Überpowern auf der Kurzdistanz

Es ist die wohl grösste Kundenbindungsmassnahme des Schweizer Medienmillieus: Im Stade de Suisse haben 40 000 ihren Radiosender und dessen Stars gefeiert.

Gut beraten ist, wer einen Pyrotechniker mit lockerem Finger in seinen Reihen weiss: Lo & Leduc besorgen das Schlussbouquet.

Gut beraten ist, wer einen Pyrotechniker mit lockerem Finger in seinen Reihen weiss: Lo & Leduc besorgen das Schlussbouquet. Bild: Adrian Bretscher/Hangar

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Die Stimme, die aus dem Off den nächsten musikalischen Gast ankündigt, wurde dermassen arg mit Bassfrequenzen aufgemöbelt, dass sich die Äuglein der Kleinkinder mit den aufgesetzten Lärmschutz-Kopfhörern vor Furcht weiten. Das sind Stimmen, die in den Kasperlitheatern gemeinhin den Riesen und Ungeheuern zugedacht werden.

Am NRJ Air im Stade de Suisse kündigt die Bassstimme indes bloss ein schmales Wesen an, das alsbald lustig auf die Bühne hüpft und das Publikum fragt, ob es bei guter Laune sei. Das Wesen hört auf den Namen Nickless, stammt aus dem Zürcherischen und wird von einem selbst erfundenen, radiotauglichen Disco-Beat zum Hüpfen animiert. Dazu reimt es in aller Ernsthaftigkeit «shake your body» auf «party» und «come on everybody», sorgt damit jedoch nicht für die erhoffte Euphorie, sondern für den ersten kleineren Stimmungsabfall im Auditorium. Daran vermag auch die herbeigerufene Abgesandtschaft einer lokalen Dance Academy nichts mehr zu ändern.

Ein Publikum voller Gewinner

Es ist Samstagabend, und wir wohnen der wohl grössten Kundenbindungsmassnahme im schweizerischen Medienmilieu bei. Radio Energy hat zum Open Air geladen, und 40 000 sind gekommen. Die Tickets haben sie in Wettbewerben beim Radio ihres Vertrauens oder bei beteiligten Sponsoren gewonnen, weshalb hier nicht von einem ausverkauften, sondern von einem ausverschenkten Stade de Suisse gesprochen wird.

Es ist jetzt nicht so, dass Radio Energy ein übermässig inspirierender Musiksender wäre. Gespielt wird da tagein, tagaus, was garantiert niemanden in Aufregung versetzt, moderiert wird in permanent guter Laune, alles muffelt ein bisschen nach Plastik und nach juvenilen Breitband-Gefühlen. Doch das Konzept von NRJ Air ist – man muss es neidlos würdigen – bestechend. Im Publikum sind nur Gewinner, auch wenn sie sich vermutlich monatelang den Sender mit der Plastikmusik anhören mussten, um sich ein Ticket zu ergattern.

Und das Format scheint bestens auf die Hörgewohnheiten der Hit-gierigen Klientel abgestimmt: Die meisten Künstler treten bloss 15 Minuten in Aktion, in dieser Viertelstunde spielen sie ihre zwei grössten Gassenhauer und die aktuelle Single, sie nerven nicht mit musikalischem Füllmaterial oder Extravaganzen, und wenn das Hit-Pulver verschossen ist, kündigt die Bassstimme schon den nächsten Act an.

So prima ist diese Idee, dass man sich dergestalt gar die Zukunft der Open-Air-Kultur vorstellen könnte. Die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Hörerschaft scheint in Sachen Musik immer kürzer zu werden, es zählen die einzelnen Songs, keine Albumkonzepte, und womöglich wird man im mittelfernen Übermorgen tatsächlich mit einem amüsierten Kopfschütteln an die Zeiten zurückdenken, in denen sich Bands 90 Minuten lang auf der Bühne abmühten und die Zuschauer mit dramaturgisch ausgeklügelten Spannungsbögen fatigierten.

Eldorado der Playback-Musikanten

Doch die Wirklichkeit präsentiert sich dann doch nicht ganz so prima wie erwartet. Zwischen den Showblöcken ist es am NRJ Air nämlich fast ein bisschen wie zu Hause beim RTL2-Pro7-Sat1-Schauen: Es gibt Unterbrecherwerbung. Oder es werden mit vereintem Energy-Moderatoren­personal­aufwand die Umbaupausen überbrückt. Sehr beliebt sind dabei Kindergeburtstags-Aktionen, wie ein Lo-&-Leduc-Karaoke, oder man inszeniert sogenannte «Magic Moments», indem man die Zuschauer dazu anhält, ihre Handytaschenlampen in Betrieb zu nehmen. Und was ebenfalls sehr gut ankommt, ist das Zünden pyrotechnischer Gadgets oder farbenprächtiger Konfettibomben.

Allzu lange dauern die Umbaupausen immerhin nicht. Der Anlass ist ein Eldorado der Playback-Musikanten, denn die meisten Acts spielen ihre Musik über Konserve ein. Immerhin gesungen wird live, wenn auch teilweise über bereits vorhandene Gesangsspuren. Wegen eines viertelstündigen Auftritts ton­technische Risiken einzugehen, darauf haben die wenigsten Lust.

Doch dem Publikum ist das egal. Die dauereuphorisierten Hecht, die sich die Mühe machen, live zu spielen (auf der konzertanten Kurzdistanz jedoch leicht zum Überpowern neigen), werden ebenso gefeiert wie die beiden DJs, die ein Avicii-Gedenkmedley betanzen. Etwas mehr Mühe bekundet der ebenfalls live agierende irische Gefühlsbombastiker Gavin James. Balladen will man hier offenbar nur von Nemo oder von deutschen Gefühlsbetonern wie Max Giesinger hören. Ansonsten tut gut daran, wer den Energy-Level hoch hält an diesem Abend. Und – wir habens erwähnt – wer einen Pyrotechniker mit lockerem Finger in seinen Reihen weiss.

Der Mann mit dem Bart

Wie zum Beispiel Bligg. Vor dessen Auftritt behelligt ein aufgekratzter Energy-Moderator den Folklore-Rapper in der Maske und verwickelt ihn in eine kleine Plauderei, die direkt auf die Bühnenleinwand übertragen wird. Bligg mutmasst, dass die Stimmung «crazy» sein werde, wenn er demnächst auf die Bühne trete. Doch als der Smalltalk auf seine Vaterfreuden und seinen Bébé-Sohn gelenkt wird, lässt das Interesse der Teenies am bärtigen Mann bereits merklich nach. So ein bisschen nach dem Nietzsche-Motto «Wo man nicht mehr lieben kann, da soll man vorübergehen.» Es wird geplaudert wie in einem unbeaufsichtigten Klassenzimmer.

Später, während seines Kurzauftritts, ist die Stimmung dann tatsächlich einigermassen «crazy». Es dauert jedenfalls nicht lange, bis Bligg zu einem beachtlichen Feuerinferno sein Powered-by-Erfolgswollen-Lächeln aufsetzt. Es ist ein unheimliches Lächeln. Eine Mischung aus Grinsen und einem fast dämonischen Zähnefletschen. Die Kinderchen weiten wieder die Augen.

Zur Entspannung wird der eiligst mit einem Helikopter eingeflogene Marc Sway auf der Bühne begrüsst. Er singt mit geballter Faust ein Gefühlslied und darf danach irgendeinen güldenen Award in Empfang nehmen.

Die grosse Viertelstunde der Playback-DJs

Den absoluten Stimmungshöhepunkt – noch knapp vor dem ­feuerwerkumrankten Überraschungsauftritt von Lo & Leduc – erreicht das Fest dann ausgerechnet, als die beiden Energy-Moderatoren Moser & Schelker ein Playback-DJ-Set (jawohl, so richtig mit Kopfhörer anziehen und So-tun-als-ob-Mischpult-Interventionen) durchs Stadion wuchten und dabei auch nicht vor Ballermann-Mucke oder Backstreet-Boys-Evergreens zurückschrecken.

Und? Sieht sie nun tatsächlich so aus, die Zukunft der Open Airs? Voller Shake-your-body-Animationen, Konfetti, Kurzhäppchen und Crazy-Karaoke? Vielleicht kommt der Festivalindustrie ja doch noch etwas Schlaueres in den Sinn. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2018, 06:40 Uhr

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