Wie verantwortlich sind wir für den Klimawandel?

Philosophisch betrachtet, gibt es drei Formen von Verantwortung. Das erklärt der vierte Teil unserer kleinen Sommerserie.

Was man selbst tun kann: Mit dem Zug fahren statt zu fliegen. Man kommt dann auch in den Genuss herrlicher Landschaften. (Oleksiy Maksymenko/Alamy)

Was man selbst tun kann: Mit dem Zug fahren statt zu fliegen. Man kommt dann auch in den Genuss herrlicher Landschaften. (Oleksiy Maksymenko/Alamy)

Der globale Klimawandel mit seinen lebensbedrohlichen Konsequenzen gilt als eines der grössten Probleme der Gegenwart. Fragen der Verantwortung spielen bei der Suche nach dringenden Lösungen – wenn oft auch implizit – eine zentrale Rolle. Wer hat den Klimawandel verursacht? Wer trägt die Schuld? Wer soll die Kosten bezahlen?

Doch was verstehen wir unter dem Begriff der Verantwortung eigentlich genau? Verantwortung kann je nach Kontext eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben. Im Alltag sagen wir oft Sätze wie: «Das heftige Gewitter ist verantwortlich für die Überschwemmung», «A ist verantwortlich für das Chaos nach der Party» oder «Ist B verantwortlich, die leeren Flaschen wegzuräumen?».

Während ein Naturereignis nur kausal für ein Ergebnis verantwortlich sein kann, ist es menschlichen Akteuren darüber hinaus möglich, in einem moralischen Sinne verantwortlich zu sein. A hat das Chaos nicht nur verursacht, sondern kann dafür getadelt oder sogar bestraft werden. Bei B schliesslich geht es um zukunftsgerichtete Abhilfe: Uns interessiert, wer die Verantwortung trägt, eine unerwünschte Situation zu beheben.

Der Mensch ist kausal und moralisch verantwortlich

Alle drei Verantwortungstypen spielen im Klimaschutz eine Rolle: Gemäss dem Intergovernmental Panel on Climate Change, einer Gruppe von Klimawissenschaftlern, bestehen keine Zweifel mehr, dass der Klimawandel grösstenteils menschgemacht ist. Der Mensch ist also kausal verantwortlich.

Auch eine gewisse moralische Verantwortung kann nicht von der Hand gewiesen werden: Indem wir durch Handlungen wie Fliegen oder Fleischessen wissentlich zum Klimawandel beitragen, können wir dafür getadelt werden.

Letztlich ist auch die Abhilfeverantwortung relevant, weil wir Strategien entwickeln müssen, um einerseits zukünftige Treibhausgasemissionen zu senken und uns andererseits an den bereits stattfindenden Klimawandel anzupassen.

Weitaus weniger klar ist jedoch, wer genau welche Verantwortung trägt. Appelle, weniger zu fliegen, und das massenhafte Auftreten von Carbon Footprint-Rechnern im Internet erwecken die Vermutung, dass das Senken von Emissionen primär in der Verantwortung von Individuen liegt.

Am grössten kollektiven Handlungsproblem der Welt sind wir doppelt beteiligt: als Verursacher und als Betroffene.  

An dieser Ansicht sind indes Zweifel erlaubt: Eine einzelne Flugreise oder der Verzehr eines einzigen Steaks produziert eine so geringe Menge an Emissionen, dass eine Einzelperson durch ihr Verhalten den Klimawandel schwerlich beeinflusst.

Dies zeigt sich auch in unserer moralischen Reaktion. Während uns ein Bericht über einen hinterhältigen Mordfall in Zorn versetzt, berührt uns die Nachricht von fliegenden Menschen kaum. Gemäss dem Klimaethiker Dale Jamieson wird diese Wahrnehmung durch spezifische Eigenschaften des Klimawandels verschärft. Am grössten kollektiven Handlungsproblem der Welt sind wir alle doppelt beteiligt: als Verursacher und als Betroffene.

Das Leid findet räumlich und zeitlich weit entfernt statt und kann einer einzelnen Handlung nie eindeutig zugeordnet werden. Hinzu kommt, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe im heutigen Wirtschaftssystem allgegenwärtig ist und damit ein systemisches Problem darstellt. All dies erschwert die Zuschreibung von individueller Verantwortung.

Je reicher ein Staat ist, desto mehr muss er für den Klimaschutz tun

Aufgrund dieser Umstände argumentieren manche Philosophen für eine kollektive Verantwortung. Als kollektive Akteure kommen zum Beispiel internationale Organisationen, Unternehmen und Nationalstaaten infrage. Insbesondere Staaten tragen eine grosse Abhilfeverantwortung: Sie verfügen über die Macht, Richtlinien wie Lenkungssteuern oder die Ausgabe von Emissionszertifikaten festzulegen und dadurch Emissionen von Einzelpersonen und Unternehmen zu begrenzen.

Die Verantwortung von Staaten zeigt sich auch in Klimaverträgen wie dem Pariser Übereinkommen des UNFCCC. Das Prinzip der «Common but differentiated responsibilities» legt fest, dass Staaten eine gemeinsame, wenn auch gemäss ihrer individuellen Situation abweichende Verantwortung tragen, Klimaschutz zu betreiben. Der Umfang der Abhilfeverantwortung ergibt sich unter anderem aus den möglichen finanziellen Mitteln der jeweiligen Staaten. Diese zu bewerten, ist jedoch nicht leicht, was vermutlich dazu beiträgt, dass viele Staaten ihre Verantwortung im Klimaschutz (noch) nicht hinreichend wahrnehmen.

Der Klimawandel stellt unser Verständnis von Verantwortung selbst auf den Prüfstand.  

Wenn Staaten versagen, sollten dann Individuen einspringen und ihrerseits mehr Verantwortung übernehmen? Individuelle und kollektive Bestrebungen, den Klimawandel einzudämmen, beeinflussen sich gegenseitig, wie auch die Klimastreiks der vergangenen Monate zeigen.

Individuelle Aktivitäten können die Bereitschaft signalisieren, zukünftige Richtlinien und Gesetzesänderungen zur Emissionsreduktion zu akzeptieren. Je mehr Menschen grüne Energie konsumieren, desto eher werden entsprechende Energien gefördert. Vielleicht sind individuelle Aktivitäten nicht am effektivsten, wenn es darum geht, Emissionen zu senken, doch sie sind zentral, um ein Bewusstsein zu erschaffen und politisches Handeln zu ermöglichen.

Was wir in der Klimaethik anstreben, ist ein Konzept von Verantwortung, das uns individuell und kollektiv motiviert, den Klimawandel einzudämmen. So stellt der Klimawandel unser Verständnis von Verantwortung selbst auf den Prüfstand.

Kathrin von Allmen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie Verantwortungskonzepte im Kontext des Klimaschutzes. Seit Juli 2019 wird ihr Forschungsprojekt durch ein Candoc-Stipendium der Universität Zürich gefördert.

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