Toxischi Mäuslichkeit

«Mundart»-Kolumnistin Sarah Elena Müller erzählt eine Mäusegeschichte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gliich und gliich gesellt sich gern, seit sich di chliini Muus und gaht nacheme harte Arbeitstag no uf es Bier mit ihrne Muuskollege. D Süessi und Stärki vom Gerstesaft erinneret die chliini Muus a ihri eigeni Süessi und Stärki, wo sit je her verkannt und unterdrückt i ihrem Innere vor sich hii gääret. «Muusegselle, mir müend belle! Prost!» verkündet di chliini Muus i ihrere Unsicherheit. «Mir sind doch no wahri Muuserüüde! Uf die echti Mäuslichkeit!» und sie haut ihres Bierglas uf de Stammtisch. Unter de Tischplatte zeiget d Muusepenissli vo de Stammtischmüüs ufenand wie zierlichi, roti Revolver, oberhalb vo de Platte piepsed die aagheiterete Müüs vor Erregig über de lang ersehnti Fiirabig und ihri gselligi Rundi.

Nach em dritte Bier wirds de chliine Muus allmählich gmüetlich und sie merkt, wie au die letschte Hemmige vo ihre abgleitet – Ziit für e ordinärs Wort zum Samschtig. Entspannt grüblet sie es Staubkorn us ihrem Buchnabel und brummelt i ihre Schnurrbart: «Also alles was under dere Muuslatte, aso Messlatte liit, eifach alles under dem chlinschte gemeinsame Nenner, ebe, alles war drunder liit, cha nid zur oisere echte Mäuslichkeit grechnet werde.» De Rest vo de Rundi macht ­affirmativi, betrunkeni Geste und ­Grüüsch und di chlini Muus fühlt sich wohlig warm und ganz ohni ­verbalisierti Argument verstande.

Ja. Guet het me au i de Mäusefamilie nie gnauer definiert, was eim so verruckt macht und kränkt a de Mäuslichkeit. Me het schliesslich gnueg z tue gha mite Erbschaft, mitem Territorialaaspruch und em Privatkredit. Guet het me kei Ziit verschwendet mit humanistischem Geplänkel, denkt die chliini Muus und fixiert de bereits wieder am Bode vom Bierglas schwappendi Gersteschuum. Scho de chliine Muus ihre Mäusevatter und ihri Mäusemueter sind innerlich fast fermentiert vor luuter Hass ufd Zwäng vo de Gschlechtlichkeit, also de Mäuslichkeit und hend im wohlbehüetete Schwiige vom Eigeheim Löcher i ihri eigeni Substanz gfresse. «Tradizzion!» lallt di chliini Muus und die andere Müüs stimmted ii: «Nazzion! Fläzzscreen!» Mit verklärtem und scho nümm ganz parallelem Blick imaginiert die chlini Muus ihri Mäusechind, wo jetzt ­vermuetlich brav und still diheime vorem Fläzzscreen sitzed. De Engelbert, de Kirikiri, de Cantadou, de Appezeller und d Zwilling, Emma und Emmetaler…

Aber bim Gedanke a sin jüngste Abkömmling durchfahrt di chliini Muus plötzlich e unaagnehmi Frag. Isch de Emmetaler eigentlich überhaupt e Muus? Er schiint so völlig frei vo Mäuslichkeitsattribut, interessiert sich für Modedesign und undefinierbari Musig, wo nur uf Frequenze statt­findet, wo di vom Stammtischgepiepse abgnutzte Ohre vo de chline Muus gar nüt me ghööred. Hoffentlich besiedlet di altbewährte Mikrobe vom Schwiige au wiiterhin alli kommende Muus­generatione, bangt di chlini Muus innständig und hebt sich a ihrem Bierglas. Alles schwankt.

Isch de Emmetaler am End gar nöd derzue verdammt, zernagt vo unglebte Sehnsücht und Wünsch sini eigene Chind z fresse? Mues sie als echti Muus sich i ihrer eigene, echte Mäuslichkeit hinterfrage? Betroffe pendlet di chliini Muus uf ihrem Stuel. Womöglich steckt sogar sini Gattin und Chindsmueter vom Emmetaler hinter dere Verschwörig gege sin Chääs, also sis Chind! Höchstwahrschinlich! Aber woher denn de Schwindel? Het ihre vilicht doch öpper Gift i ihres Bier tue?

(Der Bund)

Erstellt: 12.10.2018, 09:12 Uhr

Artikel zum Thema

Vom Bändige vo Sammlige

Kolumne «Mundart»-Kolumnistin Renata Burckhardt hortete ihre Musiksammlung über Jahrzehnte. Oder war es umgekehrt? Mehr...

Eizelle on Ice

Laut «Mundart»-Kolumnistin Sarah Elena Müller können junge Frauen wirklich alles haben. Gefrorenen Eizellen sei dank. Mehr...

Vollsozialtaler

Die neue «Mundart»-Kolumnistin Sarah Elena Müller bekommt ein Geschenk von der Kesb und weiss nicht so recht, was sie davon halten soll. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Biologische Ernährung senkt das Krebsrisiko

Beruf + Berufung Wenn der Akademiker Biber bäckt

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...