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Wo Träume die Realität umarmen

Marc Chagall war mehr als ein Fantast. Er schuf auch humorvolle und bitterböse Illustrationen. Das zeigt die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung des Kunsthändlers Eberhard W. Kornfeld im Schloss Spiez.

Marc Chagall: Der gelbe Hahn, 1960, farbige Radierung, 45 x 28,5 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
Marc Chagall: Der gelbe Hahn, 1960, farbige Radierung, 45 x 28,5 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
Marc Chagall: Der Viehhändler, 1912, Gouache, 26,2 x 47 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
Marc Chagall: Der Viehhändler, 1912, Gouache, 26,2 x 47 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
Marc Chagall: Drei Akrobaten, 1923, Radierung und Aquatina, 34,2 x 37,3 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
Marc Chagall: Drei Akrobaten, 1923, Radierung und Aquatina, 34,2 x 37,3 cm Sammlung EWK 2019 ProLitteris, Zürich
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In Marc Chagalls Werken ist alles in Bewegung, das knallige Rot, das satte Gelb, das leuchtende Blau. Die Farben scheinen aus der Zweidimensionalität des Malgrundes in den dreidimensionalen Raum zu explodieren. Auch in den Figuren und Motiven vibriert der dynamische Impetus. Die Engel und Liebespaare sind im Begriff, aus der Bildfläche zu entwischen. Da schwebt eine Geige traumtrunken über den Nachthimmel, dort galoppiert ein Pferd über den Bildrand hinaus. Es sind fantastische Träume, die hier die Realität umarmen. So kennt und liebt man Marc Chagall (1887–1985), den schwärmerisch-naiven Utopisten.

Naiver Utopist? Mitnichten. Dass Chagall in seinen Bildsprachen auch noch ganz andere Ausdrucksfacetten zu bieten hat als die, welche man aus seinem malerischen Werk oder von den biblischen Illustrationen her kennt, zeigt die von Anna Szech kuratierte Sonderausstellung «Marc Chagall» im Schloss Spiez. Im Mittelpunkt der vortrefflichen Schau steht das eher unbekannte grafische Werk des Künstlers. Es offenbart den Meister auch als sarkastischen Spötter und kritischen Kommentator. Wie Chagall mit einfachen Strichen feinste Stimmungsnuancen in Gesichter zaubert oder Situationen und Menschen humorvoll überzeichnet oder kommentiert, ist eine Entdeckung.

Des Öfteren in Bern

Die rund siebzig Arbeiten stammen aus der Sammlung des Berner Verlegers und Kunsthändlers Eberhard W. Kornfeld, der mit Chagall über viele Jahre befreundet war. Von dieser Freundschaft zeugen die Widmungen «Pour Eberhard Kornfeld» auf einigen Blättern und Schwarzweiss-Fotografien, die man sonst kaum je zu Gesicht bekommt.

Wie es dazu kam, dass Chagall immer wieder nach Bern reiste? Seine Tochter Ida heiratete Anfang der 1950er-Jahre den aus Zürich stammenden Kunsthistoriker Franz Meyer, der wenig später die Berner Kunsthalle leitete. Deshalb weilte auch Vater Marc Chagall des Öfteren in der Bundesstadt. Hier lernte er den Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld kennen. Und diese Beziehung war mit ein Grund, weshalb es 1956 in Bern parallel zwei Chagall-Ausstellungen zu sehen gab. In der Kunsthalle richtete ihm sein Schwiegersohn Meyer eine grosse Einzelausstellung ein, und in der Galerie Kornfeld an der Laupenstrasse gab es Chagalls druckgrafisches Schaffen zu sehen.

Enge Beziehung zu Spiez

Kornfeld pflegt seit längerem auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Schloss Spiez. Deshalb wurden hier im Laufe der letzten Jahre auch schon prominent Werke von Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso und Rembrandt gezeigt, sie stammten aus Kornfelds Privatsammlung. So wie jetzt die Werke von Marc Chagall. Die Ausstellung umfasst Arbeiten aus allen Schaffensperioden. Was auffällt: Die Erinnerungen an die Kindheit in Witebsk halten Chagalls Werk im Innersten zusammen.

In diesem weissrussischen Provinzdorf ist Chagall 1887 als ältestes von neun Kindern in eine orthodoxe jüdische Arbeiterfamilie geboren worden und aufgewachsen. Er erkundet seine Umgebung und hält mit dem Zeichenstift fest, was ihn fasziniert: das Leben im Dorf, den Markt, die Viehhändler, die Hühner, Ziegen, Kühe, Schafe, die dicht gedrängten Holzhäuschen und den Friedhof. Chagall zeichnet auch seine jüdischen Ahnen, ihre Bräuche und Trachten und all die Symbole der Chassidim. Einer seiner Grossväter ist Talmudlehrer, der andere Metzger. Auftragsarbeiten (unter anderem die Illustration von Bibelszenen) ermöglichen Chagall ein festes Einkommen.

Für Marc Chagall war die Malerei so unentbehrlich wie die Nahrung.

Auch später bedient er sich im Motivfundus seiner Kindheit. Aus der Distanz des Erwachsenen oft mit einer Prise Ironie. Zuweilen spannt er über bewegte Szenen düstere Himmel. Dadurch lädt er die Bilder mit seinem Heimweh auf. Jahrzehnte später sagt Marc Chagall, dass die Malerei ihm genauso unentbehrlich sei wie alle Nahrung. Sie erscheine ihm wie ein Fenster, durch welches er in eine andere Welt davonflöge.

Wie die Farben und Formen in seinem Werk, so ist Marc Chagall ständig in Bewegung. 1910 reist er zum ersten Mal nach Paris, lernt die Künstler der Avantgarde kennen und die Traumwelt des Zirkus. In Berlin findet Chagalls erste Einzelausstellung statt. Zurück in Russland, wird er vom Krieg überrascht, flüchtet wieder nach Berlin, lernt da die Kunst des Radierens und der Lithografie kennen und erprobt sich im Holzschnitt.

Seine Illustrationen literarischer Werke sind gefragt. Bis zu seinem Lebensende wird er mehrere Serien und lithografische Zyklen gestalten. Unter anderem jenen zu den Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» oder dem Liebesroman «Daphnis et Chloé». Einzelne Blätter daraus sind in Spiez zu sehen. Mitte der 1930er-Jahre nimmt Chagall die französische Staatsbürgerschaft an, emigriert dann aber aus Furcht vor den Nationalsozialisten, die sein Werk als «entartet» stempeln, in die USA.

Meisterliche Technik

Chagall ging künstlerisch eigene Wege, er wollte sich nicht schubladisieren lassen. Ständig war er auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Die Selbstbildnisse und herrlich bitterbösen Illustrationen der Sieben Todsünden, die in Spiez zu sehen sind, belegen, wie meisterlich er sich in verschiedensten Techniken auszudrücken vermochte und wie genau er einen fremden Stil (zum Beispiel jenen von Rembrandt) zu adaptieren wusste. Sein Humor, seine Träume und inneren Bilder sind omnipräsent in der Spiezer Schau, in der man über Chagalls spitze Feder, wenn er in spöttischen und grotesken Überzeichnungen die Schwächen seiner Mitmenschen aufs Korn nimmt, ebenso staunt wie über seine differenzierte Beobachtungsgabe.

Schloss Spiez, bis 13. Oktober. Mo, 14–17 Uhr, Di bis So, 10–17 Uhr. Juli/August bis 18 Uhr. www. schloss-spiez.ch

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