Lauter Anstifter

Das Berner Museum für Kommunikation hat sich erneuert: Der Alltag zählt mehr als die Technik – und die eigene Auseinandersetzung mehr als die Wissensvermittlung.

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Daniel Di Falco

«Le musée n’existe pas.» Das steht auf den T-Shirts, die die Angestellten im Museum jetzt tragen. Aber auch: «Follow me». Oder: «Was passiert, wenn man jemanden anstupst?» Genau dafür sind sie tatsächlich hier: die «Kommunikatorinnen» und «Kommunikatoren». So nennt man neu die Mitarbeiter, die sich in der Ausstellung ums Publikum kümmern – aber nicht mehr als Aufpasser, sondern als speziell geschulte «Gastgeber». Sie sollen die Besucher künftig «zum Gespräch einladen» oder «Hintergrundgeschichten erzählen».

Aber sie sind auch für ganz einfache Fragen da. Etwa für jene, wo eigentlich das Briefchen in der Kapsel landet, die man mit der Rohrpost eigenhändig losschicken kann. Den populären Apparat gibt es nach wie vor, samt seinem charmanten pneumatischen Zischen und Schnaufen – aber sonst hat sich sehr viel getan mit der Gesamterneuerung, die das Museum für Kommunikation die vergangenen fünf Jahre beschäftigt und elf Millionen Franken gekostet hat. Zuletzt in einer einjährigen Umbauphase, in der auch die ursprüngliche Transparenz und Offenheit des Gebäudes an der Helvetiastrasse wieder hergestellt wurde. Morgen Samstag geht das Museum mit der neuen Dauerausstellung nun wieder auf.

Dass es mit den «Kommunikatoren» einen neuen Beruf erfunden habe, wie es bei der Medienpräsentation hiess, ist zwar ein bisschen übertrieben. So wie auch das Versprechen, dank diesem «persönlichen Dialog» werde nun jeder Besuch zum «individuellen Erlebnis» – «etwas, was die Schweiz bisher nicht kennt». Denn tatsächlich besteht noch die konventionellste Ausstellung auch daraus, wie sie jeder Besucher persönlich erfährt und was er individuell damit anstellt.

Was zwischen Menschen passiert

Doch auf jeden Fall macht dieses Haus mit den Kommunikatoren einen weiteren Schritt weg von dem, was es früher einmal war, als es noch «PTT-Museum» hiess. Kommunikation ist nicht mehr nur Telekommunikation, und das Museum erzählt nicht nur die Technikgeschichte der mit Geräten vermittelten Kommunikation. Kommunikation ist vielmehr jenes grosse Ganze, das zwischen Menschen passiert. Wie aber stellt man das aus? Eine der Antworten hier: Man bringt die Besucher selber zum Kommunizieren. Und das auf mehrfache Weise.

Schon 2003, mit der letzten grossen Modernisierung, hat das Haus diese Richtung eingeschlagen: von der Technik zum Alltag. Und in seinen Sonderschauen hat es sein Thema schon bisher breiter verstanden – mit Themen wie den Gerüchten oder der Schönheit. Auf diesem Stand ist nun auch die Dauerausstellung. So bilden die Stücke aus dem Sammlungsdepot jetzt nur noch eines von fünf Ausstellungskapiteln. Es heisst bezeichnenderweise «Tools», also Mittel, nicht etwa Zweck, und mehr als vom technischen Fortschritt erzählen die Objekte hier von ihrem Gebrauch, ihrem alltäglichen Sinn.

Es sind bunte Sammelsurien von Dingen, die mehrere Wände im Erdgeschoss hochreichen, und mittendrin kann man zum Beispiel die Krawatten entdecken, die der legendäre «Tagesschau»-Moderator Charles Clerc dem Museum überlassen hat. Ein Streich auf dem Touchscreen vor der Objektwand, und die Krawatten berichten von einem abendlichen Ritual in diesem Land, der Familienversammlung vor dem Fernsehbildschirm.

Eine der vier weiteren Abteilungen ist das «Labor», das Dinge wie Gesten, Blicke oder kulturell bedingte Missverständnisse zum Thema macht; viel davon in Stationen, bei denen man Hand anlegen kann. So etwa im «Film-Karaoke», wo es Kinodialoge zu synchronisieren gilt – ein kleiner Test für die persönlichen Imitations- und Interaktionskünste. Folgen die Themen von Erinnern und Vergessen («Mémoire»), die Herausforderungen der Digitalisierung («Data Center») sowie die Etappen jener Kommunikationsrevolution («Change»), die mit der Postkutsche anfing und bei der Drohne endet.

Auf dem Laufenden bleiben

Derzeit jedenfalls, denn diese Geschichte hat ein offenes Ende. Doch mehr als bisher soll die Dauerausstellung so flexibel angelegt sein, dass sie sich in den kommenden Jahren aktuell halten lässt. Nicht zuletzt sind die Kommunikatoren auch dafür gedacht: Sie sollen ein Ohr für die Themen haben, die das Publikum aus dem Alltag ins Museum bringt.

«Die Besucher sind die Experten», sagt Jacqueline Strauss, Direktorin des Hauses. So oder ähnlich hört man es derzeit oft in der Branche. Doch konkret bedeutet es hier, dass man es weniger auf die Vermittlung von fixfertigem Wissen angelegt hat als auf die Anregung zur Auseinandersetzung mit offenen Fragen. Und zu denen gehört der Umgang mit den persönlichen Daten genauso wie jener mit den persönlichen Kleidern und den Botschaften, die sie aussenden.

Nicht umsonst enden die Texte oft mit einem Fragezeichen statt einem Punkt. Auch im «Data Center», jener Abteilung, wo das Licht so blau und kühl wie in einem Serverraum auf polierte schwarze Oberflächen fällt. «Doch wozu eigentlich?» heisst es beim Fall jener Hacker, die seinerzeit die Daten von WEF-Teilnehmern klauten – und schon hat man die Frage auf dem Tisch, worin sich diese Robin-Hood-Truppe von Google unterscheidet: Gläsern wollen es beide.

Zu den offenen Fragen kommt ein geschickter Umgang mit dem, was im Museumsjargon die «unterschiedlichen Lesetiefen» sind. Ums Lesen geht es dabei nicht immer; die Medien wechseln sich munter von Texten bis zu Trickfilmen ab. Aber immer hat man es mit mehreren Darstellungs- und Informationsschichten zu tun: Wer es gründlich möchte, kann tiefer graben in der Fülle, die er geboten bekommt – wer weniger will, erlebt trotzdem etwas.

Das braucht eine Ausstellungsarchitektur, die den Besucher anregt, indem sie ihm Entdeckerfreuden verspricht, und die ist dem holländischen Büro Kossman/Dejong gelungen. Architektur ist eben auch Kommunikation, und die hier vermittelt schon auf den ersten Blick zwei Botschaften zugleich: Substanz und Verspieltheit. Kein kleines Kunststück.

Eröffnungsfest: morgen Samstag von 14 bis 24 Uhr. Mit Führungen, Konzert, Kino, Kinderprogramm, Dachterrassenbar, Postautofahrten und mehr. www.mfk.ch/fest.

Der Bund

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