Wodka für eine bessere Welt

Der Neokolonialismus blüht, und mit dem schlechten Gewissen wächst im Westen die Apathie. Das Theaterfestival Auawirleben bringt Produktionen nach Bern, die neue Handlungsspielräume aufzeigen.

Wie amerikanische Prediger treten Jerry Killick (Bild) und David Freeman in ihrer wortgewaltigen Show «7 Promises» auf und verführen das Publikum mit ihrer Vision einer besseren Welt.

Wie amerikanische Prediger treten Jerry Killick (Bild) und David Freeman in ihrer wortgewaltigen Show «7 Promises» auf und verführen das Publikum mit ihrer Vision einer besseren Welt.

(Bild: zvg)

Es ist ein wenig wie eine Reifeprüfung fürs Publikum, die letzte Vorstellung am Auawirleben. Schnaps wird ausgeschenkt. Und das nicht etwa in homöopathischen Dosen, sondern in randvollen Gläsern. Wie manches Glas man kippen darf, das hängt von einem selber ab: Für jedes Versprechen, das man in der Vorstellung «7 Promises» ablegt, wird man mit einem Wodka belohnt. Konkrete Vorschläge, wie jeder Einzelne subito die Welt verbessern kann, macht das Duo Random Scream aus Brüssel.

Nur so viel, es handelt sich nicht um Beteuerungen wie das konsequente Sammeln von PET-Flaschen, die mit ein bisschen Gutmenscheneifer leicht einlösbar sind. Wie amerikanische Prediger ziehen die beiden ihre wortgewaltige Show auf. Zwei Rattenfänger, die ihre Beute mit der Vision einer gerechteren Welt verführen. Bevor angestossen werden darf, muss allerdings das Einhalten des Gelübdes mit einer Unterschrift garantiert werden.

Dominanz der Apathie

Unter dem Motto «Comfort Zone» nimmt sich die 31. Ausgabe von Berns zeitgenössischem Theatertreffen die schöne neue neokolonialistische Welt vor, die den komfortablen Lebensstil der westlichen Gesellschaft ermöglicht. «Wie verhält es sich eigentlich genau mit der Aufteilung der Ressourcen und der Arbeit, und wie steht es da um die Gerechtigkeit? Da wollten wir ein wenig genauer hinschauen», sagt Beatrix Bühler.

Das Aua-Team, zu dem neben Bühler noch Nicolette Kretz, Andrea Brunner, Rabea Grand und Christoph Gorgé gehören, interessierte sich vor allem für den Umstand, dass der Einzelne das Gefühl hat, nichts ändern zu können. «Obwohl man die Zusammenhänge und die Facts kennt, dominiert die Apathie», sagt Nicolette Kretz. Die Occupy-Bewegung, das jüngste Fanal, sei zwar verglimmt, nicht ganz verschwunden aber sei das Bewusstsein um die Dringlichkeit von Veränderungen.

Der Geist von Stéphane Hessel

So komplex die Situation ist – eine ganze Reihe Theaterschaffender lotet ungeahnte Handlungsspielräume aus. «Das möchten wir am Festival sichtbar machen: dass die individuellen Manifestationen anders werden können und anders werden müssen», sagt Beatrix Bühler und zitiert Stéphane Hessel, den französischen Widerstandskämpfer und Philosophen, der als 93-Jähriger mit dem Bändchen «Empört euch!» die Worte für den Unmut gefunden hat, den einen Teil der jungen Generation umtreibt. Für Hessel war Entrüstung existenziell. «Er ist ein wenig der unsichtbare Geist, der über dem ganzen Festival schwebt», sagt Beatrix Bühler. «Er hat so klar und unmissverständlich formuliert, dass es auf das Aufbegehren des Einzelnen ankommt und man dabei kein bisschen moralinsüchtig werden muss.»

Vor allem am nördlichen Rand Europas ist das Aua-Team auf seiner Suche nach neuen Formen der Auseinandersetzung fündig geworden, in Lettland, Estland, den Niederlanden und Belgien. Rar sind heuer die Produktionen aus der Schweiz und Deutschland. «Wir haben fast ein wenig den Eindruck bekommen, als seien sie dort oben dringlicher mit dem unmittelbaren Leben verbunden», sagt Beatrix Bühler. So überrascht die Gruppe NO99 mit einer ganz neuen Befindlichkeit, die mit der Stimmung ihrer früheren Stücke kontrastiert. Dreimal bereits haben die wilden Esten schon das Publikum am Auawirleben verzaubert. Zuletzt 2011 mit «Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt».

Für ihre Produktion «Jeder echte Herzschlag» haben sie sich nun auf ganz neue Erfahrungen eingelassen: Für drei Wochen haben sich die Schauspielerinnen und Schauspieler in alle Himmelsrichtungen abgesetzt, nach Japan, Miami oder Kambodscha. Zurückgekehrt sind sie mit ganz unterschiedlichen Empfindungen. Legiert werden diese mit einem schwermütigen Stück Heimat, mit dem Werk von Juhan Liiv (1864–1913), der heute als einer der wichtigsten estnischen Dichter gilt. Keine Story wird erzählt an diesem Abend des totalen Besinnens auf Gefühle und Authentizität. NO99 versucht vielmehr, ihre Empfindungen ohne grosse Worte in Bilder zu transformieren.

Das schlüpflige Parkett der Gesellschaftskritik

Die eigene Biografie durchforstet hat auch Neue Dringlichkeit, ein junges Trio aus Zürich, das mit seinen gesellschaftspolitischen Kommentaren auch abseits der Bühne nicht zurückhält. Alle drei haben sie lange in Brasilien gelebt, waren selber dem beschleunigten Auseinanderdriften der Klassen ausgesetzt, das der Autor Douglas Coupland bereits 1990 in «Generation X» als «Brazilification» charakterisierte. Die Mitglieder von Neue Dringlichkeit schieben schonungslos ihre eigenen Identitäten aufs schlüpfrige Parkett der Gesellschaftskritik, um die Standfestigkeit ihrer Haltungen zu prüfen.

Um das Publikum vom Pfad der Lethargie wegzulotsen, riskiert auch Koba Ryckewaert Kopf und Kragen. Ganze 18 Jahre alt ist die Belgierin, die in der Produktion «All That Is Wrong» der Truppe Ontroerend Goed ihr junges Leben auseinandernimmt, die fragilen Versatzstücke mit den schweren Brocken der grossen globalisierten Welt verknüpft und dabei zu erstaunlichen Wahrheiten vordringt.

Brachiale Liebeserklärung

Neben eigenwilligen persönlichen Versuchsanlagen wird in anderen Produktionen mit grosser Hartnäckigkeit in der jüngeren Weltgeschichte geschürft. Was freigelegt wird, sind schwärende Entzündungsherde. So kommt Alvis Hermanis mit «Schwarzer Milch» nach Bern, dem letzten Teil der Trilogie über seine Heimat Lettland. Das Stück ist eine brachiale Liebeserklärung des gefeierten Regisseurs an eine zum Verschwinden verurteilte ländliche Welt, wo das Bauernvolk noch in selbstverständlicher Symbiose mit den Kühen lebt – was aber in den Richtlinien der EU nicht vorgesehen ist.

Im Giftschrank der hässlichen verdrängten Wahrheiten bedient haben sich der belgische Dokumentarfilmer Manu Riche und der britische Journalist Patrick Marnham mit «Snake Dance». Die beiden muten mit Film und Performance dem Publikum eine ebenso faszinierende wie anspruchsvolle Spurensuche zu: Sie führt von New Mexico, wo einst die ersten Massenvernichtungswaffen entwickelt wurden, bis auf die Uranfelder im Kongo, in eine psychiatrische Klinik in Kreuzlingen, in den nuklearen Winter von Fukushima – und in neue Denkräume.

Derweil leuchtet die Koninklijke Vlaamse Schouwburg (KVS) aus Brüssel tief in die Dunkelkammer des Kolonialismus. Aus unzähligen Gesprächen mit belgischen Missionaren hat David Van Reybrouck den Monolog «Mission» herausdestilliert, der jenes Drama der Gottesdiener sichtbar macht, das wahrzunehmen Rom sich bis heute weigert.

Ausweitung der Komfortzone

Wie nachhaltig der Kolonialismus das westliche Bewusstsein vergiftet hat, illustriert Dood Paard mit «Freetown». Zwei Jahre vor Ulrich Seidls verstörendem Film «Paradies: Liebe» reflektierte die Amsterdamer Gruppe den neusten rasch wachsenden Sklavenmarkt und den Versuch, Neokapitalismus mit Feminismus kompatibel zu machen. Für einmal treten Frauen als Händler und Käufer auf in diesen All-inclusive-Resorts an den afrikanischen Stränden, wo auch der Servierboy mit der schwarzsamtenen Haut auf der Karte steht. Die stetige Ausweitung der Komfortzone – sie scheint so unabänderlich wie die Theorie, dass nur ein wachsender Kapitalismus verhindern kann, dass der Motor der Weltwirtschaft ins Stottern gerät.

Diesem Dogma hält allerdings die Gruppe Serde mit «Moonshine» eine hochprozentige Alternative entgegen: Zusammen mit dem Publikum produziert das lettische Künstlerkollektiv in weniger als 100 Minuten einen hochwertigen Schnaps. Und das mit simplen Gerätschaften, wie sie in jedem Haushalt herumstehen. Erinnert wird damit an alte Traditionen, an den Widerstand gegen sowjetische Besetzer, an Selbstversorgung, die es einem ermöglicht, sich auf nicht EU-konforme Art den Gesetzen des Marktes zu entziehen.

Wer die Kunst des Schwarzbrennens beherrscht, wird auch weniger Mühe haben, Versprechen abzugeben, die den Lauf der Welt verändern. Der Stoff, um sie zu besiegeln, ist so immer zur Hand.

Auawirleben findet vom 24. April bis zum 5. Mai an verschiedenen Schauplätzen statt. Programm und Vorverkauf: www.auawirleben.ch

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