Zweifach geliebt

Weil die Umbauarbeiten im Stadttheater andauern, wird Mark-Anthony Turnages meisterliche Oper «Greek» im Theater National gespielt.

Wolfgang Resch schuftet sich ab in der schweren Partie des jungen Rüpels Eddy – mit Erfolg.

Wolfgang Resch schuftet sich ab in der schweren Partie des jungen Rüpels Eddy – mit Erfolg. Bild: Annette Boutellier

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«Wenn schon ungewohnt, dann richtig», scheint man sich bei Konzert Theater Bern zu denken und bespielt die provisorische Spielstätte im Theater National mit einem zwar aufsehenerregenden, hierzulande aber selten gespielten Werk des zeitgenössischen Repertoires. «Greek», nach einem Schauspiel Steven Berkoffs, spielt im London der Thatcher-Jahre und zeigt ungeschönt Wut und Elend der englischen Arbeiterklasse. Der junge Eddy erlebt darin seine eigene Ödipus-Tragödie, indem er, unwissend über seine Herkunft, im Streit seinen Vater tötet und sich daraufhin in seine Mutter verliebt.

«Das Schicksal lässt uns die Rollen spielen, die uns auferlegt wurden» – das wird im filmisch anmutenden ersten Akt zum Credo der Beteiligten und erstickt die letzte Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Das Meisterwerk von Mark-Anthony Turnage verliert seine verstörende Wirkung auch fast dreissig Jahre nach der Uraufführung nicht. Zu verdanken ist dies insbesondere der harten Arbeit der Solisten und des Berner Symphonieorchesters, die sich gleich zweifach ins Zeug legen, um der unglücklichen Raumsituation sowie der etwas kraftlosen Inszenierung Teresa Rotembergs Herr zu werden.

Das Orchester als Bigband

Der Zuschauerraum des Theaters National ist längs in Bühne und Tribüne geteilt: Das Publikum sitzt der Seitenwand des Saals gegenüber, deren unverdeckte Fenster den Blick auf die gegenüberliegende Fassade freigeben, die so gar nicht in Londons Arbeiterviertel passen will. Die Inszenierung irritiert mit einer Mischung aus Werktreue und Parodie. Neben einigen gelungenen Details, beispielsweise der Geste des Nägelkauens, welche die Verwandtschaft Eddys mit seiner Frau andeutet, verliert sich die Regisseurin oft in karikaturistischen Darstellungen. Dies, obwohl feine Gebärden und Mimik aufgrund der räumlichen Nähe zwischen den Sängern und dem Publikum besonders wichtig wären, um den Charakteren Leben einzuhauchen.

Stattdessen choreografiert die ehemalige Tänzerin roboterartige Bewegungsabläufe, wodurch die Figuren marionettenhaft wirken. Der Spielfreude der Solisten ist es zu verdanken, dass der Abend davon nicht überschattet wird. Wolfgang Resch schuftet sich für die schwere Partie des jungen Rüpels Eddy mächtig ab und ersingt sich mit seinen anstössigen Liebeserklärungen die Sympathie der Zuhörer. Sophie Rennert meistert die Herausforderungen der Mehrfachrolle und des Cockney-Dialekts vortrefflich, und auch Evgenia Grekova und Stephen Owen vermögen insbesondere stimmlich zu überzeugen.

Getragen werden die vier von einem kompakten und vielseitigen Orchester unter der hervorragenden Leitung Hans Christoph Büngers. Die für das Werk so entscheidenden rhythmischen Salven liegen den Musikern genauso wie die ausdrucksstarken Liebesduette. Selbst als Bigband macht das Orchester in der Sphinx-Szene des zweiten Akts eine gute Figur.

Brennende Aktualität

Bern kann sich glücklich schätzen, ein Stück wie «Greek» serviert zu bekommen. Die Wucht, mit der es den Bogen von der griechischen Antike hin zum England der Achtzigerjahre schlägt, ist gewaltig. Schade, dass die Möglichkeit vertan wird, die brennende Aktualität des Stoffs aufzuzeigen. Die Parallelen zu den gegenwärtigen Rassenunruhen in den USA sind offensichtlich und hätten der Inszenierung mehr Bedeutung verliehen.

Nichtsdestotrotz überzeugen sowohl das Orchester als auch die Darsteller in dieser schwierigen Aufgabe und wecken Vorfreude auf die kommende Spielzeit. Wie Eddy zum Ende des zweiten Akts, wehrt sich auch Konzert Theater Bern gegen sein Schicksal: Während Ersterer entscheidet, sich nicht wie Ödipus nach «griechischer Art» die Augen auszustechen, sondern seine Frau halt zweifach – als Mutter und als Frau – zu lieben, sträubt sich Letzteres gegen eine Umbaupause und baut einen Kubus als Alternative. Bleibt zu hoffen, dass dieser Spielort das vielversprechende Ensemble stärker zu unterstützen vermag.

Weitere Vorstellungen: heute Dienstag, sowie Mittwoch, 23. September, jeweils um 19.30 Uhr, und Sonntag, 27. September, um 18 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2015, 08:45 Uhr

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