Tod eines Unverwechselbaren

Mit Res Balzli hat die Schweizer Filmwelt eine ihrer unangepassten Persönlichkeiten verloren. Sein Blick war eigensinnig, und sein Leben verlief eher schräg als gerade. Ein Nachruf.

Res Balzli war einer, der die Grenzen unserer helvetischen Welt ein bisschen weniger eng machte.

Res Balzli war einer, der die Grenzen unserer helvetischen Welt ein bisschen weniger eng machte.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

In Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung war Res Balzli ein Anachronist. Er dachte und wirkte vielschichtig. 9/11 bedeutete für ihn nicht bloss zwei einstürzende Türme in New York, sondern genauso den Sturz von Salvador Allende durch die Militärjunta in Chile. – Oder seine eigene Geburt am 11. September 1952 in Bolligen. Dort wuchsen er und seine Schwester Brigitte zusammen mit zwei Pflegegeschwistern bei Alice Balzli auf. Seinen Vater Ernst – ein schweizweit gefeierter Mundartschriftsteller – verlor Res bereits in der Kindheit. Der Tod war ihm schon früh vertraut.

Schalkhaftes Wesen

Nach der Matura studierte er Sozialarbeit und drehte als Diplomarbeit seinen ersten Film, eine Studie über alternative Lebensformen der 70er-Jahre. Denn keineswegs immer einverstanden mit der Welt, suchte Res Balzli stets nach Alternativen: Dafür bekam er in den 80er-Jahren Tränengas ab, arbeitete in der Drogen-Rehabilitation, versteckte Geflüchtete und war Mitbegründer verschiedener Genossenschaften wie etwa dem selbstverwalteten Kreuz in Nidau.

Dort stand dann auch sein erster Schreibtisch als Filmproduzent der Firma Balzli & Cie, die er 1985 zusammen mit Dieter Fahrer, Rosemarie Jenni und mir gegründet hatte und welche bis heute als Balzli & Fahrer GmbH nach Alternativen sucht. Autoren wie Nicolas Humbert und Werner Penzel, Peter Liechti, Philip Gröning, Franz Reichle, Simon Baumann, Matthias von Gunten, Dieter Fahrer und ich fanden bei Res ihre filmische Heimat.

Womöglich etwas enttäuscht davon, dass auch Kunst die Welt nicht zu retten vermag, zog sich Produzent Balzli zwischenzeitlich aus der Filmproduktion zurück, um in Freiburg zusammen mit Catherine Portmann die legendäre «Auberge aux 4 vents» aufzubauen. Dort tanzte der Bär tatsächlich, und die verspielte Ausstattung der Hotelzimmer passte zu seinem unangepassten, schalkhaften Wesen.

Philosophische Bewirtung

Gastronomie mit weltanschaulichem Hintergrund beschäftigte Res Balzli, und er genoss es, auch privat seine Freunde und Bekannten kulinarisch wie philosophisch zu bewirten. Dazu gehörte auch das «laboratoire village nomade» am Neuenburgersee, wo er die Türen einer alten Villa seinen vielen Künstlerfreunden und -freundinnen zum Arbeiten und Wohnen öffnete.

Auch wenn er auf der Alp Kühe domptierte, die ganze Schweiz landkartengetreu bevelofuhr, Zirkusleuten den Futtertrog für Tier und Mensch füllte, oder an den Töpfen seiner Liebsten Judith Baumann in der «Pinte des Mossettes» schnupperte, blieb er der Filmwelt verbunden. So wurde er von der Stadt Biel für seine kulturellen Verdienste ausgezeichnet, sass in Jurys internationaler Festivals sowie in der Expertenkommission der Bundes-Filmförderung.

Uneigennützig wärmte er aber auch kleinere Brötchen auf, indem er sich bei verschiedenen Filmen zur Verfügung stellte. Als Aufnahmeleiter, als gute Seele, als Entschleuniger oder Antreiber, als Hüttenwart, Ratgeber oder als Organisator. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass der Filmproduzent in der Hülle des Kamerastativs ein kurzes Nickerchen hielt oder für wochenlange komplizierte Dreharbeiten lediglich die erste Seite seines Notizblocks benötigte. Denn statt in aufgeregten Excel-Tabellen notierte Produzent Balzli die tausend Anforderungen eines Drehplans mit einem simplen Bleistift. War etwas im Kasten, brauchte er nur auszuradieren. – Solcher Eigensinn galt in der Branche natürlich als unprofessionell. Dass er 1990 an den Solothurner Filmtagen trotzdem als «innovativer und experimenteller Filmproduzent» (offizielle Begründung) ausgezeichnet wurde, war nicht etwa trotz, sondern wegen seines Eigensinns. – Verwechseln konnte man Res Balzli nicht.

Streben und Sterben

Schliesslich übernahm er bei zwei Filmen selbst die Regie. Mit «Bouton» setzte er der Mimin Johana Bory ein Denkmal, indem er deren Streben und Sterben bewegend ungefiltert dokumentierte. Und es passte zu ihm, dass er unter solchen Umständen nicht nur auf Bilder und Töne aus war. Auch in seinem Spielfilm «Tinou» ging es – allerdings mit ironischem Unterton – ums Sterben, indem Res als Autor einem in die Jahre gekommenen Trinker den Traum vom schönen Tod erfüllte.

In dieser ruppigen Burleske schmettert Souleymane Faye ohne Rücksicht auf Verluste Büne Hubers «Scharlachrot» in die Weite der afrikanischen Savanne. Es funktionierte, weil dieser Balzli den Widerspruch nicht scheute und das Risiko der Zusammenhänge suchte, in der Gastronomie, in der Filmerei, in Freundschaften, im Leben. Nur halb war so einer nicht zu haben.

«Hans-Balzli-in-allen-Gassen» präsentierte sich gern als Hofnarr. Er liebte es, Konventionen zu piesacken. Und das möglichst in gereimtem Versmass. Vor Gericht stand er gar nicht so ungern, denn er war sich sicher, dass er gewinnen würde. Und so wurde aus dem Hofnarren-Balzli ein Möglichmacher-Balzli, der die Grenzen unserer helvetischen Welt ein bisschen weniger eng machte.

Ein schräges Leben

Doch dann kam unvermittelt ein Unfall: Schweres Schädel-Hirn-Trauma. Das Schlimmste, was einem Möglichmacher widerfahren kann, ist, dass ihm selbst vieles nicht mehr möglich ist. Während langer Monate hat Res Balzli um seine eigenwillige Selbstbestimmung gerungen. Am 21. Juli hat er sie wiedererlangt. – Auf einer Brücke über dem Schiffenensee. – Es passte, wie so vieles in seinem schrägen Leben, das nie grade sein wollte.

Erst vor wenigen Tagen ist Res Balzli in die nach seinen Träumen umgebaute Messerschleiferei in Freiburg umgezogen. Die übrigen Räumlichkeiten hat er für ein selbstverwaltetes Bistro mit Veranstaltungsort zur Verfügung gestellt. Eine Gruppe idealistischer junger Leute führt die «Coutellerie» in seinem Geist nun weiter. Auch an der Premiere des letzten von ihm produzierten Films «Gottlos Abendland» wird er nicht mehr dabei sein. Und die bereits 2005 von ihm ins Leben gerufene «Stiftung Wunderland» wird an seiner Stelle weiterhin nach Alternativen suchen. Vielleicht sogar nach Wundern.

Felix Tissi, der Verfasser des Nachrufs, war ein enger Freund von Res Balzli, und er hat seit den Achtzigerjahren als Filmemacher wiederholt mit ihm zusammengearbeitet.

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