Wolkig im Kopf

In seinem neuen Stück beschwört der ägyptische Künstler Omar Ghayatt Bilder des Göttlichen aus seiner Kindheit herauf. Es ist eine rätselhafte Selbstbesinnung.

Alles bleibt schemenhaft im Schlachthaus-Theater. Die Sicht des Publikums auf «Divine Museum» wird durch einen halb transparenten Vorhang getrübt.

Alles bleibt schemenhaft im Schlachthaus-Theater. Die Sicht des Publikums auf «Divine Museum» wird durch einen halb transparenten Vorhang getrübt. Bild: Yoshiko Kusano (zvg)

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So könnte es aussehen, das Göttliche: Hinter einem Schleier bildet sich ein leuchtender Kern. Warmes Licht strahlt er aus, das sich wie ein Heiligenschein über die Bühne verteilt. Allmählich lassen sich Körperteile erkennen. Sind es mehrere Menschen? Aber wo sind die Köpfe, wo die Füsse?

Alles bleibt schemenhaft im Schlachthaus-Theater, wo der ägyptische Bühnenkünstler Omar Ghayatt (Regie, Bühne, Konzept) die Sicht des Publikums konsequent durch einen halb transparenten Vorhang trübt.

Ghayatt, der seit über zehn Jahren in Bern lebt und schon mehrere Produktionen im Schlachthaus-Theater gezeigt hat, schafft sich nun sein persönliches «Divine Museum», wie er den Abend nennt – ein «göttliches Museum», in dem er keine Gegenstände, sondern flüchtige Erinnerungsfetzen ausstellt. Solche, die ihn nach Ägypten zurückführen, wo er, umgeben von religiösen Bildwerken, aufgewachsen ist.

Und tatsächlich, so weichgezeichnet wie das Geschehen hinter dem Vorhang kann sich auch das Gedächtnis anfühlen: Konturen verschwimmen im Kopf, Bilder werden neblig oder verblassen vielleicht ganz. Scharf umrandet ist nur die Schrift, die auf den Schleier projiziert wird und wirkt, als würde sie im Raum schweben.

Einzelne Begriffe wie «Water» oder «The Crows» scheinen den Abend in Kapitel zu unterteilen, dann wieder erscheinen ganze Zitate auf Deutsch oder Englisch. Es sind Versatzstücke aus dem Koran, so lassen es einen zumindest die sporadisch aufleuchtenden arabischen Schriftzeichen vermuten.

Auf Leichen schlagen

Aber Omar Ghayatt sucht ohnehin nicht nach dem explizit Religiösen, es sind vielmehr die poetischen, manchmal schön absurden Stellen, die ihm geblieben sind. Und die sind es auch, die nun die ausdrucksstärksten Momente hergeben. Dazu gehört die Vorstellung, dass sich eine Leiche wieder zum Leben erwecken lässt – man müsse nur mit einem Stück Kuhfleisch auf sie einhauen. Auf der Bühne erkennen wir kurz darauf die Umrisse vermeintlich nackter Menschen (Simea Cavelti, Sara Koller, Larbi Namouchi), die ruckartige Armbewegungen ausführen.

Stimulierender Trip

Es ist also nicht so, als käme «Divine Museum» ganz ohne Worte aus. So wurde es angekündigt, jetzt aber ist es gerade die Schrift, die dem Bühnengeschehen erst seinen Sinn verleiht. Oder vielmehr entstehen Wechselspiele zwischen Text und Szene, etwa dann, als von Granitsäulen und Säuglingen die Rede ist, die vom Himmel regnen, und kurz darauf unerkennbare Gegenstände aus dem Schnürboden fallen. Oder wenn die Performer wie Statuen in Gewaltszenen verharren, während die eingeblendeten Worte von Brudermord erzählen.

Die einzelnen Bilder hingegen bleiben unverknüpft, so wie die Exponate in einem Museum eben; wovon sie aber insgesamt berichten, wird nicht ganz ersichtlich. Dafür ist der Abend dann doch zu sehr eine Selbstbesinnung, die nach eigenen, undurchschaubaren Regeln verläuft. Und dadurch kommen einem die schlanken 45 Minuten, die das Stück dauert, stellenweise sogar etwas lang vor.

Zusammengehalten wird dieses «Divine Museum» derweil von der gedämpft dröhnenden, dann wieder angriffig rasselnden Soundkulisse von Wendelin Schmidt-Ott: So wächst sich das Traumhafte der verschwommenen Szenerie zum stimulierenden Trip in eine Wolke aus Licht, Farben und Klängen aus.

Weitere Vorstellungen bis 17.2. Alle Termine unter www.schlachthaus.ch (Der Bund)

Erstellt: 10.02.2019, 19:32 Uhr

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