Zähes Verhör

Das Theater Matte zeigt mit «Hinter der Lüge» ein Kammerspiel, das an fehlender psychologischer Tiefenschärfe und an Überdeutlichkeit krankt.

Polizist gegen Psychologe: Brüggemann und Enggist.

Polizist gegen Psychologe: Brüggemann und Enggist.

(Bild: Ben Zurbriggen)

Mit mehr als 50 Stücken gehört Nick Rongjun Yu zu den produktivsten und erfolgreichsten Dramatikern der chinesischen Theaterszene. Nun hat eines seiner Stücke den Weg nach Bern ins Theater Matte gefunden, hier nämlich wird «Hinter der Lüge» als Schweizer Erstaufführung in einer Dialektfassung (Text und Regie: Livia Anne Richard) gezeigt.

Ein gemütlicher Abend solls nicht werden, das macht die karge Bühnenausstattung (Bühnenbild: Fredi Stettler) von Anfang an klar. Ein Verhörraum in hellem, sterilem Licht, ein Tisch, zwei Stühle und ein Wasserspender in der Ecke sind alles, was dem Schauspieler-Duo Brüggemann/Enggist für das 80-minütige Kammerspiel zur Verfügung steht. Darin verhört ein Polizist (Daniel Brüggemann) einen Psychologen (Markus Maria Enggist), der seine Frau tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden hat. Der Polizist bleibt seltsam beharrlich und versucht wieder und wieder, den Arzt zu einem Mordgeständnis zu bewegen. Das Verhör dauert lange und nimmt diverse Wendungen, wobei klar wird: Der Psychologe wie auch der Polizist haben mit inneren Dämonen zu kämpfen.

Wut blitzt auf

«Hinter der Lüge» ist ein analytisches Drama: So werden die Ursachen, welche zum Tod der Frau des Psychologen geführt haben, rückblickend Schritt für Schritt enthüllt. Was im Original als klaustrophobisches Kammerspiel angelegt wurde, will in der Aufführung im Theater Matte anfänglich nicht so recht in die Gänge kommen. Zäh zieht sich dieses Verhör dahin, kurze Einspieler (Musik: Elia Gasser) mit unheilverkündender Musik betonen überdeutlich: Hier liegt etwas im Argen.

Spannend wird es dann, wenn sich Rollen zu verschieben und zu verkehren beginnen, etwa wenn der Psychologe den Polizisten befragt und perfide Psychospielchen mit diesem zu treiben versucht. Oder wenn die Figuren die Fassung verlieren und plötzlich aufblitzende Wut zu einer unerwarteten physischen Attacke führt. Andererseits kommt es zwischenzeitlich auch zu einer Annäherung und zu einer Art Verbrüderung der beiden, nämlich dann, als jeder aus seinem Eheleben erzählt, das weit entfernt von perfekt war.

Wenig subtil

Was dramatisches Potenzial für Vielschichtigkeit hätte, krankt daran, dass vieles in «Hinter der Lüge» gar offensichtlich angelegt wurde. So hegt man schnell Vermutungen, welche Rolle der Polizist im Fall des Todes der Frau gespielt hat. Die Anspannung im psychologischen Kräftemessen wirkt manchmal unglaubwürdig, was ein bisschen mit der schauspielerischen Leistung und sehr viel mit unplausiblen Charakteren zu tun hat. Einschübe, welche psychologische Tiefenschärfe liefern sollen – etwa die erzählerische Rückblende in die Kindheit des Polizisten – sind überdeutlich, und auch die Rollenverschiebungen gehen wenig subtil vonstatten.

Ganz zum Schluss des Stückes erhascht man einen kurzen Blick darauf, was man sich von einem Kammerspiel wie «Hinter der Lüge» gewünscht hätte, nämlich dann, als das grelle Licht auf der Bühne sukzessive ausgeschaltet wird und für kurze Zeit nur ein zentraler Lichtkegel übrig bleibt. Figuren, die sich aus dem Licht in den Halbschatten, ins Dunkle und von dort wieder ins Licht zurückbegeben, Figuren, die man fühlt und nicht nur sieht, das hätte man sich gewünscht.

Weitere Vorstellungen bis 18. März

Der Bund

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