Überlebenskünstler

Helden gibt es in der «Generation Pampers» keine mehr – die innere Wildsau ist aber noch nicht tot.

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Als Vierjähriger war ich oft mit anderen Bandenmitgliedern an der Aare unterwegs. Treffpunkt war eine einsturz­gefährdete Höhle, in der wir jeweils ein Feuer machten – ein Wunder, dass wir an keiner Rauchvergiftung starben. Später wateten wir in den Fluss hinaus, bis uns das Wasser am Bauchnabel kitzelte, oder legten uns als Mutprobe herzige Fröschlein in den Mund. Einmal boxte mich 
ein Freund während des Rituals in den Unterleib, was natürlich – Sie ahnen 
es – den Schluckreflex aktivierte und das Tierchen in den Magen beförderte.

Was will ich damit sagen? Ich bin ein Angehöriger der analogen Generation X (geboren zwischen 1960 und 1980), der manchmal etwas ratlos auf die Generation Y («Why») der ab 1980 Geborenen blickt. Wer nach 1980 geboren worden ist, gehört nämlich zur «Pampers-Generation»; das ist natürlich kein soziologisch verlässlicher Terminus, aber wir verwenden ihn hier trotzdem gerne. 
Wir versuchen nämlich darzulegen, warum die unter 35-Jährigen keine Helden mehr hervorbringen können.

Wohlverstanden, es ist nicht unbedingt ihr Verschulden, dass sie von omnipräsenten Helikoptereltern vor allen denkbaren und undenkbaren Risiken beschützt werden und in einer wohligen Komfortzone aufwachsen. Oder können sie damit mithalten? Ich bin noch in Autos herumgefahren ohne Kindersitze, ohne Sicherheitsgurt und ohne Airbag.

Die Fläschchen aus der Apotheke und der Drogerie standen bei uns in Reichweite der kleinen Wurstfingerchen und wurden auch regelmässig auf ihre geschmackliche Eignung 
hin getestet – hin und wieder führte dies 
zu relativ kurzfristigen Besuchen beim Kinderarzt, zugegeben. Nur nebenbei: Ich habe noch aus Pfützen (berndeutsch: Glungge) getrunken, wenn mich der Durst heimsuchte und der Weg zur nächsten regulären Wasserquelle zu weit war. Sie können sich vorstellen, 
wie stark mein Immunsystem war.

Auf das Fahrrad schwangen wir uns früh und kannten keine Helme, beim Skifahren zierten unsere Häupter höchstens die ultracoolen Roger-Staub-
Mützen. Wehmütig erinnere ich mich an diese Kopfbedeckungen, die nur die Augenpartie freiliessen. Heute würde man unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen wohl von Büsten­burken für Pistenschurken sprechen.

Im Rückblick frage ich mich manchmal, wie 
wir das alles gegen jede ver­si­che­rungs­­-
mathematische Wahrscheinlichkeit überlebt haben? Eine Kohorte von Schutzengeln muss über uns gewacht haben, wenn wir ohne Helm, ohne Knie- und Ellbogenschoner auf Rollbrettern mit halsbrecherischem Tempo auf Asphaltstrassen unterwegs waren, die mindestens das Gefälle des Starthangs der «Streif» aufwiesen.

Apropos Ski­fahren: Kürzlich widerfuhr mir die Ehre, meinen zwölfjährigen Sohn als Begleiter für einige Tage ins Skilager zu begleiten. Seine einzige Bedingung: Ich solle bitte schön regelmässig die Zähne putzen, 
da ich an Mundgeruch litte. Tja.

Ich war mit der mittleren Gruppe unterwegs, 
die für mich, ich gestehe es, fast zu schnell unterwegs war. Ich durfte indes befriedigt feststellen, dass es noch Platz hat für verwegene Aktionen, da wurde kaum eine Schanze ausgelassen, Stürze wurden meist klaglos weggesteckt, 
und die Snowboard-Fraktion bahnte sich ihren Weg abseits der Piste durch 
un­wegsames Gebiet im Tannenwald.

Zweifellos versagte die Leitung hier sträflich – Selbstanzeige! – und unterliess es, diesen heldenhaften Draufgängern den Tarif durchzugeben. Natürlich habe ich meine Schützlinge zu moderaterem Fahren ermahnt, aber ganz ehrlich: 
Es war schön zu sehen, dass auch die Generation Y die «innere Wildsau» von der Leine lassen kann.

Der Bund

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