Wöu i geng nume dürebrättere

Unsere «Mundart»-Autorin Renata Burckhardt erzählt ihnen von heute von der italienischen Po-Ebene – und wie viele einfach durchrasen, statt sie zu geniessen.

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Irgendeinisch u irgendnöimets han i dä Satz gläse, en Architektur syg erscht fertig, we sie verkeii. Weiss leider nümm, won i die wunderschön Ussag gläse ha. Aber sie isch mr uf dr Outobahn wider z Sinn cho. U zwar uf dr A 22 dür d Po-Ebene. D Po-Ebene, wo sech wien e flachi Zunge vo Oschte nach Weschte über Norditalie usbreitet, öppe 400 Kilometer lang, 70 bis 200 breit.

Un äbe irgendwo zwüsche Verona u Bologna han i dänkt, dass en Archi­tektur erscht fertig isch, we sie verkeit. Wöu dert ir Po-Ebene entlang dr Outobahn cha me gseh, was me über­au zItalie cha gseh: Hüser, Buurehöf, munzigi ­Wyler – aui am Verkeie. D Fänschter­läde zue oder scho wäg, Muure kaputt, Schybe verbroche, verroschteti Wärchzüüg verusse. Büsch, Hecke, Gras, wo über d Muure wuchere; syt vile Monat, syt Jahrzähnt, mängisch sogar syt Jahrhundert. Gebäude, zrügggla, verlasse, ufgä, am Verkeie. Gründ drfür gits vili: Bärg­schturz, Überschwemmig, Arbeits­losigkeit, Armuet, Tod oder eifach: zabschüssig, z einsam. Ja, d Landflucht zItalie isch e demografische Tsunami. Mängisch fingt me i gwüsse Hüser no deckti Tische, Chleider, e Bürschte, es Buech. Angeri Hüser sy scho fasch nümm, wärde meh u meh zuen ere Ruine. Entlang dr Outobahn dür dPo-Ebene gseht me die ganz Palette.

D Po-­Ebene bedütetOutobahn. U Hüserar Outobahn, am Verkeie.

D Po-Ebene isch scho geng eini vo de fruchtbarschte Regione z Italie gsi, wäg em Näbu isch d Luftfüechtigkeit höch. Drfür hets hüfig e Dunscht­glocke us Abgas. Iu, genau, Hand ufs Härz: Wär nämlech brätteret nid syt Jahre so schnäu wie müglech dür dPo-Ebene, uf em Wäg i Süde oder für ne churzen Abstächer i eini vo de tolle Stedt: Mailand, Bologna, Ravenna? Wär macht nid höchschtens uf en ere Outobahnraschtschtette e Pouse, schüttet en Espresso hingere, begafft die billige Sache im Shop u brätteret de wyter? Drby: Dr bescht Risotto chiem us dr Po-Ebene, Wyy wird about, es heig wunderschöni Dörfli u viles meh. Aber trotzdäm: D Po-­Ebene bedütet Outobahn. U äbe Hüser ar Outobahn, am Verkeie.

Vilecht hei mängi Familie u Bsitzer ihri Grundstück u Gebäude wäg dr Outobahn ufgäh. Tschüss, merci, adiö, s isch z lut worde. Aber o we niemer meh zueständig isch, sech niemer meh für die Hüser interessiert: D Muure exischtiere wyter. Sie verzeue vo vergangene Zyte, vo Korruption, vo Armuet oder von ere «Che me ne frega»-Politik. Übersetzt: Mir doch egal. Italie heig über 1,26 Millione verwaisti Gebäude u mindischtens 1500 verlassni Dörfer. Ja, Immobilie sy geng interessant, so lang sie no nid fertig sy. So lang no Schpekulation müglech isch. Aber serig, wo real wärde, wo grad langsam fertig wärde, auso äbe verkeie, git men uf. Die sie nid schpekulativ.

Für en Architektin, für en Architekt wärs e gueti Ufgab, es Gebäude bis a sys Änd häre versueche z dänke. Sech zfrage, wie chönnt das Huus, das Gmüür mau ände? Was für nes Ändi wünscht me sech? Wie auteret es Gmüür? Wie wird mes chönnen abboue, wes fertig isch? Wie gseht dZue­kunft us? Ds Ändi von ere Architektur usdänke, e Fantasie drfür ha, e Vor­schtellig: S wär e mega interessante Teil vom Boue. D Italiener nennen ihri Geischterdörfer übrigens «paesi fantasma». Ds Wort Phantasma heisst lut Aristoteles: Phantasie, Imagination.

D Po-Ebene blybt für mi irgendwie e?Phantasie, wöu i geng nume dürebrättere. Näb dr «Fly Shame» bechummen i langsam gloubs o no e «Outobahn-Shame». Auso ir Zuekunft nume no schpaziere u velofahre?

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