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Das Schlachthaus-Theater wird zum Newsroom

Wer bestimmt, was wir im Internet lesen? Ein Algorithmus, den nicht mal ihre Macher verstehen. Das zeigt das Bone Performance Art Festival im Berner Schlachthaus auf lustige Art und Weise.

Ist ein Youtuber ein Performancekünstler? Der Belgier Darren Roshier kommuniziert auch mit seinem Youtube-Ich, das im Hintergrund projiziert ist.
Ist ein Youtuber ein Performancekünstler? Der Belgier Darren Roshier kommuniziert auch mit seinem Youtube-Ich, das im Hintergrund projiziert ist.
Remy Erismann

Vielleicht lesen Sie diese Zeilen tatsächlich auf Zeitungspapier. Sie haben sich den «Bund» gekauft, weil Sie am Bone Performance Art Festival waren und jetzt wissen wollen, was die Journalistin über den Abend denkt. Wahrscheinlicher ist: Sie lesen diesen Artikel digital. Vielleicht, weil ein Bekannter ihn auf Facebook geteilt hat. Was Sie dabei möglicherweise nicht wissen: Hier bestimmt ein Algorithmus, welche News Sie zu sehen bekommen. Und dieser selbst lernende Algorithmus ist mittlerweile so komplex, dass ihn selbst die Menschen nicht mehr verstehen, die ihn geschrieben haben. Welche Informationen also den Weg zu uns finden, wird bestimmt von Computerprogrammen, die uns völlig entglitten sind.

Und schon sind wir mitten drin in diesem aufweckenden Abend im Schlachthaus-Theater. Der Journalist Hannes Grassegger («Das Magazin») sitzt auf einer kleinen Leiter und erzählt über seine Recherchen im Social-Media-Universum. Ein Journalist an einem Performance-Festival? Das ist bei Bone dieses Jahr Programm. Denn die künstlerischen Leiter San Keller und Sibylle Omlin behaupten: Performance ist News. Und News ist Performance.

«Let’s go fifty fifty»

Eine steile These. Da hat die Journalistin sogleich ein paar Bedenken: Wenn das Produzieren von News eine Performance ist, dann könnte man auch sagen, dass in gewisser Weise das ganze Leben eine Performance ist. Und wenn alles Performance ist, dann ist die Performance am Schluss quasi Nichts. Eine Befürchtung, die sich an diesem Abend nicht bewahrheitet. Denn das Performative ist hier vor allem das Format und als solches durchaus reizvoll: Das Schlachthaus-Theater wird zum Newsroom, jeden Tag werden von mindestens acht Künstlerinnen und Künstlern aktuelle Themen aus den Nachrichten verhandelt. Am Abend zeigen die Künstler dem Publikum ihre Performances, die sie daraus kreiert haben.

Da ist zum Beispiel die Forderung von Ursula von der Leyen nach einer Frauenquote in Führungsgremien der deutschen Wirtschaft. Am Bone-Festival entsteht daraus ein Gleichstellungs-Slogan, der das Publikum durch den Abend begleitet. «Let’s go fifty fifty», sprechsingt Dustin Kenel über einen elektronischen Beat, während er wunderbar entrückt durch den Raum tanzt. Gilles Aubry und Jasmine Guffond machen in ihrer Installation Cookies hörbar – Informationen, die im Browser des Internetnutzers gespeichert werden.

Später wird die Kunstfigur und Sturmmaskenträgerin Jessica Jurassica auf der Late-Night-Bühne von Blond & Gilles erzählen, warum sie sich das Tamedia-Logo tätowiert hat. Sie sehen schon: Der rote Faden verheddert sich ab und an, trotz des vorgegebenen Themas des Abends: Kunstfigur resp. Fluid-Identities. Und doch schaffen es die Performerinnen und Performer, unsere digital verworrene Welt ganz analog spürbar zu machen.

Da ist etwa der Belgier Darren Roshier. Ihn treibt die Frage um: Ist ein Youtuber ein Performancekünstler? Um sie zu beantworten, hat er nicht nur ein Youtube-Video gedreht, sondern auch «Frames» gebaut, weisse Holzrahmen, auf denen entweder «Youtube» oder «Contemporary Art Performance» steht. Während sich diese Rahmen immer weiter ineinander verhaken, erklärt Roshier, was die beiden Welten gemein haben. Gleichzeitig kommuniziert er aber auch mit seinem Youtube-Ich, das im Hintergrund projiziert ist – das ist nicht nur ziemlich kompliziert, sondern vor allem ziemlich lustig. Denn mit solchen Aktionen stellt sich nicht zuletzt auch das Bone-Festival selber infrage.

Weitere Vorstellungen mit wechselnden Künstlerinnen und Künstlern bis 1. Dezember im Schlachthaus-Theater. www.schlachthaus.ch

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