Wahrnehmen, was anklingt

Sophie Hubers Regiedebüt, ein zartes Porträt des Schauspielers Harry Dean Stanton, lebte 2013 von dem, was ungesagt blieb.

Lieber hinter der Kamera als davor: Sophie Huber.

Lieber hinter der Kamera als davor: Sophie Huber. Bild: Franziska Rothenbühler

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Es könnte natürlich schon sein, dass Harry Dean Stanton als Spatz wiedergeboren worden ist. Denn gerade als Sophie Huber erzählen will, wie sie vom Schauspieler Abschied genommen hat, der letzten September gestorben ist, hüpft ein Vogel auf den Tisch. Als wolle er sich ins Gespräch einmischen. Huber stutzt. Und schmunzelt.

Die Bernerin und der Amerikaner hatten sich in einer Bar in Los Angeles kennen gelernt, wo die Regisseurin seit vielen Jahren wohnt – neben einem weiteren Standbein in New York sowie einem in Bern. Stanton, von dem man sagt, er sei der bekannteste Unbekannte Hollywoods gewesen, weil er in über 200 Filmen gespielt hat, aber darunter nur zwei Hauptrollen, wurde 2013 das Sujet von Hubers erstem Film: «Harry Dean Stanton: Partly Fiction» zeigte den notorischen Nebendarsteller als Unergründlichen, der kaum etwas über sich preisgab – ausser wenn er sang: In diesen Momenten bekam sein reptilienhaftes Wesen etwas Zugängliches. Hubers zart hingetupftes Porträt erhielt sowohl den Berner als auch den Zürcher Filmpreis.

Letzten Juni also, fährt Huber fort, nachdem der gefiederte Besucher sich davongemacht hat, habe sie einen Anruf von Stantons Assistent bekommen, dass es zu Ende gehe mit dem 90-Jährigen. Huber war gerade in New York, flog aber sofort nach Los Angeles und verabschiedete sich im Spital von ihrem Freund. Der tat dann allerdings nicht, was alle erwarteten, und lebte noch bis September. Der Film «Lucky» (2017), in dem Stanton seine zweite Hauptrolle nach Wim Wenders’ «Paris, Texas» spielte, wurde damit zu seinem Vermächtnis; für die Regie hatte man zunächst Sophie Huber angefragt, denn ihr Film hatte den Drehbuchautor Logan Sparks zu «Lucky» inspiriert. Doch sie lehnte ab: «Ich hatte meine Version von Harrys Porträt bereits gemacht.»

«Das war nicht für mich»

Der Erfolg ihres Regie-Debüts gab ihr recht; «Harry Dean Stanton» lief weltweit an Festivals und erhielt positive Kritiken. Dabei hatte Huber erst spät und über ein paar Umwege zur Regie gefunden. Zwar war das Elternhaus der Bernerin ein guter Nährboden für Künstlerkarrieren: Die eine Schwester, Susanne, wurde Pianistin; die andere, Anna, Tänzerin. Sophie Huber ging als Kind zwar auch ins Ballett und nahm jahrelang Geigenunterricht, aber ohne dass besondere Talente zum Vorschein gekommen wären.

Nach einer Lehre als Hochbauzeichnerin ging sie nach Los Angeles an eine Schauspielschule, doch: «Das war nicht wirklich für mich», sagt die 46-Jährige und lacht. «Immerhin wusste ich danach: Ich will Filme machen. Allerdings lieber hinter der Kamera als davor.» Nach einer weiteren Station in Berlin bei einem Filmkollektiv kehrte sie nach L.A. zurück und drehte mit über vierzig ihren ersten Langfilm. «Harry Dean Stanton» öffnete Sophie Huber einige Türen; auch jene, die zu ihrem aktuellem Film führte, für den sie nun in die Schweiz gereist ist. Als sie nämlich ein Album mit Stantons Songs herausgeben wollte, traf sie Don Was, den Chef des Musiklabels Blue Note.

Man kam ins Gespräch, und irgendwann war die Idee geboren, die Geschichte des renommierten Plattenlabels filmisch zu rekapitulieren. «Für mich war schon der Film über Harry ein Musikfilm», sagt Huber. Eine besonders enge Bindung zum Jazz hatte sie allerdings nicht, obwohl früher im Hause Huber nebst Klassik und französischen Chansons auch Jazz gehört wurde.

Man braucht indes kein Experte zu sein, um Blue Note zu kennen, denn ohne diese Plattenfirma wäre die Entwicklung des Jazz im 20. Jahrhundert anders verlaufen. Hier fanden viele seiner wichtigsten Erneuerer eine Heimat: Miles Davis, John Coltrane, Art Blakey, Wayne Shorter oder Herbie Hancock.

Lebte Sophie Hubers erster Film von dem, was ungesagt blieb, so lag für sie bei «Blue Note Records: Beyond the Notes» die grösste Herausforderung darin, sich einen Weg durch die Materialberge zu bahnen. «Die Schwierigkeit war, diese 80-jährige Geschichte, die Tausende Platten umfasst, so zu erzählen, dass daraus mehr wird als eine Diskografie.» Huber hat sich darum ganz auf die Musiker konzentriert, anders als frühere Filme über Blue Note. Zu Wort kommen junge Musiker ebenso wie längst verstorbene in raren Archivaufnahmen.

Die Geschichte von Blue Note Records begann 1939 mit zwei Emigranten in New York. Alfred Lion und Francis Wolff waren jüdische Deutsche aus Berlin, die schon in ihrer Heimat vom Jazz-Virus angesteckt worden waren: glühende Fans, die aber gar nicht so viel von Jazz verstanden hätten, heisst es im Film. «Sie hatten aber einen unglaublich guten Geschmack und ein Gespür für diese Musik», sagt Huber. Aber weniger fürs Geschäft. Lion und Wolff nahmen auch Künstler unter Vertrag, die kaum kommerzielles Potenzial hatten – und erst später zu Ikonen wurden: Thelonious Monk etwa.

Unheimlich cool wirken diese Jazzer, wie sie aus dem Dunkel des Aufnahmestudios auftauchen, umflort von Zigarettenrauch. Mit den Schwarzweissfotografien aus dem Blue-Note-Archiv stand Huber fantastisches Bildmaterial zur Verfügung; dazwischen schneidet sie Interviews mit aktuellen Blue-Note-Musikern wie Robert Glasper, die bekräftigen, wie viel von der DNA des Jazz in der heutigen Black American Music steckt, vor allem im Hip-Hop. Und wie sehr im Jazz gesellschaftliche Entwicklungen eingeschrieben waren: indem sich darin jene Freiheit manifestierte, welche die schwarzen Protagonisten im Alltag vermissten.

Überwunden ist diese Benachteiligung bis heute nicht – im Gegenteil, sagt Huber. «Unter der Administration Trump ist Rassismus wieder salonfähiger geworden. Dunkelhäutige, egal ob Afroamerikaner oder Latinos, sind viel exponierter.» Die allgemeine Stimmung sei eine ganz andere als unter Barack Obama: «Die Menschen sind angespannter, es gibt mehr Ängste.»

Alchemie des Grooves

Auch wenn «Blue Note Record», was das Politische angeht, nicht besonders explizit wird, ist der Film doch mehr als die auf den ersten Blick eher konventionell erzählte Label-Biografie – denn er behauptet nicht nur, dass der Jazz ein Medium afroamerikanischer Selbstversicherung sei, er führt das auch vor: in einer Aufnahmesession, in der junge Musiker zusammen mit Herbie Hancock und Wayne Shorter improvisieren. Hier entsteht, aus dem Moment heraus, eine Alchemie des Grooves, eine wundersame, ungeprobte Mechanik des Zusammenspiels, das nur gelingen kann, wenn die Egos der Einzelnen zugunsten des Ganzen gezügelt werden. «Die Improvisation lebt ebenso von der Freiheit wie vom Verbundensein mit den anderen», sagt Huber.

Man kann dies als Kontrapunkt lesen zu aktuellen sozialen Entwicklungen, die den Ausschluss des Anderen propagieren. Improvisation erscheint so nicht nur als musikalisches Phänomen, sondern als Plädoyer für eine umfassende Aufmerksamkeit, ein spezielles Sensorium für andere. Auch Sophie Huber hat es. Als Regisseurin. Oder wenn ein kleiner Vogel sie an einen Freund erinnert. Vorpremiere heute, 20.30 Uhr, Kino Rex, in Anwesenheit von Sophie Huber. (Der Bund)

Erstellt: 13.06.2018, 06:19 Uhr

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