Um Antwort wird gebeten

Immer wieder versuchen Kulturschaffende, das Publikum bei der Entstehung eines Werks miteinzubeziehen. Das klappt allerdings nur unter bestimmten Vorzeichen, wie ein Besuch in der Dampfzentrale zeigt.

Wie lesen sie die Zeichen? Ein kleines Testpublikum beim «Sharing» von Nicole Beutlers «4: Still Life» in der Dampfzentrale.

Wie lesen sie die Zeichen? Ein kleines Testpublikum beim «Sharing» von Nicole Beutlers «4: Still Life» in der Dampfzentrale.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Das Saallicht geht an, eine junge Frau steht auf und nimmt ihre Jacke. Ob sie nicht bleiben wolle, fragt die deutsche Choreografin Nicole Beutler, die in der Dampfzentrale soeben ihr Stück «4: Still Life» gezeigt hat. Denn jetzt wären eigentlich Rückmeldungen aus dem Publikum gefragt. So will es das Format «Sharings», das Anneli Binder, Mitglied der künstlerischen Leitung der Dampfzentrale, ins Leben gerufen hat.

Die Idee: Künstlerinnen und Künstler haben die Möglichkeit, mehrere Tage am Haus zu proben und als Abschluss ihres Aufenthalts einen Ausschnitt aus ihrem Schaffen zu zeigen – vor einem interessierten Publikum, das am Ende seine Meinung kundtun kann. Der Eintritt ist frei, der Rahmen locker.

Dieses Mal sind nur drei oder vier Leute gekommen, fast alles Tanzschaffende. Über das Gesehene äussern sie sich sehr zögerlich, und auch nur, weil Nicole Beutler sie im Foyer der Dampfzentrale hartnäckig zusammentrommelt.

Beutler hat geahnt, dass es so kommen würde. «Ich weiss nicht, ob sich die Leute auch trauen, etwas zu sagen», wägt sie im Gespräch zuvor ab. Sie sei aber sehr an ehrlichem Feedback interessiert: «Wie werden die Zeichen gelesen, die ich auf der Bühne gebe? Dazu würde ich gerne das Publikum anhören.» Wobei es Beutler weniger um Meinungen geht als vielmehr «ums gemeinsame Denken».

Anneli Binder von der Dampfzentrale betont vor allem «die Öffnung des Hauses», die man mit den Sharings erreichen wolle. «Wir haben viele lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler, die hier arbeiten. Das wollen wir durch die Sharings sichtbar machen.» Die offenen Proben seien für die Kunstschaffenden da. «Wir hoffen, dass sie durch die Rückmeldungen der Zuschauenden näher an ihrem Publikum produzieren.»

Das Publikum. Was denkt es über das Gesehene? Worauf springt es an? Diese Fragen möchten die Kulturschaffenden klären. Bild: Franziska Rothenbühler

Wenn sich ein Testlauf lohnt

Das Publikum. Was denkt es über das Gesehene? Worauf springt es an? Bestrebungen, etwas über seine Wahrnehmung zu erfahren und es sogar beim Entstehungsprozess eines Werkes mitreden zu lassen, gibt es schon lange – im Film beispielsweise: Bei Test-Screenings wird einer Gruppe, die möglichst repräsentativ fürs Zielpublikum sein sollte, entweder eine Rohschnittfassung oder schon der fertige Film gezeigt.

Danach fragt man per Fragebogen einzelne Punkte ab und nimmt aufgrund des Feedbacks je nachdem nochmals Änderungen am Film vor oder entwickelt entsprechende Marketing-Massnahmen.

In anderen Ländern seien Test- Screenings «recht verbreitet», nur hierzulande nicht, sagt der Berner Filmproduzent Stefan Eichenberger, der für den Film «Der Läufer» das erste Schweizer Test-Screening auf einem professionellen Niveau durchgeführt hat.

Man habe die einzelnen Zuschauer aufgrund sozialwissenschaftlicher Kriterien ausgewählt – ein Verfahren, das viel koste. «Die Frage ist dann jeweils, ob man das Geld wieder reinholen kann, etwa wenn sich dank der Test-Screenings mehr Leute den Film anschauen werden. Wir hatten das Gefühl, es lohne sich.»

Als die erste Schnittfassung des Films fertig war, spürten Eichenberger und sein Team, dass sie «das Potenzial noch nicht ausgeschöpft» hatten. Beim Screening waren dann 70 Prozent des Testpublikums der Meinung, der Film sei noch zu lang. Also habe man ihn «nochmals radikal umgestellt» und um zwanzig Minuten gekürzt.

Der Aufwand scheint sich ausgezahlt zu haben: «Der Läufer» legte den besten Kinostart eines Schweizer Films im vergangenen Jahr hin.

Das Risiko von Try-Outs

Das Beispiel zeigt, wie wertvoll für Kulturschaffende ein ehrliches Feedback von einem Testpublikum sein kann. Von unmittelbaren Zuschauerreaktionen profitieren auch Kabarettistinnen und Komiker, wenn sie in einem ungezwungenen Setting neue Nummern ausprobieren: Beim Format der Try-Outs, wie es sich in der Kleinkunst etabliert hat, weiss das Publikum, dass es sich zwar auf ein künstlerisches Risiko einlässt, dafür aber exklusives Material zu sehen bekommt. Und es muss nicht einmal seine Meinung abgeben, sondern eigentlich nur zuschauen.

Was sagt man denn jetzt?Es war schön? Interessant?Langweilig?

Will man hingegen genauer wissen, wie die Zuschauer über das Dargebotene denken, scheint es gewisse Bedingungen zu brauchen, damit sie sich auch äussern – eine niederschwellige, schriftliche Befragung wie bei den Test- Screenings beispielsweise, die ihnen die Meinungsbekundung erleichtert.

Das ist nicht zuletzt deshalb nötig, weil man dem Publikum mit der Befragung dramaturgische Aufgaben überträgt: Für den «Blick von aussen» sind an vielen Theaterhäusern Dramaturginnen und Dramaturgen zuständig; die Dampfzentrale kann hier sogar auf ein kleines Team zurückgreifen. Die Frage, warum man als Zuschauer deren Arbeit übernehmen soll, ist nicht unberechtigt.

Anneli Binder sagt, die Reaktion der Zuschauenden schliesse ein Feedback der Dramaturgie ja nicht aus: «Ein Publikum gibt vielleicht andere Rückmeldungen.» Aufgabe der Dramaturgie sei es dann, dieses Feedback «in den weiteren Probe- prozess einzuarbeiten», also es etwa mit den Kunstschaffenden zu besprechen.

Dafür aber, dass die Sharings in erster Linie den Künstlern zugutekommen sollen, fehlt es dann doch an einer kontinuierlichen Begleitung des Formats. Am besuchten Abend jedenfalls werden die Anwesenden sich selber überlassen. Was zu einer weiteren Erkenntnis führt: So einfach ist es gar nicht, über Bühnenkunst zu reden.

Das weiss man auch in der Dampfzentrale. Normalerweise seien die offenen Proben moderiert, sagt Anneli Binder. Anhand einer speziellen Feedbackmethode versuche man, vom Publikum möglichst präzise Antworten zu bekommen. Und trotzdem: Was sagt man denn jetzt? Es war schön? Interessant? Langweilig? Und was bringt das der Künstlerin?

Lieber die fertige Version

Offenbar recht viel. Die Kunstschaffenden seien «durch die Bank weg begeistert» vom Dialog mit den Zuschauerinnen und Zuschauern, sagt Anneli Binder. Worin aber der Reiz fürs Publikum liegt, sich ein unausgereiftes Stück anzuschauen, erschliesst sich nicht ganz. Während man bei einem Test-Screening immerhin schon einen Vorgeschmack auf den fertigen Film bekommen kann, wirkt die Ankündigung einer offenen Probe wie eine Absicherung für den Fall, dass das Gezeigte noch nicht durchdacht genug ist. Befasst man sich als Zuschauer nicht lieber mit einer ausgefeilten Version?

In der Dampfzentrale zumindest bekommt man an jenem Abend kostenlos ein komplettes Tanzstück zu sehen. Der Rahmen des Sharings wirkt dabei wie eine stillschweigende Vereinbarung: Wer sich die Probe anschaut, soll auch öffentlich etwas dazu sagen.

Stattdessen hinauszuschleichen fühlt sich an, als würde man die Künstlerin hintergehen. Der Druck wird spürbar und die Situation unangenehm. Man nimmt lieber die Jacke.

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