«Unsinn! Lüge! Verleumdung!»

Als Lenin in Zürich und Bern lebte, verbrachte er einen Grossteil seiner Zeit in Bibliotheken. Nun kann man eine Liste mit den Büchern einsehen, die er ausgeliehen hat.

Entleiher: Wl. Uljanow, Journalist. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek

Entleiher: Wl. Uljanow, Journalist. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek

Andreas Tobler@tobler_andreas

Er hat immer wieder die Fantasie beflügelt: der Umstand, dass Lenin während gut dreier Jahre weitgehend unbeachtet in der Schweiz leben konnte, bevor er im April 1917 in einem plombierten Eisenbahnwaggon nach Russland gelangte, wo er an die Spitze der Oktoberrevolution rückte. Allgemein bekannt ist, dass Lenin vor seiner Abreise in Zürich an der Spiegelgasse gelebt und in der Zentralbibliothek an seinen Schriften gearbeitet hatte. Die längste Zeit seines Schweizer Exils verbrachte er indes in Bern, insgesamt zwei Jahre. Auch dort nutzte er die Bibliothek eifrig.

Was Lenin und seine Frau Nadeschda Krupskaja in Bern lasen, lässt sich nun teilweise rekonstruieren. Möglich macht dies das Lenin-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek, in dem die Leihscheine enthalten sind, die mit «Wl. Uljanow, Journalist» und «Nadeschda ­Uljanoff, Lehrerin» ausgefüllt sind. Die Zettel sind noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet: Bekannt wurde die Forschungslücke, als die Nationalbibliothek in ihrer Internetrubrik «Recherche des Monats» der Frage eines Lenin-Forschers nachging, ob die Nutzung der ­Bibliothek durch Lenin schon wissenschaftlich untersucht worden sei – und ob es ein Verzeichnis der von Lenin ausgeliehenen Bücher gebe.

Das Verzeichnis gibt es, die Nationalbibliothek machte es auch DerBund.ch/Newsnet zugänglich. Was also lieh sich Lenin in der Bibliothek aus, die zu seiner Zeit noch im heutigen Bundesarchiv untergebracht war? Auf den ersten Blick zeigt die Liste ein Gewimmel aus Büchern zu unterschiedlichen Themen. Lenin interessierte sich für «Differential- und Integralrechnung» und «Höhenklima und Bergwanderung in ihrer Wirkung auf den Menschen»; einen Italienreiseführer lieh er ebenso aus wie Bücher über die «elektrotechnische Umwälzung» oder das «Volksvermögen Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens und der Vereinigten Staaten». Eine Dissertation über die Sikh-Religion interessierte ihn ebenso wie die Mitteilungen des Schweizerischen Bauernverbands.

Aus Willi Gautschis Standardwerk «Lenin als Emigrant in der Schweiz» (1973) weiss man, dass sich der Revolutionär während seines Schweizer Exils vor allem mit Studien zu Aristoteles, Hegel und Feuerbach beschäftigte – und dass er diese Lektüren in seinen Notizen scharf kommentierte, etwa mit «Unsinn! Lüge! Verleumdung!», «Gesindel, idealistisches!» oder kurz: «haha!»

«Völlig schülerhaft»

Stoff für die philosophische Grund­legung des Sozialismus fand Lenin auch in der Landesbibliothek. Dort borgte er sich zwei Berner Dissertationen, die Aufschlüsse über die «Vorgeschichte des modernen philosophischen Sozialismus» und «Feuerbachs Erkenntnistheorie» versprachen. Aber gerade mit Letzterer war Lenin ganz und gar nicht zufrieden: Die Arbeit sei «völlig schülerhaft», heisst es in seinen Notizen, die als «Philosophische Hefte» ediert sind. Nützlich könne die Dissertation «nur sein als Zusammenstellung von Zitaten», aber auch «als solche ist sie nicht vollständig», heisst es zu der Arbeit, die Lenin am 29. Dezember 1914 auslieh – und schon tags darauf wieder zurückgab.

Besser bedient war Lenin bei seinem zweiten, angesichts des tobenden Ersten Weltkriegs nicht überraschenden Schwerpunkt: dem Krieg. Er führte zu zahlreichen Publikationen, darunter die Broschüre «Sozialismus und Krieg», die Lenin im Sommer 1915 ausarbeitete – und im gleichen Jahr den Teilnehmern der berühmten Zimmerwald-Konferenz übergab. Die Ausleihliste zeigt weiter, dass Lenin neben dem Klassiker Clausewitz mindestens ein Dutzend Bücher zu Kriegsfragen studiert hat. Darunter sind Schriften von prominenten Autoren wie dem späteren britischen Friedensnobelpreisträger Norman Angell, der in einer Publikation der Frage nachging, ob «der Krieg dem deutschen Militarismus ein Ende machen» werde.

Stark beschäftigt haben Lenin auch die Berichte von Kriegsbeteiligten, von denen er gleich mehrere auslieh. Da­runter die «Lettres de soldats russes», anonym zusammengestellt, oder «La grande guerre racontée par les soldats et les témoins» eines Westschweizer Journalisten. Ausserdem die «Abenteuer einer englischen Krankenschwester in Belgien und an der russischen Front». Offenbar interessierte sich Lenin auch für die Meinungen von hiesigen Historikern, etwa für jene von Hermann Bächtold, Professor für Geschichte an der Universität Basel, der bereits 1915 in einem Buch «die geschichtlichen Grundlagen des Weltkriegs» zu klären versprach.

Eine Hymne auf die Bibliothek

Begeistert waren die Lenins vom Schweizer Bibliothekswesen. Das sei «ganz ausgezeichnet organisiert», heisst es in einer Broschüre seiner Frau mit dem verschnörkelten Titel «Was Lenin über die Bibliotheken geschrieben und gesagt hat». Besonders gut sei in der Schweiz «der Leihverkehr zwischen den Bibliotheken geregelt», urteilte Nadeschda Krupskaja, was erklärt, dass sie und ihr Mann in der Landesbibliothek Kataloge von anderen Bibliotheken studierten, darunter auch das «Zuwachs-Verzeichnis der Bibliotheken in Zürich».

«Im Sommer 1915 lebten wir in den Bergen am Fuss des Rothorns in einem entlegenen Dorfe», fährt die Lenin-Gattin in ihrer Hymne auf den schweizerischen Leihverkehr fort. «Dort bekamen wir aus den Bibliotheken Bücher, die uns gratis per Post zugeschickt wurden.» Ein Service, den die Schweizerische Nationalbibliothek noch heute ihren eingeschriebenen Benutzern anbietet.

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