Vergnügliche Denknahrung

Der «Thesaurus rex» von René Gisler ist ein Monstrum von Nachschlagewerk. Es leuchtet mit Fantasie und subversiver Kreativität in Sprach-Zwischenräume. (am 24. Oktober)

«V» wie «Vagschale»: Der «Thesaurux rex» versammelt Kofferwörter auf über 1000 Seiten.

«V» wie «Vagschale»: Der «Thesaurux rex» versammelt Kofferwörter auf über 1000 Seiten.

(Bild: zvg)

Ein «Powerfool» trifft auf einen «Cashcowboy». Worüber reden die beiden? Nein, das ist nicht der Anfang eines Witzes, sondern eine Aussage, in der zwei Wörter vorkommen, die es nicht gibt. Jedenfalls nicht nach der offiziellen Rechtschreiberegelung. Entsprechend stehen «Powerfool» und «Cashcowboy» auch nicht im Duden. Dafür aber im «Thesaurus rex».

Der Name lässt einen unweigerlich an den ausgestorbenen Tyrannosaurus rex denken, den fleischfressenden Dinosaurier-Giganten der Kreidezeit. Tatsächlich ist auch der «Thesaurus rex» ein Monstrum: ein Monstrum von Wörterbuch. Er umfasst 1064 Seiten, misst 24 mal 33 cm und wiegt 3,8 Kilo. Auch der royale Status, den «Thesaurus rex» in Anspruch nimmt («rex» ist Lateinisch für Regent oder König), passt, denn die Enzyklopädie mit deutschsprachigen Worterfindungen ist die umfangreichste je gedruckte ihrer Art.

«Keinesfalls nur Nonsense»

Darin enthalten sind Kreationen wie etwa die «Vagschale», wobei als Definition «Schale oder nicht Schale – das ist hier die Frage» angegeben wird, die «Mattematik» («Rechenakrobatik auf weicher Unterlage») oder die «Bevölkerungsdicke», auch «Aldipositas» genannt. Die Inhalte des monumentalen Nachschlagewerks stammen von www.enzyglobe.net, einem partizipativen Blog, den Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz während 16 Jahren stetig mit Wortneuschöpfungen erweitert haben.

Initiator des Projekts ist der Innerschweizer Kunstschaffende René Gisler, der sich seit geraumer Zeit mit Wortfindungen beschäftigt. Es gebe zwei Hauptgründe, warum der «Thesaurus rex» nun als Buch erschienen ist, sagt der 52-Jährige. Neben der haptischen Qualität, die eine Online-Plattform nicht bieten kann, sei die Enzyklopädie auch ein gewichtiges Statement, so Gisler: «Die 16000 Wortschöpfungen sind keinesfalls nur Nonsense.»

Der «Thesaurus rex» versammelt Kofferworte. Diese entstehen, indem man zwei Ausdrücke überlappen lässt – und entpuppen sich als vergnügliche Denknahrung. Was macht zum Beispiel ein «Kopfweltjäger»? Manchmal entstehen neue Wörter auch durch einfache Schreibfehler. «Lücksmoment» etwa oder «Kommherz», beides Lieblingswörter von Gisler, in dessen Kreationen sich oft gesellschaftspolitisches Interesse abzeichnet.

Während im normalen Kontext die Unregelmässigkeit eines Wortes wie «Kommherz» überlesen oder als Tippfehler abgetan würde, wird ihm im «Thesurus rex» automatisch ein anderer Fokus zuteil. Hängt unser Herz am Kommerz? Zielt dieser explizit auf unser Herz ab? Oder haben wir ein Herz, das schnell aus sich herauskommt? Und schon sind wir mitten drin im Deutungs-Universum von «Thesaurus rex».

Sinn bleibt verhandelbar

Sprache ist das Werkzeug, das verbale Kommunikation überhaupt erst ermöglicht. Damit sich zwei Gesprächsteilnehmende verständigen können, braucht es einen Konsens über die Deutung von Begriffen oder eine zumindest ähnliche Grundannahme, wofür ein Wort steht. Gleichzeitig aber sind Assoziationen, die bei Wörtern anklingen, immer auch individuell geprägt. Mit dem «Thesaurus rex» öffnet Gisler eine verbale Spielwiese und hinterfragt so ironisch die Eindeutigkeit, die der Sprache in Regelwerken zugeordnet wird. In diesem Sinn kann die Sammlung mit Neuwortschöpfungen durchaus auch als subversiver Kommentar auf beanspruchte Deutungshoheit von Befürwortern der Sprachkonservierung gelesen werden.

Eine Enzyklopädie ist normalerweise eine Liste von zeitlich, kulturell oder thematisch eingegrenztem Wissen. «Thesaurus rex» ist mehr als das, ­nämlich eine Sammlung, die spielerisch zwischen die Zeilen von Sprachenzyklopädien leuchtet und hier unendlich grosse Räume aufmacht, in denen Sinn verhandelbar bleibt. «Thesaurus rex» lässt einem «aufträumen», ist kein «Antikkörper», sondern überaus «attrakdieb».

«Erlesen» im Progr, EG West: Donnerstag, 24. Oktober, 18 Uhr, René Gisler hält eine «Lotto-Speech».

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