulen und Priesterseminare, vertrieb Hunderte Geistliche und Ordensleute ins Exil und erklärte sein Land zum atheistischen Staat. Der Vatikan bestrafte den Revolutionsführer mit der Exkommunizierung. Für die katholische Kirche ist Kuba verbrannte Erde, ein Land verlorener Schäfchen. Diese irren ziellos, kraftlos und zunehmend verzweifelt durchs Leben – mehr denn je seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die das Inselvolk ernährt hatte, und dem Tod des Kommunismus in Europa. Geblieben sind die Castros. Die beiden alten Recken halten den Hirtenstab mit letzter Kraft hoch, doch nicht einmal mehr ihr riesiges Rudel von Wachhunden schafft es heute, die Schafherde zusammenzuhalten.

Fidel gab sich gemässigt

Kein Wunder, wendet sich die katholische Kirche dem verlorenen Inselvolk zu und versucht, dem versprengten Haufen wieder Hoffnung, Sinn und Glauben zu geben. 1998 kam Johannes Paul II., der Papst der Herzen und Antikommunist aus Polen. Er kam in ein Land, wo gerade noch Bomben explodiert waren (die Drahtzieher waren Exilkubaner). Ein Land, das die wenigen Dissidenten gnadenlos verfolgte und einen Kongress der Kommunistischen Partei hinter sich hatte, mit einem gesunden Fidel vorne und den übergrossen Porträts von Marx und Lenin im Rücken. In jenem Kuba sprach der Papst fünf Tage lang zu einem Volk im Schwebezustand ohne Orientierung, aber mit einem Funken Hoffnung, der Pontifex maximus könne den Máximo Líder zum Wandel bekehren. Johannes Paul II. fand deutliche Worte, auf dem Revolutionsplatz in Havanna sprach er ein Dutzend Mal das Wort «Freiheit» aus und elektrisierte damit Hunderttausende.

Fidel Castro legte seine olivgrüne Uniform ab und empfing das kirchliche Oberhaupt wie ein Ministrant. Doch er fürchtete sich nicht, denn er war es, der die Massenmobilisierung zugunsten des Papstes inszenierte, organisierte und kontrollierte. Fidel, geschickt wie immer, gewährte der katholischen Kirche auf der Insel mehr Freiräume, erlaubte ihr, ausländische Missionare ins Land zu holen, Kirchen zu restaurieren, und den Bau eines Priesterseminars. Auch andere Glaubensgemeinschaften haben davon profitiert. In Kuba gehen heute wieder mehr Menschen in die Kirche.

Das Volk will mehr

Das Fenster zur Freiheit, das der Papst mit seinen Worten dem Volk geöffnet hatte, schloss der Revolutionsführer jedoch sofort wieder. Retter in der Not war nicht der Papst, sondern der venezolanische Präsident Hugo Chávez. Mit Erdöl und grosszügiger Hilfe hält er seither die Insel wirtschaftlich über Wasser wie einst die Sowjetunion. Mit der aufblühenden Opposition kannte Fidel keine Gnade: Im «schwarzen Frühling» 2003 liess er 75 Oppositionelle zu langjährigen Haftstrafen verurteilen. Drei Jahre später wurde er krank und musste das Zepter seinem jüngeren Bruder Raúl übergeben, einem Mann ohne Charisma, aber mit Pragmatismus. Weil er sich nicht wie sein grosser Bruder mit Instinkt und Kraft der Worte an der Macht halten kann, ist er gezwungen, dem Volk Brosamen hinzuwerfen. Er tut dies zögerlich, nach dem Prinzip: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Raúls wirtschaftliche «graduelle Anpassungen» haben den Menschen Freiheiten gebracht, die sie unter Fidel nie hatten. Bitter für Raúl: Dem Volk geht alles viel zu langsam, es lässt sich nicht mit ein paar kleinen Reformen beruhigen, im Gegenteil: Es wird ungeduldiger, will mehr. Doch mit jeder Schraube, die das Regime lockert, wird das starre System wackliger, der Totalschaden sichtbarer. Die Kubaner sagen: Mit jedem Problem, das Raúl gelöst hat, tauchen zehn neue auf. Eine gefährliche Nebenwirkung der neuen Politik, dem Volk kleine Geschäfte auf eigene Rechnung und Privateigentum zu ermöglichen: Die soziale Ungleichheit wächst rasant – mit ihr der Unmut und der Mut, Missstände anzuprangern und mehr Rechte einzufordern.

«Ein Land am Abgrund»

In den letzten Jahren ist in Kuba eine Opposition herangewachsen, die Raúl selber mit ermöglicht hat, indem er den Kauf von Handys und Computer zuliess. In vielen Provinzen sind Gruppen und Zirkel von Dissidenten, unabhängigen Journalisten entstanden, die gut vernetzt sind, filmen, schreiben, twittern, bloggen und sich organisieren. Oppositionelle Debattierzirkel sind in Wohnungen und Publikationen online oder in kleinen Auflagen auf Papier entstanden.

Nach dem «schwarzen Frühling» formierten sich die Damen in Weiss und gingen jeden Sonntag auf die Strasse, um die Freiheit ihrer eingekerkerten Angehörigen zu fordern. 2010 hungerte sich ein politisch Gefangener zu Tode. Öffentliche Protestaktionen werden von politischer Polizei und der Staatssicherheit immer noch sofort und teils gewaltsam aufgelöst. Aber die Welt und immer mehr Menschen in Kuba erfahren es, wenn das Regime Stosstrupps auf Kritiker hetzt. Kubaner dürfen zwar nach wie vor kein Internet haben, doch viele finden Lücken ins World Wide Web. Die Regierung kann diese nicht mehr schliessen und immer weniger kontrollieren.

In der Zwangsjacke Socialismo und mit dem grossen Bruder im Nacken muss Castro II «ein Land am Abgrund» (Raúls Worte) in die Zukunft führen. Er braucht dafür Hilfe und den Segen der katholischen Kirche. Der erste hohe Repräsentant, den er nach der Amtsübernahme empfing, war der Kardinalstaatssekretär aus dem Vatikan. Raúl hat den Klerus ins dümpelnde Wrack geholt und zu einem innenpolitischen Verhandlungspartner gemacht, allen voran den Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega. 1966 schmorte dieser im Zwangsarbeits- und Umerziehungslager, heute ruft sein Tête-à-tête mit Raúl bei Dissidenten und bei couragierten Geistlichen Kritik hervor. Der Kardinal habe sich auf die Seite des Regimes statt des Volks geschlagen. Kritiker sagen, die Kirche müsste sich für die Unterdrückten einsetzen, statt sich mit den Unterdrückern an einen Tisch zu setzen. An diesem Tisch hat Kardinal Ortega jedoch erreicht, dass Raúl in den letzten drei Jahren 3000 Gefangene freigelassen hat, auch die 75 Oppositionellen des «schwarzen Frühlings». Fast alle wurden samt Familie ins Zwangsexil nach Spanien abgeschoben.

Papst in einer schwierigen Rolle

Papst Benedikt trifft auf eine Insel im Umbruch und eine ungeduldige Volksseele. Sein Besuch ist politisch brisant. Letzte Woche haben Oppositionelle eine grosse Kirche in Havanna besetzt, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Am Tag darauf erschien im Parteiblatt «Granma» ein Communiqué des Erzbistums Havanna: Es zeigte kein Verständnis für die Besetzung. 750 Oppositionelle haben in einem offenen Brief gar gefordert, Papa Benedicto solle gar nicht kommen, weil sein Besuch nur dem Regime nütze. Was für dieses zähle, sei, der Welt zu zeigen: Seht her, der Papst reicht Raúl Castro die Hand.

Die besonnenen Dissidenten, die für friedlichen Wandel einstehen, haben diesen Brief nicht unterschrieben. Sie fordern jedoch vom Papst, dass er sich auch mit Vertretern der Opposition treffe oder zumindest klare Zeichen und Worte an all jene richte, die ein anderes Kuba wollen und vom Regime unterdrückt werden. Das erwarten auch volksnahe Pfarrer und Geistliche. Sie sagen: Wendet sich Papst Benedikt nicht den kritischen Stimmen zu, ist es, als wäre er nicht im Kuba von heute gewesen.

Dem kubanischen Volk gehen die Reformen von Fidel Castros Bruder Raúl viel zu langsam. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2012, 20:07 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

Premiere

Benedikts erste Reise nach Lateinamerika

Es ist ein historischer Besuch: Im siebten Jahr seines Pontifikats unternimmt Benedikt XVI. seine erste Pastoralreise in die Weltgegend mit den meisten Katholiken. Das Programm ist ziemlich gedrängt. Der Papst fliegt am Freitag, 23. März, nach Guanajuato. Tags darauf wird er von Mexikos Präsident Felipe Calderón empfangen und in Guanajuato eine Gruppe von Kindern treffen. Am 25. März liest Benedikt XVI. eine Messe in León. Einen Tag später reist er weiter nach Santiago de Cuba. Am 27. März fliegt er nach Havanna. Dort wird er Präsident Raúl Castro und die Bischöfe des Landes treffen. Am Mittwoch, 28. März, folgt eine heilige Messe auf dem Revolutionsplatz. Der Flug zurück nach Rom ist auf den Nachmittag angesetzt. (TA)

Artikel zum Thema

«Mordkomplott gegen den Papst»

Eine italienische Zeitung hat ein brisantes Dokument aus dem Vatikan veröffentlicht. Darin heisst es, dass Benedikt XVI. in diesem Jahr sterben werde. «Das ist Wahnsinn», sagt der Sprecher des Papstes. Mehr...

Castros Weihnachtsgeschenk an den Papst

Auf Kuba steht ein Besuch von Papst Benedikt XVI. an, und Präsident Raúl Castro verfügt eine humanitäre Geste: Die Regierung will fast 3000 Häftlinge aus dem Gefängnis freilassen, darunter auch 86 Ausländer. Mehr...

Kubas Reformen sind epochal – und dennoch halbherzig

Heute kommt die Kommunistische Partei Kubas nach nur neun Monaten erneut zusammen. Die Abgeordneten sollen die von Raúl Castro propagierten Reformen ausweiten. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Schall und Rauch: Kiffer versammeln sich vor dem kanadischen Parlamentshaus in Ottawa, um bei der jährlichen sogenannten «4/20»-Demonstration teilzunehmen. Das Land hat den Cannabiskonsum legalisiert. (20. April 2018)
(Bild: Chris Wattie ) Mehr...