«Und wann geht ihr zurück?»

Vom Versuch einer deutschen Familie, in der ländlichen Schweiz heimisch zu werden. Der Autor Rolf Johannsmeier kommt in seinem Roman zum Schluss: Integration höchstens teilweise gelungen.

«Du bist auswechselbar!»: Der Autor und Pädagoge Rolf Johannsmeier.

«Du bist auswechselbar!»: Der Autor und Pädagoge Rolf Johannsmeier.

(Bild: zvg)

Rolf Johannsmeier, Sie sind Deutscher und leben mit Ihrer Familie seit 16 Jahren in der Schweiz. Musste diese Auswanderung sein?
Zum damaligen Zeitpunkt in Köln schon. Etwas war zu Ende gegangen: 15 Jahre wildes «Zigeunerleben» als Regisseur, Schauspieler und Autor. Ich war Familienvater geworden, da musste der alte Brotberuf wieder her: Volksschullehrer.

Max Frisch sagte auf die italienischen Gastarbeiter der Nachkriegszeit gemünzt: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Fühlen Sie sich da angesprochen?
Ja. Irgendwie sind wir «Dütsche» die «Tschinggen» des 21. Jahrhunderts: Wirtschaftsflüchtlinge. Aber gleichzeitig wurden wir ja, wie Max Frisch das auch sagt, «gerufen». Wir kamen auf eine Stellenanzeige in der «Zeit». Die wahre Einwanderungsbehörde der Schweiz sind sowieso die Personalabteilungen.

Die Hälfte aller Deutschen, die in die Schweiz kommen, verlässt trotz guter Verdienstmöglichkeiten und hohem Lebensstandard nach spätestens fünf Jahren das Land wieder. Ein Zeichen von Undankbarkeit?
Bestimmt nicht. Eigentlich wollen sie alle bleiben. Aber sie machen alle die gleiche Erfahrung: Du bist auswechselbar! Freundlich und herzlich empfangen dich der Schulleiter, der Personalchef oder auch der Gemeindepräsident. «Willkommen, guter Steuerzahler», sagt er dir am 1. August beim Festessen. Nach fünf Jahren aber hörst du zum ersten Mal, meistens am Arbeitsplatz, die Frage: «Und wann geht ihr zurück ins Dütsche?»

Ihre Familie, das sind Sie, Ihre Frau und drei Teenager. Sind Kinder nicht ein perfekter Integrationsmotor?
Das sind sie, solange sie sich an die Regeln halten. Und die heissen: nicht auffallen. Normal sein. Meine Kinder waren leider schlechte Soldaten. Wir haben sie frei erzogen, sie wollten ihren Interessen und Begabungen in Sport, Musik, Tanz und Rap nachgehen. Eigentlich hätten wir sie besser sofort auf die Privatschule geschickt. Aber wir wollten uns auf Teufel komm raus richtig integrieren.

Versuchen Sie eigentlich in Ihrem 800-Seelen-Dorf Wiler bei Utzenstorf, mit den Einheimischen auch berndeutsch zu sprechen?
Bei der Männerriege, nach dem Training und der dritten Stange fällt das leicht. Dann lacht keiner mehr, wenn ich das versuche, und sie sprechen dann das «Emmitauerische» so leicht, luzide und elegant, dass ich alles verstehe.

An den Deutschen stört uns Schweizer ja oft deren forsches Auftreten und ihre sehr direkte Art. Für uns klingt das manchmal etwas arrogant. Anders gefragt: Nutzen Sie den Konjunktiv und den Diminutiv mittlerweile auch ausgiebig?
Also das kann ich schon: im Supermarkt, am Bahnhof oder bei den Lehrerkollegen. Das habe ich gelernt. Bei den wahren Autoritätspersonen kriegst du in der Schweiz gar nichts ausser ein «Häää?», wenn du zu forsch und dazu noch hochdeutsch fragst; so ein Auftritt kommt dann tatsächlich arrogant daher.

Die Schweiz zeichnet sich durch eine geistige Enge aus, es gibt zu viele Vorschriften und keine Streitkultur. Einverstanden?
Also gestritten um den Vortritt, die Vorfahrt, um den Platz in der Schlange oder am Einkaufswagen habe ich mich noch nie so oft wie in der Schweiz. Wenn das Kultur ist, gibt es viel davon. Das fällt vor allem auf, wenn man aus den Ferien im Ausland zurückkommt. Dann kommt es einem hier schon etwas eng vor.

Vor acht Jahren haben Sie ein altes Hochstudhaus im Dorfzentrum gekauft. Hat das an Ihrem Status im Dorf etwas geändert?
Wir hätten das Haus gar nicht bekommen ohne den nötigen Status. Nein, den Status haben wir, seit ich in der Männerriege und meine Frau im Elternverein aktiv ist. Meine Frau war sogar lange im Vorstand, und jetzt sind wir beide noch im «Bädli»-Verein.

Bädli?
Ja, Wiler hat sogar ein eigenes Naturschwimmbad, unter Kiefern und Eichen, mit einem 20 m langen klaren Becken ohne Chlor, da drehe ich im Sommer so manchen Kilometer, parallel zur Emme.

Hand aufs Herz: Bereuen Sie den Umzug in die Schweiz?
Niemals. Diese 16 Jahre waren die reichsten meines Lebens. In jeder Hinsicht!

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