«Wir erfahren viel über Kriege, aber wenig über Fortschritt»

Der Psychologe Steven Pinker ist optimistisch: Aufklärung verbreitet sich mit zunehmendem Wohlstand.

Für Steven Pinker ist Bildung zentral für die Verbreitung der aufklärerischen Werte. Foto: Francisco Guasco (Epa, Keystone)

Für Steven Pinker ist Bildung zentral für die Verbreitung der aufklärerischen Werte. Foto: Francisco Guasco (Epa, Keystone)

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Warum muss man heute für die Werte der Aufklärung kämpfen?
Obwohl wir in einer Zeit leben, die von den Errungenschaften der Aufklärung mehr profitiert als je zuvor, sind ihre Werte in den Hintergrund gerückt. Es gibt zudem viele Kräfte, die Werte wie Vernunft, wissenschaftliche Erkenntnis oder ausgleichende Gerechtigkeit bekämpfen.

Welche Bewegungen sind das?
Populismus, Nationalismus, Religionen und reaktionäre Ideologien, die sich nach den vermeintlich goldenen Zeiten zurücksehnen.

Deswegen haben Sie ein Buch über Aufklärung geschrieben?
Eigentlich wollte ich die Arbeit meines letzten Buches fortsetzen und mit Daten und Fakten zeigen, dass es der Menschheit insgesamt besser geht. Schaut man sich Gewalt, Armut, Analphabetismus oder Kinderarbeit an, erkennt man klare Verbesserungen. Ich wollte also wissenschaftlich belegen, dass der Fortschritt ein Prozess ist, der auf präzise definierbaren Faktoren beruht. Davon kann man wiederum ableiten, wie man den Fortschritt fördert. Aber dann kam die US-Wahl im November 2016, und ich habe anders entschieden.

Nach dem Wahlsieg Donald Trumps?
Für alle Amerikaner, die ihn nicht unterstützen, ist es ein Rätsel, dass niemand diese Entwicklung aufhält. Dass das Establishment der Republikaner, das traditionell für freien Handel und militärische Zurückhaltung steht, einen Präsidenten unterstützt, der diese Maximen untergräbt. Oder die Kirchen, die Wohltätigkeit, Demut und gute Manieren predigen. Es ist bezeichnend, dass Barack Obama in seiner Abschiedsrede davon sprach, wie viel wir der Aufklärung verdankten, und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in seiner Antrittsrede betonte, wie sehr sie in Gefahr sei.

Warum aber ist die Aufklärung so in den Hintergrund gerückt?
Viele glauben, dass wir in einer Ära wachsender Armut, ansteigender Gewalt und des allgemeinen Niedergangs leben. Dieses Krisengefühl weckt das Bedürfnis nach radikalen Lösungen.

Und dieses Gefühl trügt?
Ja. Der Menschheit geht es besser: Sie ist gesünder, wir alle leben länger, die Gewalt nimmt ab. Das ist buchstäblicher Fortschritt, der das unmittelbare Resultat der Aufklärung und ihrer Institutionen ist – also der Demokratie, des freien Handels und der Organisationen internationaler Zusammenarbeit.

Warum aber hält sich das Gefühl von Krise und Niedergang?
Das hat viel mit der Berichterstattung der Medien zu tun. Wenn etwas schiefgeht, dann geschieht das meistens sehr schnell – ein Terroranschlag etwa. Wenn etwas gut läuft, ist das in der Regel ein sehr viel langsamerer Prozess. Die wachsende Allgemeinbildung, die Abnahme der Säuglingssterblichkeit etwa. Aber damit kann man keine Schlagzeilen machen. Also erfahren die Menschen viel über Massaker, Aufstände und Bürgerkriege, aber wenig über Fortschritt.

Ist die Presse schuld?
Nein, ich will die Presse wirklich nicht in schlechtem Licht darstellen, vor allem weil sie in Amerika sowieso schon so unter Druck steht. Das Problembewusstsein der Presse hat den Fortschritt auch immer befördert. Man kann Armut oder Umweltverschmutzung nur bekämpfen, wenn man davon weiss und wenn es ein Bewusstsein dafür gibt. Aber es gibt unter Journalisten diese trügerische Annahme, dass es ein Zeichen von Moral, fundiertem Argumentieren und Ernsthaftigkeit ist, wenn man die Menschen andauernd vor Gefahren warnt.

«Der demokratische Staat ist eine Erfindung der Aufklärung, um die Defizite des Menschen auszugleichen.»

Aber warum kritisieren Sie die Intellektuellen dafür?
Die grosse Ironie besteht darin, dass ausgerechnet die Intellektuellen, die sich selbst als progressiv beschreiben, also als fortschrittlich, Fortschritt leugnen. Es ist ihre Nische, zu kritisieren, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Nun sind Intellektuelle zwar nicht dafür zuständig, dass sauberes Wasser aus den Leitungen kommt oder Strom aus der Steckdose, deswegen fällt es ihnen ja auch so leicht, ihre gesellschaftlichen Konkurrenten zu kritisieren: Geschäftsleute, Regierungsbeamte, Bürokraten und Ingenieure.

Viele dieser Intellektuellen gehören zur Generation der Babyboomer, die enormen Fortschritt erlebt haben.
Nun, die Babyboomer sind ein seltsamer Haufen. Ich bin selbst ein Beispiel dafür. Wir lebten in einer Phase des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs. Eine Reihe von Anzeichen gibt es dafür, dass unsere Zeit grossartig war. Trotzdem sind wir unglücklicher als andere Generationen und haben beispielsweise eine höhere Depressions- und eine höhere Suizidrate.

Warum ist das so?
Das weiss man nicht so genau. Für die Generation unserer Eltern war das ein grosses Rätsel. Die haben ja einiges durchgemacht, den Zweiten Weltkrieg überlebt, viele Eltern meiner Freunde mussten vor dem Holocaust fliehen, vor Stalin, aus der Sowjetunion. Die Generation meiner Grosseltern erlebte die Grosse Depression. Sie haben nicht verstanden, dass wir nicht die ganze Zeit wie auf Wolke sieben durchs Leben schwebten. Worüber hatten wir schon zu meckern? Aber genau das tun wir: meckern. Vielleicht, weil wir erleben, wie die idealistischen Visionen der Nachkriegsjahre verschwunden sind.

Neigt sich nun das amerikanische Jahrhundert dem Ende zu?
Aufklärung verbreitet sich in der Regel mit dem Wohlstand. Und die demokratischen Institutionen funktionieren ja auf internationaler Ebene weiterhin. Die Vereinten Nationen haben immer noch fast alle Länder als Mitglieder, die EU funktioniert noch. Es gibt einen florierenden Welthandel, die meisten Nationen versuchen, Krieg zu vermeiden. Im Grossen und Ganzen bewegt sich die Welt auf die Werte der Aufklärung zu. Natürlich gibt es Ausnahmen wie die Türkei, Russland oder Venezuela. Aber es werden immer noch mehr Länder demokratisch als autokratisch. In den 80er- und 90er-Jahren war das eine grosse Bewegung, als Militärdiktaturen in Südkorea, Taiwan und Lateinamerika von Demokratien abgelöst wurden.

Wie lassen sich die Werte der Aufklärung bewahren, wenn eine asiatisch geprägte Ära beginnt?
Wir müssen deutlich zwischen westlichen Werten und denen der Aufklärung unterscheiden. Die Werte der Aufklärung sind universal. Vor ungefähr 100 Jahren glaubte man auch, dass sich die Prinzipien des freien Handels nicht mit asiatischen Werten vereinbaren lassen. Oder dass Demokratie eine westliche Institution sei. Aber das stimmt nicht, und Demokratie gibt es heute auch nicht nur in industrialisierten asiatischen Ländern wie Japan, Südkorea und Taiwan, sondern auch in afrikanischen Nationen wie Nigeria und Namibia oder in Indien.

Dann sehen Sie die Aufklärung nicht als Errungenschaft des Westens?
Nein, nicht einmal ihre Werte und Ideen sind rein westlichen Ursprungs. Nehmen Sie das Prinzip der Gewaltfreiheit, das aus Indien stammt.

Sie stellen der Aufklärung die Romantik gegenüber und sehen letztere auf dem Vormarsch.
Ein romantisches Ideal ist, dass die Menschen von Natur aus tugendhaft sind. Und dass ihre Tugendhaftigkeit von einem starken, charismatischen Führer verkörpert werden sollte und man deshalb die Mechanismen der Demokratie abbauen müsse. Die populistische Rechte dämonisiert diese ja gerne als Verwaltungsstaat. Aber der demokratische Staat ist eine Erfindung der Aufklärung, um die Defizite des Menschen auszugleichen.

Ein pessimistisches Menschenbild.
Ich bin eher vorsichtig optimistisch. Der momentane Aufstieg des Populismus, des Autoritären und der reaktionären Ideologien wird Gegenkräften wie der Bildung begegnen. Je gebildeter die Menschen sind, desto zugänglicher sind sie für die Werte der Aufklärung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 18:07 Uhr

Steven Pinker

Psychologe

Steven Pinker ist ein prominenter und streitbarer Intellektueller. In «The Blank Slate» kritisierte der Psychologe die These, wonach der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt komme. In «The Better Angels of our Nature» räumte er mit dem Mythos einer zunehmend gewalttätigen Menschheit auf. Sein neues Buch «The Case for Reason, Science, Humanism and Progress» ist soeben in den USA erschienen. (Red)

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