Veryoungboysen

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury erklärt, was es heisst, ein YB-Fan zu sein.

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Ich bin schon oft an ihm vorbeigegangen, aber angesprochen habe ich ihn noch nie. Eine Andeutung eines Nickens, das man auch als Schattenkopfball interpretieren könnte, mehr war da nicht. Er sitzt an diesem schönen Ort jeweils auf der Ersatzbank neben dem Haupteingang der Klinik und macht Pause. Lars Lunde, ewig blonde Stürmerlegende, heute Krankenpfleger im Hauptberuf. Er muss das Geheimnis kennen, immerhin war er Torschützenkönig im Meisterjahr 1986. Den Cupsieg im Jahr darauf hat er dann nicht mehr miterlebt, da war er schon bei den Bayern in München. «Mia san mia», heisst es dort – und wir werfen das Echo «Mir si mies» zurück.

Ja, ich bin YB-Fan und habe eine schwere Woche hinter mir; für manche Ohren klingt das wie das Eingeständnis einer sexuellen Perversion. Ja, ich verstecke mich mitunter in gelb-schwarzer Reizwäsche hinter Bäumen und renne dann auf die Strasse, um mich vor Menschen in rot-blauen Kleiderkombinationen zu entblössen. Ein Bekannter meinte nach dem blamablen Cup-Out gegen Winterthur im Ton eines klinisch nüchternen Psychiaters: «Als Fan dieses Clubs muss man schon eine gehörige Portion Masochismus mitbringen.» Was soll ich darauf sagen? Dass nicht du den Club wählst, sondern der Club dich? Dass gerade in der Enttäuschung der Keim künftiger Stärke steckt (meinem schockstarren Sohn sagte ich nach der Winterthur-Schlappe auf der Heimfahrt: «Willkommen im Club, jetzt gehörst du zu uns, das war dein Initiationsritus»).

Aufgewachsen bin ich in einem Vorort der Stadt. Der um einige Jahre ältere Nachbarsknabe wies mir fussballerisch den Weg. Er war geistig leicht behindert und dem BSC Young Boys mit einem unerschütterlichen Enthusiasmus zugetan; sein ganzer Stolz war eine riesige, wirklich kolossale YB-Fahne, die er selber in wochenlanger Heimarbeit gebastelt und genäht hatte. Am Wochenende pilgerte er stets zu Fuss von Zollikofen über Worblaufen und Papiermühle zum Stadion Wankdorf – und schwenkte stolz seine Fahne.

An den Heimspielen war er mit seiner Fahne unübersehbar. Sie war ein Orientierungspunkt im Chaos, ein Anker im Sturm, Jubelstandarte im Triumph und Wärmedecke in der Niederlage. Mein erstes Spiel, es muss 1974 gewesen sein, der grosse FC Basel war zu Gast: Mein Vater hatte sich in der Anspielzeit getäuscht – und der Gast führte bereits 2:0, als wir in der 20. Spielminute die steile Treppe erklommen hatten und am nördlichen Eckturm Papiermühlestrasse an einem sonnigen Nachmittag ehrfürchtig hinunter auf den heiligen Rasen blickten. Manchmal denke ich, dass diesem Start ins Leben als aktiver YB-Fusballfan eine gewisse prophetische Qualität nicht abzusprechen ist. Kurz: Es war wohl ein Omen.

Viel ist seither passiert, ich habe Höhen und Tiefen miterlebt, die Tiefen habe ich vor allem in den späten 1990er-Jahren bis zur Neige ausgekostet, als ich in Thermounterwäsche bei Minustemperaturen im maroden und fast leeren Stadion auf kaputten Holzbänken unser in die Nationalliga B abgestiegenes Team gegen Solothurn verlieren sah und nach dem Spiel das Hinterteil in einer kloakenähnlichen Toilette von schmerzhaften «Spriisen» befreite. Item, das sind unbesungene Heldentaten, die eigentlich ein lebenslanges VIP-YB-Platinkärtchen inklusive Ehrenmitgliedschaft rechtfertigten. Die kurzen Höhen 1986/87 fielen dagegen leider exakt mit den wenigen Jahren zusammen, in denen ich meine Prioritäten ziemlich radikal anders setzte (Stichworte mögen genügen: Reithalle, Zaffaraya, das andere Geschlecht, bewusstseinserweiternde Substanzen, Weltrevolution).

Und dann gibt es ja seit einigen Jahren den Ausdruck «veryoungboysen» (das Verpassen eines sicher geglaubten Siegs, im entscheidenden Moment kläglich versagen), der offenbar die Grenzen des Bernbiets bereits hinter sich gelassen hat. Nicht nur im Vorarlberg, der Heimat von Trainer Adi Hütter, hat sich der Terminus bereits eingebürgert, nein es gibt sogar eine japanische («foyobo»), eine chinesische («foyangbo»), eine russische («foryuzbo») und sogar eine arabische («foyaalbis») Variante.

Es gibt eben viele Wege, ein Fussballclub von globaler Ausstrahlung zu werden. Nächstes Mal setze ich mich zu Lars Lunde auf die Ersatzbank. Wir werden kein Wort sprechen. Ich werde die Augen schliessen, seine Hand ergreifen und eine Rückführung antreten zum 24. Mai 1986, Stade de La Maladière, 21'500 Zuschauer, kurz vor dem Abpfiff. . . Hier gibt es nichts mehr zu veryoungboysen.

Der Bund

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