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#ww3 – Junge twittern ihre Angst vor dem dritten Weltkrieg

Post-Millennials fürchten sich vor einer Eskalation der Krise zwischen den USA und dem Iran und fluten das Netz mit Memes und Tiktoks.

«Der Moment, als du über #ww3-Memes lachst und gerade beginnst, dich darüber zu wundern, dass die Sonne auf einmal um 21 Uhr aufgeht ...» LinxGT@Linxgt auf Twitter.
«Der Moment, als du über #ww3-Memes lachst und gerade beginnst, dich darüber zu wundern, dass die Sonne auf einmal um 21 Uhr aufgeht ...» LinxGT@Linxgt auf Twitter.

Eben schoben die Jungen noch Panik wegen des Klimas, jetzt quält sie ein neues, näheres Schreckensszenario: der dritte Weltkrieg. Denn seit US-Präsident Donald Trump, pünktlich zum Beginn des neuen Jahres, den iranischen General Qassim Soleimani umbringen liess, ist die Welt kein «sichererer Ort» geworden, wie er behauptet.

Im Gegenteil – urteilen die meisten. Und die sogenannten Post-Millennials, die heute rund 19- bis 23-Jährigen, sehen sich sogar bereits im atomaren Inferno. In den 60ern war Kindern in Deutschland und den USA beigebracht worden, sich unter dem Pult zu verstecken, wenn die Bombe kommt; so rückte beispielsweise die Kuba-Krise 1962 die Vision eines atomaren Angriffs mitten in die Schul- und Wohnzimmer. Nach der Jahrtausendwende schürte der Irakkrieg 2003 Endzeitängste. Nun hat der Konflikt im Nahen Osten die Furcht vor einem grossen – dem grössten, finalen – Krieg erneut getriggert.

Besonders alarmiert wirken die netzaffinen Jungen im globalen Dorf. Der Iran schwor Rache, Trump drohte mit Gegenangriffen, die alten Deals und Abkommen sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen: Der Iran behält sich jetzt die Entwicklung von Atomwaffen vor und feuert Raketen auf amerikanische Truppen, die im Irak stationiert sind. Und jetzt glüht das Netz.

Virales Gelächter

Die Generation TikTok gibt ihren Ängsten Bilder und Töne, neudeutsch Memes – und nicht zuletzt diesen typischen (selbst-)ironischen Sound, der manche allerdings fragen lässt, ob der Spott angesichts der Bedrohungslage noch angemessen sei. Auch die hiesigen Jugendlichen konsumieren diese schwarzhumorigen Aufschreie im Netz wie verrückt, sind fasziniert und entsetzt. Und der eine oder andere deutschsprachige Social-Media-Star gibt gleichfalls seinen Senf dazu.

Der allgegenwärtige Narzissmus, die Neigung zu Melodramatik und ein durchaus nachvollziehbares, realitätsgrundiertes Wabern zwischen Hysterie und Hoffnungslosigkeit hat eine kreative Explosion – darf man das hier sagen?– ausgelöst. #ww3 ist, böse gesagt, eine Steilvorlage für die Community der TikTok-Aficionados. Die Social-Media-App, deren User kurze, musikalische, spielerische Videos von sich in die Welt schicken, wird von Weltkriegs-Clips überschwemmt (zu TikTok lesen Sie hier). Auch auf Twitter läuft der Trend heiss.

Ob das virale Gelächter dabei eine Herzlosigkeit, eine therapeutische Massnahme oder beides ist, diskutieren auch jene, die die Bildwitze produzieren.

Und ein Meme-Produzent fällt in seinem Kurzvideo gleich selbst ein unmissverständliches Urteil.

Nach dem munteren Meme-Machen war dann eben doch ein Vaterunser-Gebet angesagt, meint der digitale Kommentar. «Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns –.» Und Bumm.

Lachen oder nicht lachen? – Zuletzt lacht, in einem anderen Meme, die britische Königin.

Die Queen wird uns alle überleben, legt das Bild nahe. Sie weiss, wie das geht; wir Spätgeborenen nicht.

Zahlreiche amerikanische Memes, TikToks und kurze Videos zum Thema drehen sich auch um die militärische Aushebung, den Stellungsbefehl, die Rekrutierung, «the draft». Derzeit ist die US-Armee zwar (noch) ein Freiwilligenheer. Aber auch diesbezüglich warnen die Jungen ihre Peers via Videoclip vor der falschen Vorstellung von einem gemütlichen Job.

Soldat sein ist halt doch kein so lockerer Beruf, wenn der Undiplomat-in-chief eine Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln betreibt.

Die Angst – nicht nur eine Teen-Angst – ist immer spürbar in den Tweets, den Tiktoks, egal, ob sie erklären, beschwichtigen oder Witze reissen. «Do you fuck with the war?», fragt einer darin beispielsweise, baff und fassungslos. Ein anderer zerreisst seinen Einberufungsbescheid.

In solchen Zeiten ist es toll, wenn man Asthma oder sonst etwas Schlimmes hat und untauglich ist, schlussfolgert mancher im Netz. In einem Tweet tanzen sich die Kranken vor Freude schier gesund.

Und junge Frauen stellen plötzlich fest: Na so was, sie sind ja schwanger! Alle miteinander! Das sei just vor der Tauglichkeitsprüfung für den Militärdienst passiert, heisst es in einem Tiktok; so ein dummer Zufall. Oder sie halten, wie sie in vielen Memes beteuern, sowieso nichts von Gleichberechtigung und haben viel zu viel im Haushalt zu tun, mit Putzen und Kochen, Waschen und Windelwechseln, um Zeit für Krieg und Co. zu haben.

Überhaupt: Wer Trump gewählt hat, der soll gehen, wird immer mal wieder gesagt. Die andern bleiben schön zu Haus. Als letzte Rettung vor dem Militärdienst wird vorgeschlagen, sich als Illegaler auszugeben: «Ich nicht sprech' Ingles, keine Papiere, ich geh heim nach Mexiko, bye.» Eine Umkehr des Wanderungsstroms, über den Trump so geklagt hatte. Ein Win-win.

Die LGBTQ-Community wiederum triumphiert: Die Trump-Administration hat doch ihre Rechte beschnitten, sie dürfen gar nicht in die Armee – na, dann eben nicht. In einem der queeren Tiktoks spielt ein Kerl auch gleich inbrünstig mit Staubwedel und Stereotypen: «I identify as a woman.» Ätsch.

Oder aber man ist eh viieeel zu jung für den Krieg. Das beweist doch schon die getwitterte, selbst gekritzelte Geburtsurkunde.

Beim deutschen Dichter Matthias Claudius hiess es 1778 «'s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!» Jetzt haben die Post-Millennials zum selbstzerstörerischen Trieb des Menschen gepostet – heftig und humorhammerhart. Sie begehren, nicht Teil davon zu sein.

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