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Wie die Welt ins Wirtshaus kommt

Unverhofftes Wiedersehen: Johann Peter Hebel hat den alemannischen Sprachraum literaturfähig gemacht. Eine sechsbändige Ausgabe zeigt Spannweite und Bedeutung seines Werks.

Fröhlicher Austausch von Informationen und Trinksprüchen: Wirtshausszene, Süddeutschland, 19. Jahrhundert. Foto: Alamy
Fröhlicher Austausch von Informationen und Trinksprüchen: Wirtshausszene, Süddeutschland, 19. Jahrhundert. Foto: Alamy

Die Bergwerke von Falun liegen in Mittelschweden, weit entfernt von Karlsruhe. Das war zumal im späten 18. Jahrhundert so, als eine Reise von dort nach Basel mit der Kutsche vier Tage beanspruchte. Im Badischen wusste kaum jemand, wie es im Norden tatsächlich aussieht. Dennoch wurde eine kleine Erzählung, die von einem Ereignis in diesen Bergwerken berichtet, zu einer der erfolgreichsten Geschichten der deutschen Literatur. In der Fassung von Johann Peter Hebel, dem alemannischen Dichter und Theologen 1760-1826), umfasst sie nicht einmal drei Druckseiten. In einem lakonischen, fast nachrichtlichen Ton erzählt er darin von einem jungen Bergmann, der kurz vor seiner Hochzeit noch einmal in die Grube fährt und darin ums Leben kommt.

Fünfzig Jahre später wird der Leichnam geborgen, durch vitriolhaltiges Wasser vollkommen konserviert. Doch keiner erkennt den Toten, seine Verwandten sind längst gestorben. Da löst sich eine alte Frau aus der Menge und sinkt auf dem Leichnam nieder: Es ist die Verlobte, die allein geblieben war und nun glücklich darüber ist, ihren Bräutigam vor ihrem Tod noch einmal wiederzusehen. Bei seinem Begräbnis erscheint sie im Hochzeitskleid. «Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett», lauten die letzten Sätze der Geschichte. «Ich habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag.»

Die Wirkung dieser zuerst im Jahr 1811 veröffentlichten Erzählung entsteht auf der einen Seite durch stilistische Verknappung, auf der anderen durch scharfe ideelle Kontraste. Die Jahre gehen in Mittelschweden in grosser Gleichmässigkeit dahin, während sich die grosse Welt in Aufruhr befindet: «Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugall durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg gieng vorüber», heisst es im Original. Die alte Frau, um die Erfüllung ihrer Liebe und in gewisser Weise auch um ihr Leben gebracht, ist glücklich, ihren Verlobten noch einmal zu sehen. Und sie sieht ihn jung, so dass die Zeit auch für sie stehen geblieben ist.

Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.

Mehrere hundert solcher Geschichten hat Hebel geschrieben, ursprünglich bestimmt für die Veröffentlichung im lutherisch-badischen Landkalender, den herauszugeben zu den Dienstpflichten des Theologen und Gymnasiallehrers gehörte. Nicht alle Geschichten entfalten den literarischen Zauber und die moralische Wucht des «Unverhofften Wiedersehens». Die meisten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Region verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.

Eine Gesamtausgabe der Werke Johann Peter Hebels erschien im Jahr 1834, eine umfangreiche Auswahl im Jahr 1961. Seitdem ist das Œuvre nur noch in Teilen erhältlich. Eine kritische Ausgabe ist in Arbeit. Um so erfreulicher, dass nun eine «Lese- und Studienausgabe» erscheint, in sechs leinengebundenen Bänden und für wenig Geld. Sie enthält alles, was man kennen sollte, und sehr viel mehr: die Geschichten, die Gedichte (die meisten davon in alemannischer Mundart), die Predigten, die Briefe und so aparte Dinge wie das «Stilbuch», bestehend aus Texten, die Hebel für seine Schüler verfasste, die sie ins Lateinische zu übertragen hatten.

Was aus diesem Reichtum an Materialien hervorgeht, ist das Bild eines längst vergangenen, aber als Wunsch hier und da wohl immer noch vorhandenen Ineinanders von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, dessen Voraussetzung eine kleine, geografisch, sozial und kulturell fest umrissene Region ist. In vielen der Briefe entfaltet sich darüber hinaus ein kluger Witz, der zugleich von Respekt für den Adressaten wie von Vertrautheit kündet.

Die Aussenwelt tritt auf in Gestalt von Dieben, Räubern, Falschmünzern und Soldaten, Händlern oder reisenden Adligen.

Ermessen lässt sich das Zusammenwirken von Regionalität, Bürgerlichkeit und Intelligenz an der Bedeutung, die dem Wirtshaus in vielen der Geschichten zukommt. Die Dorfschenke wäre eine eigene, grosse Abhandlung wert, denn sie steht für die Gesellschaft, in einem ebenso beschränkten wie tiefen Sinn. Die eigentlichen Adressaten der Geschichten sind die Bauern und Handwerker in den Dörfern und kleinen Städten Südwestdeutschlands, die Menschen, die immer schon dort waren und die kaum etwas anderes kennen als ihre kleine Welt.

Im Wirtshaus aber treffen sie auf eine ungeregelte Aussenwelt. Sie tritt auf in Gestalt von Dieben, Räubern, Falschmünzern und Soldaten, Händlern oder reisenden Adligen. Den Rhein entlang ziehen die Figuren, die überhaupt erst für die Geschichten sorgen, die danach zu erzählen sind – falls die Erzählstoffe nicht, wie das «Unverhoffte Wiedersehen», aus einem literarischen Repertoire stammen. So, wie die Bauern die Diebe und Handelsreisenden brauchten, um zu ihren Geschichten zu kommen, so bedurfte die Heimatdichtung der Zirkulation der gelehrten und höfischen Literatur, um überhaupt entstehen zu können.

Die Heimat allerdings, wie Hebel sie schildert, ist eine von Grund auf prekäre Angelegenheit: Ein Grossteil der Geschichten wie der Gedichte handelt von Einbrüchen in eine kleine Welt, von Verstörungen, von plötzlichen Verschiebungen der sozialen und ökonomischen Gewichte. Die Menschen sind ihnen ausgeliefert, zumal dann, wenn es sich um Gewalttaten handelt, die sie am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Nie ist Hebels Heimat eindeutig vermessenes Gelände. Stets ist sie in Bewegung.

Die spätmittelalterliche Ordnung, die über Jahrhunderte Bestand gehabt haben mag, wird aufgebrochen. Das Heilige Römische Reich verschwindet. Mit ihm geht eine Vielzahl kleiner deutscher Staaten dahin, die napoleonischen Kriege ziehen eine erzwungene Modernisierung nach sich, während Baden zu einem grossen europäischen Staat wird. Vor diesem Hintergrund muss man die Geschichte von dem jungen Mann lesen, der nach Paris geht, um sich zu einem Mann von Welt ausbilden zu lassen, während daheim nicht nur Haus und Hof, sondern auch die Familie untergeht.

Nie ist Hebels Heimat eindeutig vermessenes Gelände. Stets ist sie in Bewegung, und mehr noch: Stets ist sie auch Imagination, und keiner der Beteiligten macht sich Illusionen über ihren halb fiktiven Charakter. Diese Aufgeklärtheit sich selbst gegenüber gilt auch für das Verhältnis zu Frankreich, also zum Elsass, das von allem Ressentiment frei zu sein scheint.

Ein grosser Erzähler des alemannischer Raums im 19. Jahrhundert: Johann Peter Hebel.
Ein grosser Erzähler des alemannischer Raums im 19. Jahrhundert: Johann Peter Hebel.

Die Kalendergeschichten sind in einer klaren, scheinbar anspruchslosen Sprache verfasst, die zu ihrer Zeit neu war und noch lange nachwirkte, bis hin zu Robert Walser und Franz Kafka, der eine besondere Bewunderung für diese Art der Dichtung hegte. Im Werk stehen den Geschichten die in Mundart verfassten «Allemannischen Gedichte» gegenüber, die, ausweislich der Vorrede, «für Freunde ländlicher Natur und Sitten» geschrieben sein sollen. Diese Freunde, so ist zu vermuten, sind indessen weniger die Leute auf dem Land, an die sich die Geschichten richten, sondern Gebildete, die, wiederum Idealen der Aufklärung gemäss, ein Interesse am Volkstümlichen und vermeintlich Natürlichen entwickelt hatten.

Hebels poetische Mundart zeichnet sich dadurch aus, dass sie als universale, in sich völlig ausgebildete Sprache daherkommt.

Ihnen erschien im Dialekt eine Vorstellung von Gemeinschaft und regionaler Bindung, wider das Normierende der Hochsprache, aber doch auf der Höhe einer humanistischen Bildung, mit deren Hilfe sich die Hügel Südbadens zuweilen in Landschaften der griechischen Antike verwanden lassen. Hebels poetische Mundart zeichnet sich dadurch aus, dass sie als universale, in sich völlig ausgebildete Sprache daherkommt.

Hebels Alemannisch erscheint als ein Art von Gemeineigentum, in dem es in freien Versen genug Raum und Form für jeden Gedanken gibt, der sich überhaupt fassen lässt, unter den Voraussetzungen einer eng umrissenen Region (das südbadische Wiesental nahe der Schweizer Grenze, in dem er aufgewachsen war). Weltgewandter kann die Provinz nicht werden.

Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Hg. von Jan Knopf u.a. Wallstein, Göttingen 2019. 3704 S., ca. 72 Fr.

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