Viele bunte Luftballons

Konzert Theater Bern eröffnet die Spielzeit im Musiktheater mit Wolfgang Amadeus Mozarts «Così fan tutte».

Nicht nur die Garderobe ist etwas verrutscht nach dem feuchtfröhlichen Polterabend: Regisseur Maximilian von Mayenburg lässt Mozarts Oper in einer Bar beginnen.

Nicht nur die Garderobe ist etwas verrutscht nach dem feuchtfröhlichen Polterabend: Regisseur Maximilian von Mayenburg lässt Mozarts Oper in einer Bar beginnen. Bild: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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«Gerechter Amor! Ich glühe; es ist Tollheit, Angst, Reue, Gewissensqual.» Endlich kann Fiordiligi ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Sie, die wie ein Fels in der Brandung standhaft bleiben wollte, beginnt zu wanken. Ihre Schwester Dorabella hats mit Fiordiligis Bräutigam Guglielmo bereits vorgemacht: ein kleiner Seitensprung in Ehren, schliesslich heiratet man ja erst morgen...

Die von Fiordiligi vorgetragene Palette an Gefühlen ist es, welche den emotionalen Reiz von Mozarts Dramma giocoso «Così fan tutte» ausmacht. Das Stück bildet den Abschluss der berühmten Trilogie nach Libretti von Lorenzo Da Ponte; «Le nozze di Figaro» und «Don Giovanni» kamen in den letzten beiden Spielzeiten bei Konzert Theater Bern zur Aufführung.

Grandioses Bühnenbild

Die Da-Ponte-Opern leben vom emotionalen Spiel der Solisten. Der Zuschauer will die Geschichte verstehen, er will die drei Frauen und Männer, die in «Così fan tutte» gleichberechtigte Rollen haben, unterscheiden können, er will mitfiebern, mitleiden und gut unterhalten werden. Beim dreieinhalbstündigen Abend in Bern, wo neben den üblichen Strichen nur bei den Rezitativen etwas gekürzt wurde, ist das eine Herausforderung.

Regisseur Maximilian von Mayenburg setzt, anstatt auf sein agiles Sängerensemble zu vertrauen, auf bühnentechnischen Aufwand. Schon während der Ouvertüre wird der Blick auf ein grandioses Bühnenbild frei: eine die ganze Portalbreite einnehmende Bar, in der meterweise Alkoholika bereitstehen. Der Bar vorgelagert sind Hocker und eine Jukebox, die Musik macht, sobald man sie mit dem Fuss tritt. Alfonso sorgt als Barkeeper für das Wohl der Gäste, Despina räumt auf und macht sauber.

Mädels im Bademantel

Die Idee, «Così fan tutte» in einer Bar spielen zu lassen, ist nicht neu. Vorgemacht hat es Regiestar Peter Sellars 1986, als er das Stück in «Despina’s ­Diner» spielen liess, und letztes Jahr stellte David Bösch in Genf – wie nun in Bern – eine raumfüllende Bar auf die Bühne, ebenfalls mit per Fusstritt zu bedienender Jukebox.

Von Mayenburg nimmt den Schluss der Oper an den Anfang: Die Protagonisten hängen schlaff am Tresen oder sind eingedöst: Man hat Polterabend gefeiert, der Alkohol floss in Strömen, die Garderobe ist etwas verrutscht.

Als die beiden Bräutigame ihren Dienst in der Armee antreten, wird die Bar nach hinten verschoben, und die Szene verwandelt sich in einen düsteren geschlossenen Raum, eine Art Spiegelkabinett – und bleibt so bis zum Finale. Don Alfonso ist kein altersweiser Philosoph, sondern eine Art Zauberlehrling, der, wie Shakespeares Ariel, die Leute nach Belieben einschläfert, trunken macht und ihnen ihren Text einflüstert.

Mit der Verwandlung der Szene wird der Zuschauer quasi in ein anderes Stück versetzt, in dem mehr oder weniger lustige Gags überhandnehmen. Despina serviert Fiordiligi und Dorabella anstatt heisser Schokolade ein Glas Nutella. Die Damen erhalten Sonnenbrillen aufgesetzt, damit sie ihre zurückkehrenden Männer nicht erkennen. Eine Duschkabine wird heruntergelassen, es dampft, und die Mädels sind praktischerweise nun schon mal im Bademantel.

Draufgänger Guglielmo versuchts mit einem Striptease, Kopulationsstellungen werden angedeutet, Amor, der zu Beginn schon an der Bar herumlungerte, verschiesst seine Pfeile, die Herzen bluten, und Guglielmo schneidet mit einer Nagelschere Dorabellas Shirt auf, bevor er sich an ihrem Busen zu schaffen macht: Vielleicht ist das lustig – erotisch ist es nicht.

#MeToo neu gedeutet?

Auch die Drehbühne wird bemüht, die ein riesiges Glasgerüst heranschiebt, in dessen Innerem es regnet. Es treten zahllose Klone von Guglielmo und Ferrando auf, die sich – #MeToo neu gedeutet? – den Damen anbieten. Alfonso darf die vielen bunten Luftballons zerplatzen lassen, und zum Schluss kommts zum fröhlichen Frisbee-Werfen mit Porzellantellern – genau: Scherben bringen Glück.

Was Bern mit Edusei verliert

Chefdirigent Kevin John Edusei ist der Mann des Abends. Sein Dirigat ist zupackend und präzise, die Klarinetten und Fagotte sind schmeichelhaft verführerisch, die Streicher samtig weich, das Hammerklavier nie aufdringlich. Die Chöre sind zumeist unsichtbar hinter die Bühne verwiesen. Edusei hält Graben und Solisten jederzeit zusammen, setzt insgesamt auf eher verhaltene Tempi – und zeigt einmal mehr, was Bern mit ihm bald verliert.

Oriane Pons, als Despina angekündigt, sang für die erkrankte Elissa Huber die Fiordiligi: Es war der stimmliche Höhepunkt des Abends. Die bewährte Eleonora Vacchi agierte etwas unter ihren Möglichkeiten, Michal Marhold und Nazariy Sadivskyy als Bräutigame blieben darstellerisch einiges schuldig, während Todd Boyce als Alfonso und Orsolya Nyakas als Despina-Einspringerin und Bern-Debütantin rundum überzeugten.

(Der Bund)

Erstellt: 16.10.2018, 06:38 Uhr

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