Wo tote Tauben wieder fliegen

Vom Erfolg überwältigt: Nicht nur künstlerisch sind an der 32. Ausgabe von Auawirleben allerlei Grenzen überschritten worden, auch einen Publikumsrekord verzeichnete Berns zeitgenössisches Theaterfestival.

De Warme Winkel aus Holland treiben mit dem Berner Andreas Beutler, fiktiver Absolvent der Berner Hochschule für Künste, ein böses Spiel.

De Warme Winkel aus Holland treiben mit dem Berner Andreas Beutler, fiktiver Absolvent der Berner Hochschule für Künste, ein böses Spiel.

(Bild: zvg)

«Für die Menschen wäre es wahrscheinlich einfacher, wenn ich in einer Plastikblase unterwegs wäre», sagt Anna-Cristina Hallwachs, die Frau mit dem Genickbruch. Sie kann nur noch den Kopf bewegen und weiss genau, wie viele Stunden es bis zu ihrem Tod dauern würde, wenn eine der Batterien oder die menschliche Hilfe ausfiele. Was sie auf der Bühne in der Dampfzentrale protokolliert, ist weder Betroffenenheitstheater noch Abrechnung, sondern eine Botschaft aus einem erfüllten Leben, wo Risiko und Hoffnung zusammengehören. Da ist eine mit einem Hightech-Apparat unterwegs, die alles überlebt hat: die Prognose, die Ethikkommission, das Mitleid.

Die Berliner Gruppe Rimini Protokoll hat mit ihr zusammen das Stück «Qualitätskontrolle» entwickelt, und es ist nicht die einzige Produktion am diesjährigen Auawirleben, die verstört und vertraute Denkmuster entsorgt. Eine Realität wird da an der 32. Ausgabe von Berns zeitgenössischem Theaterfestival unter dem Motto «Von öffentlichem Interesse» reflektiert, die nicht nur wegen der virtuellen Vervielfältigungsmöglichkeiten immer komplexer wird.

Vorhölle des Dschungelcamps

Eine Realität, deren Konturen sich gleichzeitig immer mehr verwischen, was zur Folge hat, dass die Nähe zu anderen und sich selber laufend neu definiert werden will. Am kompromisslosesten tut dies Kim Noble. Der gefeierte britische Performer lebt seine Verlorenheit und sein obsessives Bedürfnis nach Nähe in ebenso beklemmenden wie tollkühnen Aktionen aus. Er notiert sich zum Beispiel Telefonnummern, die in öffentlichen WCs an die Wand gekritzelt sind, nimmt Kontakt auf und versucht, die Wünsche Unbekannter zu erfüllen. So grenzwertig sein Tun sich teilweise gestaltet, so berührend ist der ganze Auftritt, weil Noble sich mit der gleichen verzweifelten Hartnäckigkeit auch seines bedürftigen Vaters oder einer toten Taube annimmt.

Transformationen mit ungewissem Ausgang setzt Noble in Gang. Mit sich, mit der Taube, mit seinem zufälligen Gegenüber. Nicht ganz so weit wie Noble, der todtraurig durch seine schäbige Welt taumelt, geht De Warme Winkel. Was die Gruppe mit «We Are Your Friends» zeigt, nimmt aber eine Realität vorweg, die möglicherweise in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft liegt. Die Holländer, die am Aua in einem anderen Stück ihre eigene Situation als freie Truppe zum Thema machen, inszenieren eine auf den ersten Blick bestechende Solidaritätsaktion, indem sie das Geld für das Gastspiel in Bern hiesigen Künstlern zur Verfügung stellen. Gleichzeitig geben sie ihnen aber über Video auch Anweisungen, was sie auf der Bühne zu tun haben.

Was folgt, ist eine Show der ebenso subtilen wie grausamen Demütigungen, die durchaus das Zeug für ein Reality-TV-Format hat. Als eine Art intellektuelle Vorhölle zum Dschungelcamp präsentiert sich das böse Spiel. Denn noch hat sich dieser Andreas Beutler, fiktiver Absolvent der Berner Hochschule für Künste, Image und Illusion bewahrt, ein nicht unbedeutender Künstler zu sein. Wie desolat seine Situation aber in Tat und Wahrheit ist, das zwingen ihn seine holländischen «Freunde», gleich selber vorzuführen.

Unvergleichlich schöne Bilder

Auf grosses Interesse ist dieses Theater der Extreme gestossen, das zusätzlich dem Festival ein neues, junges Publikum beschert hat. «Kunst ist das Sicherheitsventil der Menschheit», schreibt der syrische Autor Mudar Alhaggi, der als Artist-in-Residence im Schlachthaus das Theaterfestival verfolgt hat. Auch unvergleichlich schöne Bilder hat dieses Ventil am diesjährigen Aua hervorgebracht: Abheben darf nicht nur die Frau, die ihren Körper nicht mehr bewegen kann und deren Traum vom Fliegen sich erfüllt. Auch die tote Taube fliegt dem Himmel entgegen. Kim Noble hat sie so präpariert, dass sie auf eine Rakete passt.

Der Bund

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