«Unser Stück ist eine Seelenentblätterung»

Regisseurin Livia Anne Richard erzählt über die Premiere Ihres Stückes «Abefahre!» auf dem Gurten.

Fünf Fragen an Regisseurin Livia Anne Richard.

Fünf Fragen an Regisseurin Livia Anne Richard.

(Bild: zvg)

In rund einer Woche findet auf dem Gurten die Premiere Ihres Stückes «Abefahre!» statt. Auf einer Skala von 1–10: Wie hoch ist Ihr aktueller Stresslevel?
Etwa eine 6. Wobei ich das Wort Stress zu vermeiden versuche, so wie all die anderen bescheuerten Ausdrücke wie etwa Work-Life-Balance. Ich habe nicht Stress, sondern habe im Moment einfach viel zu tun und komme nicht so zum Schlafen.

Sie versprechen mit Ihrem Titel «Abefahre! Stressfrei in fünf Tagen» viel. Ein altruistischer Versuch, gestresste Managerinnen und Burnout-Patienten ins Theater zu locken?
Das Ausrufezeichen hinter dem Ausdruck «Abefahre» verweist auf die Widersinnigkeit, welche im Zentrum unseres Stückes steht. Jemandem den Befehl zu erteilen, jetzt(!) runterzufahren, ist doch absurd. Gleichzeitig skizziert die Kombination ein Paradox, das in unserer Leistungsgesellschaft allgegenwärtig ist, einer Leistungsgesellschaft, welche Burn-out-gefährdeten Menschen Anti-Stress-Programme verordnet. Solche Kurse sind meines Erachtens reine Symptombekämpfung. Es müsste ein grundlegendes Umdenken nach dem Motto «weniger ist mehr» stattfinden. Warum nicht mit dem haushalten, was man hat, anstatt ständig die Kapital-Schraube noch weiter nach oben drehen zu wollen.

Sie stecken in «Abefahre!» eine heterogene Gruppe von sechs Menschen in ein Tipi und lassen sie dort verschiedene Methoden zur Stressreduktion erproben. Haben Sie alle Methoden selber ausprobiert?
Selbstverständlich: Autogenes Training, ALI (Atmen, Lächeln, Innehalten) – nur das Fasten habe ich mir erspart. Ich war erstaunt, welch breite Palette sich bei der Recherche auftat. Einige der Techniken haben mir dann auch wirklich was gebracht, mit anderen konnte ich wenig anfangen. Beim Lach-Yoga wird das Paradox am perfektesten verdeutlicht: Lachen kann ein Kind normaleweise etwa ab zwei Monaten. Das heisst, wir haben es so weit gebracht, dass wir etwas wieder mühsam erlernen müssen, was ein Baby einfach ganz natürlich kann. Vor lauter Stress haben wir nichts mehr zu lachen und geben viel Geld dafür aus, damit wir es wieder tun können. Das ist doch irgendwie auch zutiefst amüsant, nicht?

Aber irgendwie bleibt einem das Lachen doch auch im Hals stecken, wenn man vertieft darüber nachdenkt, oder?
Ja natürlich. Ich glaube, dass das Publikum ambivalente Gefühlslagen durchlaufen wird. Einerseits kann man über sich selber grinsen und über die komischen Auswüchse unserer Leistungsgesellschaft. Und gleichzeitig zeigen wir natürlich auch den Menschen hinter dem Arbeitstier. Keiner von uns ist doch einfach nur zum Arbeiten bestimmt! Hinter jedem CEO steckt ein Mensch mit Gefühlen und sensiblen Seiten, was aber oft unter den Teppich der Chefetage gekehrt wird. Unser Stück kommt im leichten Sommergewand der Komödie daher, ist aber eigentlich eine Seelenentblätterung. Am Schluss ist keiner mehr der, den er am Anfang vorgegeben hatte zu sein.

Wie fahren Sie persönlich in Ihrem privaten Leben runter?
Ich treibe Sport und fahre Harley. Ich finde Entspannung in der Bewegung. Meditieren ist gar nicht Meins. Wenn ich fünf Minuten im Schneidersitzen sitzen und Ooohm anstimmen muss, werde ich unerträglich.

Der Bund

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