Wechselbad der Hormone

Halbnackte Japanerinnen, Publikumsauspeitschungen und ein stampfender Engländer in einer Kirche: Das Saint-Ghetto-Festival hat sich wilder denn je präsentiert.

Da war die Welt am Saint-Ghetto-Festival noch einigermassen in Ordnung: Dillon und ihr Frauenchor.

Da war die Welt am Saint-Ghetto-Festival noch einigermassen in Ordnung: Dillon und ihr Frauenchor.

(Bild: Franziska Röthlisberger)

Ane Hebeisen

Es hat doch alles ganz friedlich begonnen. Mykki Blanco ist in einem zerfransten Hochzeitskleid und mit blonder Perücke auf die Bühne gehüpft. Aus dem Hinterbühnenbereich hat sie leckere Trauben mitgebracht, die sie dem verzückten Publikum darreicht. Alles prima. Mykki ist gut drauf. Dachte man. Doch die Geschichte mit der Weintraubenerotik ist nur von kurzer Dauer.

Bald schon regt sich Mykki Blanco fürchterlich auf, weil ein paar Besucher in der ausverkauften Dampfzentrale ihre Jacken auf dem Bühnenrand deponiert haben. Das tue man nicht, wenn jemand performe, der «Scheissdreck» sei unverzüglich wegzuräumen, und als das nicht sofort geschieht, zettelt die Hochzeitskleidträgerin beinahe eine Saalschlägerei an.

Es folgen eine Publikumsbeschimpfung, gar eine Publikumsauspeitschung mittels einer Filzjacke, dann wieder offene Liebesbekundungen, volksnahe Publikumsbäder. Und irgendwann kappt Mykki Blanco – die im Verlauf des Konzerts zum brünstigen Kerl mutiert ist – beim Versuch, mit dem DJ-Pult zu kopulieren, kurzerhand die Playback-Stromversorgung. Ja, man kann sagen, dass in dieser Konzertstunde doch so einiges geschehen ist, was man später seinen Enkeln erzählen kann.

Das trifft übrigens auf den gesamten Saint-Ghetto-Jahrgang 2016 zu, diesem Festival zu Ehren der Randständigen und Hippen der Popmusik. Ein einziges Staunen ist das gewesen, eine ungezügelte Feier des Ungeläufigen. Bern hat an diesem Wochenende nach Grossstadt gerochen, das Marzili-Quartier nach Downtown. Es war ein bisschen, als habe das Arte-Kulturmagazin «Tracks» hier ein Wochenende lang ein Fest programmiert, mit allen Absonderlichkeiten und wohltuenden Ausbrüchen aus den Komfortzonen der Popkultur.

Kämpferisches Statement

Doch zurück zu Mykki Blanco. Sie hat in der Zwischenzeit einen Film vorgezeigt, in welchem diverse Brünstigkeiten angedeutet worden sind, die – wie sollen wir es sagen – gemeinhin eher nicht in der Zeugung von Menschenkindern münden. Doch vor lauter Gender-Rollenwechseln und Symbolismus hat der Streifen einen eher ratlos zurückgelassen. Was will uns diese zornige, aufbrausende, wetterwendische Figur sagen, die vom New Yorker Michael David Quattlebaum verkörpert wird?

Er selber sieht sich in der Schock-Tradition eines David Bowie oder eines Alice Cooper, diesen Jongleuren mit den geschlechtlichen Identitäten. Doch seine Gender-Anliegen sind an diesem Konzert, in diesem Wechselbad der Hormone schwer auszumachen. Es geht um Schock und Tabubruch, um Gangsta-Rap und Queer-Kultur. Und es geht um das Zertrümmern des gängigen Bildes, dass Crossdressing und das Spiel mit der Multi-Geschlechtlichkeit gezwungenermassen ins Harmlose und Schrullige kippen müssen.

Mykki Blanco sendet Gefahr aus, sie will wachsender Ausgrenzung und Intoleranz mit Gegenaggression begegnen. Es ist das kämpferische Statement eines schwarzen Schwulen in einer Prä-Trump-Welt und in der sich selbst gefallenden Hetero-Selbstverständlichkeit der Hip-Hop-Szene.

Rein musikalisch ist indessen lange nicht alles so prickelnd, was diese Mykki Blanco tut. Harmloser Petting-Hip-Hop wechselt sich ab mit grossartigem und finster programmiertem Angst-Rap, aufwühlende musikalische Aggressivitäten mit stümperhaften Versuchen, über sein eigenes CD-Playback zu singen.

Unbequem wie eine Kirchenbank

Gesungen wurde auch noch richtig am diesjährigen Saint-Ghetto-Festival. Die in Berlin lebende Brasilianerin Dillon hat hinter sich und ihrem Computermann einen 16-köpfigen Frauenchor aus den Reihen des Berner Ensembles Suppléments musicaux aufgebaut und bringt dergestalt ihre soulige und elektronische Eiszapfenmusik dar. Schön ist das. Zwischenzeitlich ergibt sich eine fast schon björkeske Binnenspannung zwischen choraler Gefühligkeit und ernsten Sinuswellen aus dem Aufklapp-Computer.

Dillon umschmeichelt das Auditorium mit tadellosem, anheimelndem Traumpop – und da ist es auch gar nicht so schlimm, wenn da auch einige Träume darunter gewesen sind, die bald einmal wieder der Vergessenheit anheimfallen. Ganz sicher nicht vergessen wird man dahingegen den Auftritt des englischen Sängers und Schrummelgitarristen Richard Dawson.

Das Konzert, das in der recht unwirtlichen Französischen Kirche stattfindet, ist nichts, was man gemeinhin mit Musikdarbringungen in klerikalen Baulichkeiten in Verbindung bringt. Das Tun dieses sonderbaren Herrn aus Newcastle ist stellenweise unbequem wie eine Kirchenbank, seine Stromgitarre schnarrt und rasselt, als würde sie gleich in alle Einzelteile zerfallen, und seine Stimme gellt und gurrt dermassen prekär, dass anzunehmen ist, dass dieser Engländer bei den einschlägigen Gesangs-Castingshows unter den «Leider nein»-Kuriositäten geführt würde.

Doch je länger das Konzert dauert, desto magischer wird diese Geschichte. Vor allem dann, als sich Richard Dawson in die Mitte des Kirchenbaus stellt und eine Ballade für einen stampfenden kleinen Mann, eine Brachialstimme und reichlich Kirchenhall zum Besten gibt. «The Ghost of a Tree» heisst die repetitive, überwältigende, in der Tradition der nordenglischen Folkmusik gehaltene Weise, die jedem Anwesenden das Herz öffnet.

Ebenfalls etwas Anlaufzeit nimmt an selbiger Stelle die Sängerin Baby Dee in Anspruch. Ihr als Kirchenorgelkonzert angekündigter Auftritt ist zunächst ein Handorgelkonzert zu eingespieltem Vogelgezwitschere, durchaus nicht reizlos, aber nichts, was in dieser akustisch diffizilen Umgebung zur Geltung kommt. Und als sich die musikalische Gespielin von Künstlern wie Antony Hegarty, Bonnie Prince Billy oder Marc Almond letztlich doch an die feierlich beleuchtete Kirchenorgel setzt, wünschte man, sie würde dieses edle Instrument ordentlich zum Schlottern bringen.

Tut sie aber nicht. Ihre Balladen bleiben subtil. Zwar schunkeln sie angenehm schräg durchs Kirchenschiff, doch hätte man den Aufenthalt im kühlen Bau gerne mit etwas mehr sakralem Bombast belohnt bekommen. Nun denn. Wärme und Bombast gibts auch von der wunderbaren Kanadierin Marie Davidson nicht.

Dafür geschmackssicher programmierte Sequenzer und kühle, analoge Strommusik mit einem Hang zum New Wave. Die Engländer von Raime bestechen mit einem dynamischen Gemenge aus Postpunk und Elektro, und die beiden Japanerinnen von Group A werden mit Teufelsgeige, Blechstimme, Industrial-Noise und selbstverständlich hergezeigten nackten Brüsten auffällig.

Zu kleines Bern

Es sei aus Booker-Sicht kein einfacher Jahrgang gewesen, hatte der Dampfzentrale-Musikchef Roger Ziegler im Vorfeld des Festivals verraten. Wunsch-Headliner wie Kate Tempest oder die Sleaford Muds seien nach einigem Hin und Her nicht zu kriegen gewesen, die Zeit – auch aufgrund der Umstrukturierung in der Leitung des Hauses – sei auf einmal knapp geworden.

Und ausgerechnet dieser schwierige Jahrgang hat dem Festival einen ausverkauften und künstlerisch hoch spannenden Eröffnungsabend beschert, an welchem der Pulk von vergeblich Einlass Suchenden vor den Dampfzentrale-Toren zeitweise beachtliche Dimensionen angenommen hat. Etwas weniger glücklich verlief der zweite Festival-Tag – zu gross war die Konkurrenz durch die Elektro-Punkerin Peaches im Dachstock. Als Ghetto für ausgefallenen Experimental-Pop ist Bern dann eben doch zu klein, als dass es zwei ähnlich gesinnte Veranstaltungen am selben Tag vertragen würde.

Der Bund

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