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Unmoral in Feuchtgebieten

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco beherzigt die Idee der Stadtregierung und klebt der kalten Aare den Sticker auf: «Belästigung Nulltoleranz!»

zvg

Und wenn dann der Nachbar auf seinem Badetuch wieder diese Schnalzgeräusche mit dem Kaugummi macht, während er telefoniert, dann klebt man am besten einen dieser Kleber auf den Nachbarn: «Belästigung Nulltoleranz!»

Und wenn die Frau an der Kasse erklärt, Vanille sei leider ausverkauft, dann klebt man am besten einen dieser Sticker auf die Frau an der Kasse: «Belästigung Nulltoleranz!» Ja, und wenn am Ende die Aare doch wieder nur sechzehn Grad hat, trotz Klimaerwärmung, und das mitten in den Sommerferien, dann klebt man am besten einen dieser Sticker auf die Aare, einen auf die Klimaerwärmung und einen auf die Sommerferien: «Belästigung Nulltoleranz!»

Denn das alles ist gewiss «grenzüberschreitendes Verhalten», und das «tolerieren wir nicht». Sagt also die Stadtregierung in Gestalt von Franziska Teuscher, Direktorin für Bildung, Soziales und Sport. Und wer nun etwa findet, der Kampf gegen sexuelle Belästigung sei im selben Mass nötig wie der Begriff der blossen «Belästigung» gedankenlos, der hat nicht gut aufgepasst am 25. April.

Damals präsentierte die Stadt die Neuheiten zur Freibadsaison, und dazu gehört auch die Nulltoleranzstrategie mit der Kleberkampagne (wir berichteten). Denn ein «Belästigungsvorfall» nach amtlicher Definition liegt ja nicht nur dann vor, wenn Kinder sich ins Wasser schubsen, «obwohl das betroffene Kind dies schon lange nicht mehr lustig findet», wie sich die Gemeinderätin ausdrückt. Sondern auch, und zwar exakt so allgemein, wenn «sich jemand von einer anderen Person durch ein bestimmtes Verhalten belästigt fühlt».

Das wird ein toller Sommer! Endlich tun die Behörden etwas für eine Stadt, in der sich jetzt jeder von allen genervt fühlen darf, und zwar amtlich bewilligt und mit Anspruch auf Betreuung durch die Obrigkeit. Das wird nicht zuletzt die Angestellten der Freibäder freuen. Sie haben schon einen «Sensibilisierungsworkshop» hinter sich und müssen nun wohl den Kopf hinhalten für jede Wespe, die mit einem «bestimmten Verhalten» auffällig wird. Es wurden ja die ganzen Aufkleber in den Badeanstalten ausdrücklich mit der Aufforderung angebracht, den «Aufsichtspersonen» entsprechende Vorfälle zu melden: «Informieren Sie uns!» Da werden sich viele nicht lumpen lassen, und das zeigen schon die Kommentare zur Berichterstattung über Teuschers Kampagne: Der Bürger denkt bei Nulltoleranz an Frauen ohne Bikini, an Hundebesitzer oder an «die Brätler und die Linksanarchisten mit ihren Ghettoblastern».

Hoffentlich meldet bald auch jemand die Biber aus der Aare beim Personal. Wegen ihres grenzüberschreitenden Verhaltens gegenüber dem Baumbestand der Badeanstalt. Laisser-faire führt hier nämlich geradewegs aus einem Zusammenleben nach unseren Werten in die Wildnis, und das sieht man am Südufer des Neuenburgersees. Da gibt es ein Naturschutzgebiet, und übertriebene Toleranz hat dazu geführt, dass ein Nager hier schon mehr zählt als ein Menschenleben, siehe die amtliche Warntafel:

Man kann solche rechtsfreien Zonen nur noch bewaffnet mit Klebern betreten.

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