Vogelhäuser und magische Laternen

Im Centre Pasquart in Biel zeigen die Schweizerin Klodin Erb und der Südafrikaner Kemang Wa Lehulere ganz unterschiedliche Bilderwelten.

Wiederverwertete Schulpulte und ein afrikanischer Graupapagei: Kemang Wa Lehulere: «My Apologies to Time 1», 2017.

Wiederverwertete Schulpulte und ein afrikanischer Graupapagei: Kemang Wa Lehulere: «My Apologies to Time 1», 2017. Bild: Julie Lovens

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Hat da jemand einen Vogel? Ein ausgestopfter Graupapagei sitzt auf einem Ast-stumpf und überblickt eine eigentümliche Szenerie. Tischbeine von Schulpulten haben sich in Stahlrohrgebilde verwandelt; die Holzplatten der Pulte wurden in Vogelhäuser umgerüstet. In seiner Werkgruppe «My Apologies to Time» beleuchtet der südafrikanische Künstler Kemang Wa Lehulere in seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz Mechanismen der Konditionierung und Unterdrückung im Bildungssystem der Apartheid.

Das vielgestaltige Werk des Künstlers, verortet zwischen autobiografischer Spurensuche und historischen Ereignissen, schafft suggestive Bilder, die in der Vergangenheit seines Heimatlandes gründen: In Stein gemeisselte Handzeichen, eine zwischen Gebisse geklemmte Bibel oder verwischte Kreidespuren auf Wandtafeln werden zu subtilen Sinnbildern für Formen der Unterdrückung.

Ein durchgehendes Motiv in seinem Werk sind Porzellanschäferhunde, die in der raumfüllenden Installationen «Cosmic Interlude Orbit» (2016) oder «Red Winter in Gugulethu» (2016) ausgestellt sind. Bis heute bewachen vorzugsweise Schäferhunde die Anwesen der (weissen) südafrikanischen Oberschicht. Trotz ihrer stoischen Ruhe geht von den aufrecht sitzenden Hunden etwas Lauerndes aus.

Diese Porzellanhunde erfahren bei Lehulere indes eine bedeutsame Umwertung hin zu einer Art Ehrengarde für einen jung verstorbenen schwarzen Intellektuellen. In einem von Krücken durchbohrten Koffer befindet sich Gras, das vom Grab des Nat Nakasa stammt. Er schrieb Mitte der 1960er-Jahre für die Tageszeitung «Rand Daily Mail» als erster Schwarzer eine Kolumne; später nahm er sich im New Yorker Exil das Leben. Der Künstler transportierte Rasenstücke von Nakasas Grab nach Südafrika, liess sie im Koffer weiterwachsen und von Porzellanschäferhunden bewachen.

Der Tanz einer Schattenwelt

In der zweiten Einzelausstellung setzt die Schweizerin Klodin Erb, bekannt für ihre expressiven, fantastischen Bildwelten, unter dem Titel «Die Wolfslaterne» neuste Werke mit Arbeiten aus den letzten fünf Jahren in Beziehung. Für die eigens für die Ausstellung hergestellte Serie «Alphabet der Heiligen» (2017) hat die Künstlerin die Bausteine unserer Schrift zum malerischen Element erhoben. Den Buchstaben werden in der christlichen Kultur seit jeher mehrere Heilige mit ihren Eigenschaften zugeordnet. Erb interpretiert in ihren Collagen dieses Alphabet neu, indem sie mit Bildern aus Magazinen und Zeitungen nach zeitgenössischen Analogien sucht und Fragen nach Identität und Gender stellt.

Neben verfremdeten «Struwwelpeter»-Bildern, die von Erbs Lust am Verfremden und spielerischen Interpretieren klassischer Bildgattungen zeugen, beeindruckt vor allem die Art, wie sie die monumentale Salle Poma bespielt. Hier taucht man ein in eine Welt der farbigen Schatten. Im Zentrum hängt die eigens für die Schau konstruierte «Wolfslaterne». Sie dreht sich langsam um die eigene Achse und wirft riesige Schatten an die Wände: Das Personal aus der Märchenwelt mit Wölfen und Eulen, Bären und bizarren Figuren vollführt hier ein abgründiges Lichtspiel.

Bis 1. April, www.pasquart.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.02.2018, 06:45 Uhr

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