Wengens berühmtester Tourist, ein kindliches Genie

Warum hat Mendelssohn eigentlich im Berner Oberland ein eigenes Festival?

In Wengen findet jeweils die Mendelssohn Musikwoche statt.

In Wengen findet jeweils die Mendelssohn Musikwoche statt.

(Bild: Valérie Chételat (Archiv))

Seit dreizehn Jahren zieht es jeweils im August viele musikliebende Unterländer hinauf auf die windgeschützte Sonnenterrasse am Fuss der Jungfrau. Und alle reisen an mit demselben Ziel: Sie wollen der Kammermusik eines kindlichen Genies lauschen, das vor 108 Jahren in Hamburg geboren wurde: Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Name des Komponisten ist mit Wengen eng verbunden. Hier gibt es einen Mendelssohn-Wanderweg, sogar eine Gedenkstätte. Und eine Mendelssohn-Musikwoche. Doch warum eigentlich? Weshalb wird einem Hanseaten in Wengen so viel Ehre erwiesen? Die Erklärung liegt in seiner Biografie.

Zu Fuss durch die Idylle

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809– 1847) hat während seines kurzen Lebens viermal die Schweiz bereist. Das erste Mal 1822 mit seinen Eltern Abraham und Lea Mendelssohn. Da war Mendelssohn noch ein Teenager. Auch seine Geschwister Fanny, Rebecka und Paul waren mit dabei. Das muss eine heitere Gesellschaft gewesen sein. Jedenfalls machte Mendelssohn eine lustige Beobachtung. In einem Brief schrieb er an seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter in Berlin, alle Schweizer Landleute könnten jodeln. Tief beeindruckt war er von der Art dieses Gesangs, der im Zimmer rau und unangenehm klinge, draussen jedoch am frühen Morgen zum Geläute der Kühe «schön und enthusiastisch».

Neun Jahre später, im Sommer 1831 kommt der 21-Jährige Felix wieder ins Berner Oberland. Diesmal aber in umgekehrter Richtung, allein und zu Fuss. Er wandert von Italien her Richtung Vevey und passiert Grindelwald, um nach Luzern und St. Gallen zu kommen.

Hätte Mendelssohn twittern können, er hätte die Daheimgebliebenen in den schillerndsten Farben an dem teilhaben lassen, was er unterwegs entdeckt und fühlt. Denn unberührt hat ihn die Idylle nicht gelassen. Es gibt Zeichnungen und Aquarelle, die Mendelssohn unterwegs angefertigt hat. Und aus seinen Briefen erfährt man, dass ihn das Berner Oberland auch musikalisch inspiriert hat. Nachdem Wengens berühmtester Tourist einmal von Interlaken aus die Wengernalp, das Haslital und den Staubbachfall erwandert hatte, komponierte er das Klavierquartett Opus 1. Im Trio seiner Streichersinfonie «La Suisse» zitiert er ein Jodellied und baut Alphorn-Motive ein. Und in der Streichersinfonie Nr. 11 hat der Emmentaler Hochzeitstanz «Bin alben a wärti Tächter gsi» seine Spuren hinterlassen.

In den besten Händen

In der aktuellen Mendelssohn-Musikwoche Wengen (19. bis 26. August) bringt die künstlerische Leiterin Beatrix Jerie Werke von Mendelssohn mit Musikstücken weiterer Komponisten in Verbindung. Das tschechische Prazak-Quartett, das die Konzertreihe am Samstag eröffnet, gastiert zum zweiten Mal in Wengen. Danach folgen ein Klavierabend mit dem tschechischen Pianisten Ivan Klansky (20. 8.), ein Rezital des renommierten englischen Lautenisten Hopkinson Smith (22. 8.), ein Konzert mit dem Belo-Mir-Vokalensemble (25. 8.), sowie – etwas ausserhalb des Themas Mendelssohn – einen Kabarettabend mit Sibylle und Michael Birkenmeier («Freiheit Gleichheit Kopf ab»).

Und das Abschlusskonzert? Es wird von der Camerata Bern bestritten und dürfte der Musikwoche ein Glanzlicht aufsetzen: Die fulminant pulsierende Streichersinfonie Nr. 7, in der Mendelssohns Genie aufblitzt, wird beim mitreissenden Ensemble und seiner Leiterin Antje Weithaas in den allerbesten Händen sein.

Reformierte Kirche Wengen, Eröffnungskonzert Sa, 19. 8., 17.30 Uhr. www.mendelssohn-wengen.ch

Der Bund

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