«Verdiene ich diese Narben?»

Beim queer-feministischen Pornografie-Festival «Schamlos(!)» macht die Inderin Living Smile Vidya auf die prekäre Situation für Transmenschen in ihrer Heimat aufmerksam.

«Indien ist nicht das tolerante Land, für das es einige halten»: Living Smile Vidya.

«Indien ist nicht das tolerante Land, für das es einige halten»: Living Smile Vidya. Bild: zvg

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Die junge Frau wird fälschlicherweise wegen des Verdachts auf Prostitution auf der Strasse verhaftet. Auf dem Polizeiposten wendet sich dann aber alles zum Guten, und die Beamten verhelfen der Frau gar zu einem Job. So endet der Spielfilm «Naanu Avanella … Avalu» (2015), welcher auf der Biografie der Inderin Living Smile Vidya basiert. Während die Kinofassung auf massentaugliches Happy End getrimmt wurde, lässt dieses im richtigen Leben der Protagonistin noch auf sich warten.

Kein La-La-Land

Living Smile Vidya ist Theaterschaffende, Autorin und die erste indische Transfrau, welche in ihrem Pass den Wechsel von Name und Geschlecht erwirken konnte. Ihre Biografie «I am Vidya» wurde in sechs Sprachen übersetzt, ihr Stück «Ef-Femininity» war letztes Jahr in der Berner Dampfzentrale zu sehen, und mit einem anderen Stück – «The Color of Trans» – tourte die 36-Jährige unter anderem durch die USA. Zurzeit ist Vidya in Bern zu Gast, wo sie am ersten queer-feministischen Pornografie-Festival Schamlos(!) auftreten wird (siehe Box). In ihrer Heimat hat Vidya eine Theatergruppe für Transmenschen ins Leben gerufen und ist zum wichtigen Sprachrohr für die Anliegen ihrer Community geworden. Das gefalle nicht allen, sagt die Aktivistin.

In Indien gibt es eine lange Tradition des sogenannten dritten Geschlechtes – die Kultur der Hijra. Bereits in Schriften aus dem Altertum sind Hijras belegt, also Menschen, welche weder als vollständig weiblich noch männlich angesehen werden. Viele dieser Hijras leben in klar strukturierten Lebensgemeinschaften, wobei eine Guru-Mutter als Oberhaupt der Gemeinschaft fungiert. Meist sind es Menschen mit XY-Chromosom, die sich als Frau fühlen, welche in diesen Gemeinschaften Unterschlupf finden, weil sie hier ihre weibliche Identität leben können. «Viele Leute glauben, dass Indien wegen der Hijra-Tradition so etwas wie ein La-La-Land für Transmenschen ist», sagt Vidya. «Diese Toleranz ist aber ein Mythos.»

Nebst dem, dass Hijras sich meist nur mit Betteln oder Prostitution finanziell über Wasser halten können, werden Transmenschen gesellschaftlich geächtet. Wir werden nicht als drittes Geschlecht angeschaut, sondern als Schwule, welche sich als Frauen verkleiden. Schwulenhass ist in Indien tief verankert, und so sind wir oft psychischer und physischer Gewalt ausgeliefert. Der Begriff drittes Geschlecht ist ausserdem oft auch nicht zutreffend. Ich zum Beispiel habe ein Leben lang dafür gekämpft, als Frau wahrgenommen zu werden und nicht als sogenanntes drittes Geschlecht.»

Verletzlich und verletzt

Die Frage nach der Kategorisierung von Geschlechtern in unserer Gesellschaft ist eine, welche auch am ersten Berner Pornografie-Festival Schamlos(!) verhandelt werden soll. Dabei steht nicht etwa Mainstream-Pornografie à la Waschbrettbauch-Mann treibts mit Silikonbrüste-Frau im Zentrum, sondern das Festival will einer Vielzahl von Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen und Körperlichkeiten Platz einräumen. Ihre Art von Pornografie solle zum Denken anregen, sagen die Macherinnen und Macher auf ihrer Webseite.

Das dürfte Living Smile Vidya mit ihrer Performance «Scars» tun. Sie spreche darin über seelische und körperliche Narben, welche das Angleichen ihres männlichen Körpers an ihre weibliche Identität verursacht habe. «Ich habe mich die meiste Zeit meines Lebens schuldig gefühlt für meine Andersartigkeit, und das will ich nicht mehr. Darum zeige ich mich in meiner Performance nackt. Ich wurde in Indien schikaniert, gemobbt und physisch drangsaliert. Verdiene ich diese Narben? Ich trage sehr viel Wut und Frust in mir, und wenn ich mich nackt zeige, dann kann ich diese Wut zumindest für einen kurzen Moment von mir schleudern. Es ist hart, sich verletzlich und verletzt zu zeigen, gleichzeitig ist es aber immer auch eine katharsische Befreiung. Ausserdem geht es auch darum, den Menschen zu zeigen, dass Indien eben nicht das tolerante Land ist, für das es einige halten.»

Seit 2016 gibt es in Indien die «Transgender Persons Protection Bill», also ein Gesetz, welches den Schutz von Transmenschen garantieren soll. Im Dezember vergangenen Jahres wurden insgesamt 27 Änderungen verabschiedet, welche schwammig formulierte Passagen des Gesetzestextes präzisieren sollten. Was toll klinge, entpuppe sich bei genauer Betrachtung als Wolf im Schafspelz. So treibe die indische Gesetzeslage die Grundrechte von Transpersonen weder voran, noch sorge sie mit adäquatem Strafmass für deren Schutz, sagt Vidya. «Wer in Indien einer Kuh etwas zuleide tut, wird härter bestraft als jemand, der eine Transperson vergewaltigt.»

Aufgrund ihres öffentlichen Engagements in Indien für die Anliegen von Transmenschen habe sie telefonisch und in sozialen Netzwerken Todesdrohungen erhalten. Als sie in einem Verkehrsunfall beinahe ums Leben gekommen sei – Vidya glaubt, dass es sich dabei um einen gezielten Tötungsversuch handelte –, sei sie aus dem Land geflohen. Im April vergangenen Jahres hat sie in der Schweiz um Asyl angefragt, rund drei Monate später wurde ihr Antrag abgelehnt. «Als einer der Gründe wurde Indiens vermeintliche Toleranz gegenüber dem dritten Geschlecht zitiert», sagt Vidya und lacht bitter. Der Entscheid zur eingereichten Beschwerde ist noch hängig.

Infos auf https://schamlos.be (Der Bund)

Erstellt: 31.01.2019, 06:55 Uhr

Das Programm

Noch bis zum 2. Februar wird in verschiedenen Räumen der Reitschule das erste queer-feministische Pornografie-Festival Schamlos(!) veranstaltet. Anhand von Lesungen (Fr, 1.2., «Revolt of Desire» von Miko Hucko), Performances (Fr, 1.2., und Sa, 2.2., «Scar» von Living Smile Vidya / «Nope» von Füsun Ipek und Angelina Burri), Artist Talks, Filmen und Workshops werden fernab der Mainstream-Pornografie verschiedene sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Formen der Lust ausgelotet. (gif)

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