Ureinwohner des Internets

«Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer hegt Zweifel daran, welcher Generation sie angehört.

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Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Seit kurzem plagt mich ein kleines Identitätsproblem. Ausgelöst wurde es durch eine ziemlich steile These, die eines warmen Frühsommertages an mich herangetragen wurde. Sie lautet: Jemand mit meinem Jahrgang sei gar nicht den «Digital Natives» zuzurechnen. Ich könne mich ja schliesslich noch an die Zeit erinnern, als man zum Telefonhörer greifen musste, um sich zu verabreden. Und auch das analoge Internet mit dem Fiepen, Rattern und Rauschen des Verbindungsaufbaus habe ich noch im Ohr, ebenso die Erziehungsberechtigten, die durchs Haus krähen, man solle jetzt bitte aus der Leitung verschwinden, sie wollten telefonieren.

Doch «native», das heisse ja eben so viel wie «gebürtig», und meine Erinnerungen an rein mündliche Absprachen und lärmige Modems bewiesen, dass ich nicht ins digitale Zeitalter hineingeboren, sondern eben migriert sei, argumentierte mein Gegenüber. Streng genommen stimmt das natürlich, doch konsultiert man gängige Generationenstudien, wird mein Geburtsjahr dort regelmässig und recht grosszügig zu den Millennials gezählt. Bin ich also überhaupt ein richtiger Jahrtausender – als Angehörige der «Generation Y», die, anders als die restliche Altersklasse, noch eine Systemalternative kennt?

Bisher zweifelte ich eigentlich kaum an meiner soziokulturellen Zugehörigkeit. Denn beobachte ich etwa einen Baby-Boomer, wie er oder sie jedes Mal den ganzen Internetbrowser schliesst, um auf eine neue Seite zu gelangen, oder eine vollständige Adresse inklusive «www» ins Google-Suchfenster eintippt, wird mir ganz cringy zumute. Sie wissen schon: Man kann einfach nicht zuschauen.

Und wie der Kollege Hebeisen an dieser Stelle schon einmal festgestellt hat, sind es vor allem die älteren Generationen, die beim Bedienen des Smartphones den Zeigefinger zur Hilfe nehmen. Meistens heben sie das Endgerät dazu fast bis auf Augenhöhe an und senken gleichzeitig den Blick durch die Gleitsichtbrille. Ich hingegen knicke im Nacken ein und scrolle mehrheitlich mit dem Daumen. Ganz typisch für Mittzwanziger.

Aber auch gegen unten kenne ich soziale Grenzmarkierungen. Letzthin zum Beispiel musste ich grossmütterlich schmunzeln, als in einem Video zwei Teenager an einer Aufgabe scheiterten, die ich selbstredend in Nullkommanichts gelöst hätte: Innerhalb von vier Minuten sollten sie auf einem alten Telefon mit Wählscheibe eine Nummer anrufen. Herrlich, wie sie meinen, ein Heben des Hörers würde beim Gerät einen Neustart auslösen! Köstlich, wie sie die Fingerlöcher in die falsche Richtung ziehen! Und allerliebst, wie erstaunt sie den Summton des Telefons wiedergeben!

Nun erreichte mich vor kurzem aber doch noch der starke Eindruck, mich klar zu den digitalen Ureinwohnern zählen zu können. Es war, als der pakistanische Gesundheitsminister die Öffentlichkeit per Live-Stream an einer Pressekonferenz teilhaben liess. Vom Inhalt ist dem Publikum vermutlich wenig geblieben. Denn der Herr erschien mit niedlichen Katzenöhrchen und Schnurrhaaren auf den Bildschirmen. Bei Echtzeit-Übertragungen immer die Filter abschalten! Das kann ja nur diesen digitalen Migranten passieren.

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