Und plötzlich ist da diese Beule

Für die Freilicht-Inszenierung von Ionescos «Die Nashörner» setzt Regisseurin Livia Anne Richard ganz auf die Musik von Hank Shizzoe.

«Ihr dürft es ruhig auf die Spitze treiben»: Livia Anne Richard choreografiert den Streit von Behringer (Fredi Stettler, links) und Hans (Markus Maria Enggist).

«Ihr dürft es ruhig auf die Spitze treiben»: Livia Anne Richard choreografiert den Streit von Behringer (Fredi Stettler, links) und Hans (Markus Maria Enggist).

(Bild: Valerie Chételat)

«Ich schaue nie in den Spiegel», sagt Fredi Stettler. Er braucht dort nicht nachzuschauen, ob ihm über der Nase ein Horn wächst. Stettler spielt den Behringer. Und mit seinem markanten Gesicht und seiner bedächtigen Art ist er eine ideale Besetzung für den letzten Menschen und Helden von Eugène Ionescos Theaterklassiker «Die Nashörner», der heuer als Freilichtspiel auf dem Gurten gezeigt wird. «Ein äusserlich und innerlich zerknitterter Typ», kommentiert Regisseurin Livia Anne Richard die Hauptfigur. Premiere ist in zwei Wochen, und minutiös wird auf der abschüssigen Bühne zum x-ten Mal die wohl schwierigste Szene des Stücks geprobt, die Verwandlung von Behringers Freund Hans in ein Nashorn.

«Du darfst dich an Behringer abreagieren, aber nicht auf ihn eingehen», sagt Richard zu Markus Maria Enggist, der diesen Hans mit schwerem Gang und noch schwererem Atmen spielt. «Warum söui nid Nashorn sy, i ha gärn Veränderige», schnaubt Hans. Verständigung ist keine mehr möglich, die Beule wächst, Hans wird zum Tier, will Nashorn sein wie alle anderen, die Wirtin, die Krämersfrau oder der Logiker Richard ist begeistert: «Ihr könnt es ruhig auf die Spitze treiben.»

«Auf Papphörner verzichten wir», sagt Richard. Zwar hat Ionesco solche bei der Uraufführung von 1960 empfohlen, doch die Regisseurin, die bereits zum achten Mal auf dem Gurten inszeniert, setzt statt auf aufwendige Requisiten und Kostüme ganz auf die Musik. Nicht nur bei der Verwandlung. «Sie ist der Motor des Stücks, sie soll beim Publikum das Kopfkino in Gang setzen.» Bedrohlich ist denn auch die sparsame Tonspur, mit der Hank Shizzoe Hans’ Verwandlung unterlegt. Auch auf Nashornmasken wird verzichtet. «Die sorgen gern für unfreiwillige Komik, und die will ich auf jeden Fall vermeiden», sagt Richard. Zwar fange das Stück ganz heiter an, doch dann passiere die schlimmstmögliche Wendung.

«Da ist Ionesco wie Dürrenmatt.» Und die Stücke des rumänisch-französischen Dramatikers brauche man so wenig zu entstauben wie jene des Berner Schriftstellers. «Sie sind zeitlos und aktuell.»

Pegida und Facebook

Eine eigene, verstörende Erfahrung soll Ionesco (1909–1994) zu den «Nashörnern» inspiriert haben: Angewidert verliess er 1938 Rumänien, als so viele seiner Bekannten sich der Eisernen Garde, einer faschistischen Bewegung, anschlossen. Bei den «Nashörnern» denkt Livia Anne Richard aber nicht nur an Pegida und andere Bewegungen, die rechtes Gedankengut salonfähig machen wollen. Auch das eigene Verhalten wird kritisch wahrgenommen.

So habe sie sich lange um Facebook foutiert. «Aber dann musste ich realisieren, dass ich einiges nicht mehr mitbekomme.» Sie habe aber dazugehören wollen. «Und jetzt trample ich halt mit.» Auf Facebook wird im Stück denn auch das erste Foto eines Nashorns gepostet. Das ist eine der wenigen Änderungen am leicht gestrafften Text, die Richard für ihre berndeutsche Fassung vorgenommen hat.

Auch sind ein paar der Figuren nun Frauen statt Männer. «Frauen sind heute viel pragmatischer», hat die 47-Jährige beobachtet. Für die Besetzung der 13 Rollen konnte sie auf einen Pool von rund 150 Laienschauspielerinnen und -spieler zurückgreifen. «Schon bei der ersten Durchsicht eines Stücks habe ich dann jeweils sofort die richtige Besetzung vor Augen.» Ganz verschiedene Persönlichkeiten waren für die aktuelle Produktion gefragt.

Für die Rollen der kleinen Leute und der grossen intellektuellen Schwätzer, die es alle plötzlich so schick finden, graue, rücksichtslose Dickhäuter zu sein. «Sogar deren Schnauben finden sie lieblich», sagt Richard. «Sie singen, heisst es dann.» Ein Prozess, der aktuell ja auch in Amerika zu beobachten sei. «Für viele Republikaner, die den polternden Trump für unwählbar hielten, singt er nun plötzlich.»

Premiere: 23. Juni, bis 19. August. www.theatergurten.ch, Espacecard.

Der Bund

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