Wie laut doch alles ist

Mit der als dreidimensionales Hörerlebnis gestalteten Schau «Sounds of Silence» zeigt das Museum für Kommunikation, dass der Krach überall ist – und die Stille eher ein Prinzip.

Heraus aus dem Krach: Schnell beschwert man sich über fehlende Ruhe und meint damit eigentlich die eigene Inkompetenz, sie in sich herzustellen.

Heraus aus dem Krach: Schnell beschwert man sich über fehlende Ruhe und meint damit eigentlich die eigene Inkompetenz, sie in sich herzustellen. Bild: Museum für Kommunikation

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Was ist denn da los, diesen Herbst am Helvetiaplatz? Irgendwie immer mehr und immer weniger. Der Eskapismus ist los, könnte man auch meinen. Gleich drei Ausstellungen entfliehen dort gerade dem Drang der gegenwärtigen Verhältnisse: ins Grüne, ins psychedelisch Bunte und jetzt auch in stilles Weiss. Das Naturhistorische Museum hat mit «Picas Nest» einen «Wald-Erlebnisraum» für Familien eröffnet. In der Nationalbibliothek kann man sich weiterhin Albert Hofmanns LSD-Studien sowie optischen Illusionen hingeben. Und gleich um die Ecke, ab heute, auch der Stille: in der gleichnamigen Ausstellung des Museums für Kommunikation, die bis zum kommenden Sommer läuft.

Ausstellung ohne Exponate

Die Kopfhörer aufsetzen, loslaufen, den Wendelgang hinauf, der weiblichen Stimme folgen, sie suchen, die Hörbeiträge aktiveren mit einem Schritt, sie stoppen mit dem nächsten; wer allem lauscht und innehält, verbringt hier mehr als eine Stunde. Und kriegt dabei kein einziges Exponat zu sehen, jedenfalls nicht im Sinne eines Stückes, dessen Betrachtung Ziel der Ausstellung wäre.

«Stille» ist ein entschleunigtes Gegenstück zur quirligen Dauerausstellung im Erdgeschoss des Museums für Kommunikation. Den Rundgang im oberen Stock macht jede und jeder im eigenen Tempo. Das beginnt hinter einem weissen Portal aus Vorhangfalten, im Schnee. Durch diesen hört man etwas stapfen, doch die Projektion zeigt ein menschenleeres Winteridyll, und der weiss gestaltete Raum drumherum entwickelt einen angenehmen, obwohl auch schwindelerregenden Sog.

Heraus aus dem Krach. Durch den nächsten Raum bewegt sich die Stimme, je nach Position ändert sich die Tonspur, hängende Kugeln markieren die entsprechenden Stellen. Erwartet einen nun ein Rätsel? Oder sogar Minigolf, in aller musealen Abschottung? Durch den Fadenvorhang sieht der Hauptraum der Ausstellung, «das Universum der Stille», jedenfalls nach einem vergnüglichen Parcours aus. Oder nach dem Inneren einer Discokugel. Linien verschwinden in Fluchtpunkte, scheinbar hinter die Wände, ein paar Sterne prangen am Boden zwischen simplen farbigen Objekten.

«Die Stille glotzt»

An den Beiträgen, die Kurator Kurt Stadelmann mit Angelina Keller inhaltlich entworfen hat, arbeitete textlich auch die Hörspielautorin Bettina Mittelstrass. Es sind alltägliche Diskussionen über Ruhe, aber auch historische und kulturelle Exkurse, die man in optisch halluzinogenem Setting durchschreiten kann.

Und so geht man und lauscht und vermisst eigentlich nur eines: die Stille selbst. Darin, dass dieses «dreidimensionale Hörerlebnis» zwar sehr beruhigend wirkt, aber selten wirklich still ist, liegt der Kniff dieser Ausstellung: An die Stelle einer echten Stille tritt die Sensibilisierung für die fehlende. Das klingt, wenn man sich mit der Stimme auf eine einsame Insel denkt, dann so: «Willkommen» – (Vögel zwitschern dazwischen) – «auf der Insel der Stille!» (die Schafe: «määh»). Die Frau, die auf dieser Insel schon lange lebt, berichtet auch von stummen Schreckmomenten, wenn die Stille plötzlich nur noch «glotzt». «Dann ist sie da. Die Panik.»

Klischees, Binsenwahrheiten und Selbsttäuschungen, die rund um den Begriff der Ruhe in Umlauf sind, werden zuhauf versammelt und bieten sehr viele gedankliche Anschlüsse.

Die Gefahr, dabei wiederum zu karikieren, besteht natürlich, aber der Manager im Isolationstank und die Geschäftsfrau, die während des Wellness-Wochenendes noch mal eben betriebliche Prozesse optimiert, sind nun einmal genauso evident wie alle anderen hier auftauchenden Rastlosen.

Aus dem Alltag heraus und zurück

Am besten weiss schliesslich der Jesuit und Zen-Meister Niklaus Bratschen, was Stille wirklich bedeutet. Man brauche Mut dazu, doch sei sie heilsam und verbindend, sagt er über die Kopfhörer an der letzten Station der Ausstellung. Seine Äusserungen können die Stille bestimmt befördern, aber den Weg zu ihr sucht sich jeder alleine.

Es gibt ja auch keinen wirklichen Wald im Naturhistorischen Museum, in der Nationalbibliothek kein LSD – und zwar auch, weil Ausstellungen in erster Linie keine Erfahrungssubstitute sind. Und so tritt man derweil am Helvetiaplatz dreimal aus dem Alltag aus und landet in jedem Fall – genau! – wieder genau dort: bei täglicher Sehnsucht und zeitgemässen Mankos.

Mehr als Abwesenheit von Krach

Wie laut doch alles ist. Es wird in «Stille» schmerzhaft deutlich: Der Innenraum eines Autos, eine Tropfsteinhöhle und sogar ein schallabsorbierender Raum, in welchem Harley Davidson die Motorenechos testet – es sind unfassbar laute Orte, wenn darin etwa die eigene Stimme plötzlich wattiert und fremd klingt.

Bibliotheken, also vermeintlich ruhige Arbeitsstätten, dröhnen nur so vor lauter Neonröhren. Und man merkt es selten, oder oft erst in der Isolation, wie in dieser Ausstellung.

Man definiert die Stille als Abwesenheit von Krach, obwohl ebendiese Abwesenheit weder denkbar noch zu ertragen wäre. Schnell beschwert man sich über fehlende Ruhe und meint damit eigentlich die eigene Inkompetenz, sie in sich herzustellen.

«Von wegen ruhiges Zimmer», sagt die Stimme nach Betreten der gelungenen Replika eines unpersönlichen Hotelzimmers. Da geht man gerne weiter, etwa in die nächste Raumminiatur, wo ein wandfüllendes Foto den Konzertsaal des Berner Casinos zeigt. Mit voll besetztem Orchester, doch wer jetzt ein klassisches Konzert erwartet, irrt: Es folgt eine Aufnahme von John Cages «4?33?», und man dürfte sich dabei auch vorstellen, dieses Stück selbst im grossen Saal zu interpretieren.

Es fällt kein einziger Ton, man hätte also das Zeug dazu. Trotzdem ist es laut im Saal. Vollkommene Stille ist der Tod. Kaum ein Wort dazu in dieser Ausstellung. Dafür die klare Botschaft, dass zu Lebzeiten die Stille vor allem eines bleibt: eine Herausforderung.

Die Ausstellung im Museum für Kommunikation dauert bis zum 7.7.2019 (Der Bund)

Erstellt: 09.11.2018, 06:44 Uhr

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