Weltuntergang auf Hochglanz

Ernestyna Orlowska ist die Frau der Stunde, wenn es um Performance-Kunst in Bern geht. Am Festival Mad Scientist zeigt sie ihre Dystopie namens «Fruits».

«Was früher Science-Fiction war, ist heute in Reichweite.»: Ernestyna Orlowska (rechts) mit Tanja Turpeinen und Daniel Klingen Borg.

«Was früher Science-Fiction war, ist heute in Reichweite.»: Ernestyna Orlowska (rechts) mit Tanja Turpeinen und Daniel Klingen Borg. Bild: Tim Underwood. Design: Sinae Yoo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Steve, du bist der beste Job, den ich je hatte! Ich lasse mein Notebook aufgeklappt, damit du mich beobachten kannst. Steve!» Die Frau, die das schreit, windet sich am Boden. Erbärmlich sieht das aus, wie sie sich verzehrt nach Steve Jobs, ihrem Gott, dem verstorbenen Gründer von Apple. Aber diese Frau ist nicht wirklich ein Mensch. Es ist die Schauspielerin Tanja Turpeinen, die lediglich ein künstlich konstruiertes Wesen verkörpert, das «ausgetickt» ist, wie Ernestyna Orlowska erklärt.

Es ist Montagnachmittag, und wir befinden uns in den Proben zu Orlowskas Stück «Fruits», das sie als Abschlussarbeit für ihren Master an der Hochschule der Künste Bern (HKB) konzipiert hat. An ihrer Seite stehen Tanja Turpeinen und Daniel Klingen Borg, beides ehemalige Physical-Theater-Studierende an der Accademia Teatro Dimitri in Verscio. Die Idee zu «Fruits» kam zwar von Orlowska. Erarbeitet aber hätten sie das Stück im Kollektiv, erklärt sie.

Programmierte Künstler

Darin geht es um Maschinen, die das tun, was wir Menschen von ihnen erwarten: Sie leisten Dienste, die wir in sie hineinprogrammiert haben. In diesem Fall unterhalten sie uns mit einer künstlerischen Darbietung. Man ist versucht, den Begriff Roboter zu bemühen, aber der ist schlicht aus der Zeit gefallen. Denn Orlowska, Turpeinen und Borg bilden in «Fruits» ein Trio von A.I., ein Begriff aus dem Englischen, der für «artificial intelligence» steht, also künstliche Intelligenzen. Siri etwa ist so eine. Sie ist die Assistentin mit der angenehmen Stimme, eingepflegt in unsere iPhones.

Längst vorbei sind die Zeiten der ungelenkig herumstaksenden Roboter, die wahllos zerstören, was unter ihre Ratrac-Füsse gerät. In «Fruits» geht es um Mensch-Maschine-Hybriden, die zwar von jemandem aus Fleisch und Blut gebaut wurden, jedoch die Fähigkeit haben, sich selbst weiterzuentwickeln. Für Orlowska war dies zugleich Faszination und Ausgangspunkt für ihre Performance.

Näher dran

Der Name der Bernerin mit polnischen Wurzeln poppt momentan überall auf, wenn Performance-Kunst im Spiel ist. Mit Vorliebe schlüpft sie in neue Rollen, schminkt sich skurril und produziert eigene Elektronika-Lieder, über die sie ihre verstörend-betörenden Texte singt (Kostprobe: «On Netflix is a movie / And in the fridge a xanax-smoothie»). Sie präsentiert immer wieder neue Stücke an Festivals wie dem Berner Festival Bone (letztes Jahr «Mother Mary»), im Südpol Luzern oder in der Roten Fabrik in Zürich. Kürzlich hat sie eine Vorschau von «Fruits» gezeigt im Bad Bonn in Düdingen, das zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Anlass dieser Art durchgeführt hat (er hiess «Perform Perform»).

«Fruits» wird im Rahmen des Festivals Mad Scientist gezeigt. Bereits zum dritten Mal findet das vom Wissenschafts- und Kulturjournalisten Roland Fischer ins Leben gerufene Festival statt. Es verhandelt die Themen Wissenschaft auf der Ebene der Kunst. Unter dem diesjährigen Motto «Mensch / Maschine» (siehe Sideline) lässt sich auch «Fruits» einordnen.

Den Charger im Ohr

Es ist wirklich nicht neu, die künstliche Intelligenz zu hinterfragen. Die Autorin Mary Shelley hat es vor 200 Jahren getan, was im Roman «Frankenstein» mündete. Aber wenn wir uns heute damit befassen, was hat sich geändert? «Wir sind viel näher dran», antwortet Tanja Turpeinen. «Was früher Science-Fiction war, ist heute in Reichweite.» Und wofür steht eigentlich der Titel? «Wir ernten, was wir säen», sagt Orlowska. Es klingt wie eine Warnung.

In Turpeinens und Borgs Ohr ist ein Macbook-Aufladegerät eingestöpselt. Aus ihren Mündern blinkt es. Gemeinsam schnüren sie Orlowska avantgardistisch designte Sandalen um Fuss und Wade. Sie wirkt jetzt wie eine A.I.-Übermutter, eine Trojanerin. Sie hat sich schon lange losgelöst von dem, was einst in sie hineinprogrammiert wurde. Jetzt gerade spielt sie vielleicht mit dem Gedanken, die Menschheit auszulöschen.

Naturhistorisches Museum Freitag, 9. September, 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2016, 07:13 Uhr

Das Programm

Das Mad Scientist Festival verkuppelt die Kunst mit der Wissenschaft und findet dieses Jahr zum dritten Mal in Folge statt. Unter dem Motto «Mensch / Maschine» gibt es nebst dem Theaterstück «Fruits» unter anderem auch Folgendes zu sehen: Der Jurassier François Junod ist einer der bekanntesten Automatenbauer der Welt und präsentiert einige seiner Werke.

Der Wissenschaftsjournalist und Chefredaktor des Magazins «Horizonte», Daniel Saraga, führt in «Me, Myself and A.I.» in das Thema künstliche Intelligenz ein, der Youtube-Star Bart Jansen kommt in Begleitung seiner ausgestopften Katze, die jetzt eine Drohne ist, und die Berner Formation Menschmaschine (Oli Kuster, Claire Huguenin, Christoph Utzinger, Kevin Chesham) interpretiert die Lieder von Kraftwerk neu.

Der Dramaturg Andreas Storm analysiert «Sunspring», den ersten Film, der von einer künstlichen Intelligenz geschrieben wurde, und das Kino Rex zeigt passende Streifen. Zum Beispiel: Am Donnerstag, 8.?9. um 22.15 Uhr, «Her», eine Romanze von Spike Jonze, in der sich ein Mann (Joaquin Phoenix) in eine Computerstimme (Scarlett Johansson) verliebt. (mik)

Artikel zum Thema

Wunderbarer Clash of Culture!

KulturStattBern Da haben sich zwei gefunden: Das Musikfestival Bern und das Mad Scientist Festival. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

Wettermacher Der Name der Hose

KulturStattBern Kulturbeutel 42/18

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...