Lang, steil, traumhaft

Der Jungfrau-Marathon, der am Samstag zum 24. Mal mit Start in Interlaken und Ziel auf der Kleinen Scheidegg stattfindet, ist eine einzigartige, fortwährende Erfolgsgeschichte.

Die unvergleichliche Strecke des Jungfrau-Marathons ist ein Erfolgsfaktor (Archivbild).

Die unvergleichliche Strecke des Jungfrau-Marathons ist ein Erfolgsfaktor (Archivbild).

(Bild: Keystone Alessandro Della Valle (Archiv))

Diese Szenerie, dieser grossartige Anblick: das Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger schier zum Greifen nah. Auslöser für manches «Wow» ist dieser ­Augenblick, den sich die Läuferinnen und Läufer des Jungfrau-Marathons so hart verdienen müssen, und der sich ­ihnen so unvermittelt bietet nach der Skiliftstation Wixi, nach 38 zurückgelegten Kilometern, fast 1600 gemeisterten Höhenmetern und einer Wettkampfdauer von zweieinhalb, drei, vier, fünf oder auch fünfeinhalb Stunden.

Jetzt wird (auch hier) das Smartphone gezückt, der Lauffluss kurz unterbrochen, ein Selfie muss sein. Es ist das Ankommen am Fuss der drei weltbekannten Berge – und es tut sich eine neue Energiequelle auf, eine Zusatzmotivation für die restlichen vier ­Kilometer, ein tragendes Gefühl von ­Demut. Jetzt scheint das Ziel plötzlich nah, auch wenn der härteste, weil steilste Abschnitt mit weiteren 380 Höhenmetern noch ansteht. Er ist gleichzeitig der schönste.

Die unvergleichliche Strecke des Jungfrau-Marathons zwischen Interlaken und der Kleinen Scheidegg ist einer der Faktoren der Erfolgsgeschichte seit der Lancierung 1993. Die Original-­Marathondistanz, die 42,195 km mit 1839 m Steigung und 305 m Gefälle, ein zweiter. Und das professionelle Denken der Organisatoren, die Nähe zu den ­Läuferinnen und Läufern sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung der Region, weitere Gründe dafür, dass es seit der Premiere nie eine Baisse gegeben hat.

So beliebt, dass ein Stau drohte

Im Gegenteil: Nach wenigen Austragungen und stetig steigender Nachfrage nach Startplätzen musste die Zulassung früh limitiert werden – zuerst auf 3000 Teilnehmende, später auf 4000. Auf den schmalen Bergpfaden sollte es keine Staus geben, und die Kapazität der Jungfrau-Bahnen war und ist ausgereizt.

Mit seiner Konstanz ist der Lauf unter den Schweizer Marathons ein Unikum. Das zeigt etwa ein Vergleich mit dem ­Zürich Marathon. 2003 neu lanciert, kämpft dieser mit einer grossen Fluktuation. Und in den vergangenen Jahren mit einbrechenden Zahlen bei jenen, welche die 42,195km absolvieren. Klassierten sich 2004 5761, waren es diesen Frühling noch 2472. Kompensieren liess sich der Schwund – wie andernorts – durch die Einführung von Teildistanzen und einer Marathon-Staffel. Von solcher Kosmetik ist der Jungfrau-Marathon weit entfernt.

Er unterscheidet sich von den Schweizer Städtemarathons in einem Punkt markant: der Herkunft der Teilnehmer. Heinz Schild, der Initiant des Jungfrau-Marathons, sagt: «Ich machte mich einst dafür stark, dass die Hälfte der Startplätze an Läuferinnen und Läufer aus dem Ausland vergeben wird – trotz des Unmuts vieler Einheimischer.» Diese Massnahme hat für internationale Ausstrahlung – und eine Auszeichnung – gesorgt. 1997 wurde der Jungfrau-Marathon vom amerikanischen Marathon-Reisemagazin «The Ultimate Guide to International Marathons» zum «schönsten Marathon der Welt» gekürt. Von ­dieser Auszeichnung profitiert der Anlass bis heute. Noch immer reist rund ein Drittel aller Teilnehmer aus dem Ausland an.

Lieber traditionell als trendig

Mit einer Doppelveranstaltung und je einem Lauf am Samstag und Sonntag ­feierten die Organisatoren das 10- bzw. das 20-Jahr-Jubiläum. Niedergeschlagen hat sich dies in der Statistik mit zwei ­Ausreissern nach oben. Es resultierte jeweils annähernd die doppelte Zahl an ­Finishern. Mit einer einfachen und doch verblüffenden Formel wollen die Ver­anstalter ihre Einzigartigkeit bewahren: «Entgegen dem Trend, Dinge zu ändern, bleiben wir beim Alten und bauen auf die Tradition», sagt Toni Alpinice, der das Präsidium auf dieses Jahr hin übernommen hat. Das heisst: Laufen auf bewährter Strecke und bauen auf einem eingespielten OK und den 1500 Helfern.

Der Bund

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