«Wir haben noch Luft nach unten»

Das Thuner Duo Schertenleib & Jegerlehner erhält heute den Schweizer Prix Cornichon 2018. Auf den Lorbeeren ausruhen wollen sie keinesfalls.

Rhythmus ist alles: Gerhard Tschan (Jegerlehner, links) und Michel Gsell (Schertenleib) stellen sich dem Lauf der Dinge.

Rhythmus ist alles: Gerhard Tschan (Jegerlehner, links) und Michel Gsell (Schertenleib) stellen sich dem Lauf der Dinge. Bild: zvg

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Ihre bisherigen Programme heissen «Päch», Schwäfu» und «Zunder» – und das Publikum hat in den vergangenen Jahren mächtig Feuer gefangen. Die beiden 56-jährigen Thuner Kabarettisten Michel Gsell alias Schertenleib und Gerhard Tschan alias Jegerlehner leben von der stupenden Musikalität der bei Bedarf gurgelnden, zwitschernden oder jodelnden Protagonisten. Der Klangteppich changiert von Reggae über Schlager bis zu bluesigem Groove. Das Duo hat eine Vorliebe für skurrile Arrangements und poetisch-verspielten Sprachwitz, der mühelos zwischen höherem Blödsinn und sorgsam getarntem Tiefsinn pendelt. Und die beiden Jugendfreunde huldigen einer Komik, die gerne alltägliche Beziehungsdramen zwischen den beiden Männern in mittleren Jahren aufgreift.

Herzliche Gratulation, nach dem Salzburger Stier 2013 werden Sie mit dem Prix Cornichon ausgezeichnet. Wie fühlt man sich auf dem Zenit kleinkünstlerischen Schaffens?
Gerhard Tschan: Die Luft da oben wird für uns zu dünn. Wir pflegen zu sagen: «Wir haben den Cementit überschritten.» Der Preis rollt uns sozusagen hinterher.

Michel Gsell: Wir haben noch Luft nach unten. Aber Jegerlehner ist der Alpinist, ich bin der Flachländer, ich liebe die Ebene und den weiten Blick ohne Anstrengung. Ich hoffe, wir sind nicht schon oben angekommen und der Rest ist Schweigen.

Gelobt werden Sie von der Jury als «fabelhafte Musiker und Klangkünstler» und für den «subversiven Blick», mit dem Sie «Linien im Porträt des Kleinbürgerlichen» verschwimmen lassen. Einverstanden?
Tschan: Sehr! Das Grossbürgertum liegt von Geburt her in weiter Ferne. Das kleinräumliche Biotop lässt uns wachsen.

Gsell: Subversiver Blick gefällt mir. Den Rest dieses Satzes verstehe ich nicht wirklich. Ein anderer Satz der Jury macht mir hingegen sehr Freude: «Im Dialog unter sich und mit dem Publikum vermengen S+J poetische Erzählungen mit Melancholie und ganz alltäglichem, leichtfüssigem Irrsinn.» Da fühle ich mich verstanden, denn wir verstehen uns selbst als Poeten, und Poesie hat die subversive Kraft, sich gegen Macht zu stellen.

Preise bestätigen einen ja in der Regel in dem, was man tut. Das ist bei Ihnen offenbar anders. Sie fragen sich, ob Sie auf der Bühne noch altersgerecht unterwegs sind, und wollen Ihre Rollen neu justieren. Sind Sie Ihrer Bühnenfiguren überdrüssig geworden?
Tschan: Nein, gar nicht. Der Jegerlehner zeigt sich endlich lernfähig.

Gsell: Preise sind für mich nicht wirklich einzuschätzen, insbesondere wenn ich die Gewinner des Prix Cornichon der letzten Jahrzehnte durchgehe: von Emil über Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt bis hin zu Alfred Dorfner. Das sind alles Künstler, die ich sehr schätze. Zu Ihrer Frage: Auch Schertenleib verändert sich, aber er bleibt Schertenleib. Er ist er und kann nicht anders. Das ist der Lauf der Dinge.

Wenn Sie etwas an der Erfolgsformel ändern: Haben Sie keine Angst davor, dass das Publikum mit Liebesentzug reagieren wird?
Tschan: Wir werden die Welt nicht neu erfinden. Die menschlichen Unzulänglichkeiten bleiben unser Thema. Der «Beat» auch.

Gsell: Bühnenarbeit hat viel mit einem selbst zu tun, ich bin ein anderer als noch vor zehn Jahren und trotzdem immer noch der Gleiche. Klar habe ich es gern, wenn das Publikum unsere Arbeit gut findet. Ich bin jedoch darauf angewiesen, mich auf der Bühne wohlzufühlen. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss ich die Anordnung überdenken und Anpassungen vornehmen. Jetzt geht es dem Schertenleib wieder einigermassen gut, was sich sicher auch auf die Laune von Jegerlehner auswirken wird. Wie überall: die Wechselwirkung, Sie verstehen.

Im Januar 2019 feiern Sie mit Ihrem vierten Programm Premiere. Wird das Publikum den nervös-neurotischen Perfektionisten Schertenleib und das bodenständige Schlitzohr Jegerlehner noch erkennen?
Tschan: Ja. Jegerlehner bleibt Hutträger. Die Innereien der Herren sind weiterhin prägend. Und liften ist nicht unser Ding.

Gsell: Schertenleib geht auch seinen Weg, Abkürzungen sind ihm ein Gräuel. Er wird versuchen, seinen Teil zum Ganzen beizutragen und sich zum Klingen zu bringen.

Befürchten Sie, dass Sie mit dem «Älteres-Ehepaar-Groove» in einer Schublade feststecken und in Ihrer künstlerischen Entwicklung gehemmt sind?
Tschan: Wir wollen die klassischen Rollen mit dem seriösen Weissclown und dem dummen August aufbrechen. Wir sind gespannt, was dabei herauskommt.

Gsell: Befürchtungen haben mit Erwartung zu tun; da merke ich, dass ich nicht Erwartungen erfüllen will. Es ist mehr eine Frage der Haltung, wie Schertenleib und Jegerlehner miteinander umgehen; zugegeben macht es mich immer ein wenig traurig, dass der Begriff «wie ein älteres Ehepaar» so negativ konnotiert ist. Ausserdem beschäftigt sich Schertenleib je länger, je mehr mit der Lücke, dem Zwischenraum. Er sucht die Aussage in der Auslassung.

Heute nehmen Sie in Olten den Prix Cornichon im Rahmen der Oltener Kabarett-Tage entgegen. Sie spielen eine erweiterte Version des aktuellen «Zunder»-Programms. Ist das schon eine Vorschau auf die «neuen» Schertenleib und Jegerlehner?
Gsell: Ja. Wir ersetzen einige «Zunder»-Lieder mit neuem Material, der Groove bleibt aber und ist nach wie vor ein Hauptelement in unserer Arbeit, der Herzschlag und Taktgeber.

Tschan: Es ist alles eine Frage des Rhythmus. Überall.

Letzte Vorstellungen von «Zunder»: 7.–9. Juni im La Cappella in Bern (Der Bund)

Erstellt: 23.05.2018, 06:48 Uhr

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