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Schweizer Löhne im VergleichLangsam, langsam holen Frauen beim Lohn auf

Die Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern sinkt. Dafür wächst der Anteil der Tieflohnjobs.

Gut ausgebildete Beschäftigte in der Pharmaindustrie gehören zu den bestbezahlten Arbeitnehmern in der Schweiz.
Gut ausgebildete Beschäftigte in der Pharmaindustrie gehören zu den bestbezahlten Arbeitnehmern in der Schweiz.
Foto: Urs Jaudas

6538 Franken – so viel verdiente 2018 ein Arbeitnehmer brutto pro Monat für eine Vollzeitstelle im Mittel. 2016 hatte dieser Medianlohn bei 6502 Franken gelegen. Trotzdem blieb 2018 weniger im Portemonnaie, denn real ergab sich ein Minus von 0,4 Prozent, weil die Teuerung das Lohnwachstum wegfrass.

Die höchsten Gehälter bezahlten die Finanzdienstleister mit einem Medianwert von 9921 Franken sowie die Pharmaindustrie mit 9747 Franken. Am Ende der Rangliste stehen die Gastronomie (4412 Franken) und persönliche Dienstleistungen wie Coiffeure oder Masseurinnen (4144 Franken).

Ermittelt wurden die am Dienstag veröffentlichten Zahlen vom Bundesamt für Statistik (BFS) aufgrund einer Umfrage bei über 36’000 Firmen mit rund 2 Millionen Mitarbeitenden. Die Erhebung wird alle zwei Jahre durchgeführt. Medianlohn bedeutet: Die eine Hälfte der hierzulande beschäftigten Arbeitnehmer verdient mehr, die andere Hälfte weniger.

Mehr Augenmerk auf Mütter

Die jüngste Lohnstrukturerhebung des BFS lässt ferner eine Reihe qualitativer Aussagen zu, die insgesamt ein gemischtes Bild ergeben. Erfreut zeigen sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter mit Blick auf die verringerte Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern. 2018 betrug diese 11,5 Prozent – verglichen mit 12 und 12,5 Prozent in den Jahren 2016 und 2014.

Für Simon Wey, Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, bestätigt sich, dass der Lohnrückstand der Frauen vor allem auf deren «geringere Eingliederung in den Arbeitsmarkt» zurückzuführen sei. Nach wie vor würden sich junge Mütter besonders stark aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Mit verbesserten Angeboten zur Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen, diese Angebote wahrzunehmen, sollte sich dieses Phänomen, so Wey, «in nächster Zeit hoffentlich zunehmend schneller abschwächen».

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, verweist auf den «überproportional starken Anteil von Frauen in den Tieflohnsegmenten von unter 4500 Franken». Umgekehrt seien die Frauen bei Löhnen über 16’000 Franken mit einem Anteil von weniger als 18 Prozent deutlich untervertreten.

Wieder mehr Tieflohnjobs

Von einem «Rückschlag, der richtig wehtut», spricht Lampart in Bezug auf die wachsende Zahl von Tieflohnstellen. 2018 zählte das BFS 353’000 solcher Jobs, nach 329’000 zwei Jahre früher. Als Tieflohn gilt ein Monatsverdienst von weniger als zwei Drittel des Bruttomedianlohns, dies bei einem Vollzeitpensum von 40 Wochenstunden. Für 2018 liegt die Schwelle bei 4359 Franken.

Mit einem solchen Lohn mussten über 480’000 Beschäftigte auskommen, was gut 12 Prozent aller hiesigen Arbeitskräfte entspricht. Der seit 2008 zu beobachtende Trend eines schrumpfenden Tieflohnsektors scheint damit gebrochen. Wey vom Arbeitgeberverband spricht von «einer eher überraschenden und zugleich etwas unschönen Feststellung» im Rahmen der Lohnstrukturerhebung.

Was sind die Gründe? Lampart vom Gewerkschaftsbund sieht das Hauptproblem «in den Branchen, die keine Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen haben». Dazu zählten die Sicherheitsbranche sowie Post- und Kurierdienste, wo die Löhne in jüngerer Zeit gar noch gesunken seien.

Wie Simon Wey aber herausstreicht, «hat sich die Lohnschere in der Schweiz seit 2008 sogar leicht geschlossen – im Unterschied zu vielen anderen Ländern». Vielmehr seien auch die Geringverdiener in den Genuss von Lohnerhöhungen gekommen.

Tatsächlich verzeichneten die 10 Prozent der Beschäftigten mit den tiefsten Salären zwischen 2008 und 2018 eine Lohnsteigerung von 9,6 Prozent, wie die Bundesstatistiker errechneten. Bei den 10 Prozent am besten Bezahlter legten die Bezüge um 9,1 Prozent zu, und die Mittelschicht – sie verdient zwischen 70 und 150 Prozent des Medianlohns – verzeichnete einen Lohnzuwachs von 7,3 Prozent.

Allerdings scheint das Einkommensgefälle zwischen 2016 und 2018 tendenziell wieder grösser geworden zu sein. Denn die Geringverdiener mussten mit noch weniger auskommen, während Hochlohnbezieher besser entlohnt wurden. So erhielten die 10 Prozent der Beschäftigten mit den tiefsten Löhnen zuletzt knapp 4302 Franken pro Monat – verglichen mit knapp 4313 Franken im Jahr 2016. Die am besten bezahlten 10 Prozent verdienten 2018 gut 11’698 Franken, nach über 11’406 Franken zwei Jahre vorher.

«Für zahlreiche Arbeitnehmer waren 2016 bis 2018 verlorene Jahre, vorab für jene in Branchen ohne Gesamtarbeitsverträge», resümiert Daniel Lampart. «Ihre Reallöhne sind gesunken.»