Wo das Unkraut die tollsten Blüten treibt

Ein doppelter Boden genügt nicht: Immer zahlreicher und abschüssiger werden die Bretter, auf die Timmermahn in seinem neuen Schwank die Sommerhalders schickt.

Lauter schlimme Finger: Stäubli, Jann, Loosli, Riesen und Omlin in «Der Blöffer».

Lauter schlimme Finger: Stäubli, Jann, Loosli, Riesen und Omlin in «Der Blöffer».

(Bild: Gian Losinger (zvg))

So eine Wäscheleine in der Küche ist ganz praktisch: Da lassen sich nicht nur die Teller aufhängen, auch ein vierärmliger Pullover und eine Mausefalle samt toter Maus sind dort gut aufgehoben. Das Praktische liegt nun mal der Familie Sommerhalder. Das muss auch Herr Ledermann erfahren, auf dessen VW der Schüttstein der Familie gelandet ist. Bis er ihn wieder zurückbringen darf, müssen nämlich Sommerhalders zuerst allerhand erledigen. Da will ein lädierter Zeigefinger verarztet werden, und bis der wieder gerade ist, geschehen Zeichen und Wunder, wie sie in Timmermahns derb versponnenem Universum so zahlreich sind.

Dick wie Nidle

Bauernslapstick im Groove der Sechzigerjahre, als das Telefon noch gross und schwarz an der Wand klebte und das Tischtuch rot-weiss gewürfelt war, wird da im prächtigen Säli der Heiteren Fahne in Wabern aufgetischt, wo das Publikum an langen Holzbänken sitzt (Bühne: Renate Wünsch). Dabei wird surreal Komisches so dick und selbstverständlich aufgetragen wie im Emmental die Nidle auf der Merengue, mutetet doch der Kunstmaler und Märchendealer dem Titelhelden seines neusten Stücks «Der Blöffer» gar viel zu. Dass Vater Summerhalder wenigstens weiss, wie dessen kaputter Finger zu behandeln ist, hat er dem Militär zu verdanken: Da hing doch einst ein ganzes Velo am Zeigefinger eines Soldaten, als dieser nach dem Ausgang wieder in die Kaserne einrückte. Also kommt Vatis «Trenaaschewägeli» ebenso zum Einsatz wie die «Simelimähl-Nachqual-Inkontinänz-Hube» mit ihrer gewaltigen Sprengkraft.

Doch bis der Blöffer endlich geheilt, wird bei Sommerhalders in den schrägsten Tönen gezankt und gepoltert, schnabuliert, charmiert und jubiliert. Ein patriarchalisches Prachtexemplar ist der Vati, dem die Harmonie so wichtig ist wie Muetis Rösti. Mit viel schwingerköniglicher Gutmütigkeit mästet ihn Jonathan Loosli, während Sonja Riesen als leicht verhärmtes Mueti mit eingezogenem Hals dankbar die Brosamen schluckt, die für sie abfallen. Als angestochener Blöffer, dem langsam die Luft ausgeht, ist sich Dominique Jann für keine Wehleidigkeit zu schade, was Marie Omlin in der Rolle seiner Verlobten mit triumphierender Schadenfreude quittiert.

Das Wunder der Drittbrust

Als Seismograf in diesem Küchentischbeben ist Walterli unterwegs, der Bub, der am liebsten an allen Fettnäpfchen schleckt und dessen legasthenische Defizite Ursula Stäubli mit glühender Ernsthaftigkeit zum Leuchten bringt. Derweil Giulin Stäubli als unheimlicher Mönch, frustrierter VW-Besitzer Ledermann und alle selig machender Pfarrer Mosimann brilliert.

Und sie alle reden zweieinhalb Stunden in absurden Dialogen aneinander vorbei, deren mangelnde Logik aber ebenso zwingend wie währschaft ist. Denn Timmermahn formuliert diese subtilen Verzerrungen vertrauter Situationen in einem von viel Unkraut befallenen Berndeutsch, das wuchert wie all die verschiedenen Geschwulste, von denen die Familie Sommerhalder plötzlich befallen ist. Und die für ungeahntes Glück sorgen, hat doch Vati nie damit gerechnet, dass er noch erleben darf, dass Mueti eine «Guguuse», eine Drittbrust, entwickelt.

«Schädelspalter-Extra»

Ein doppelter Boden genügt Timmermahn aber nicht, der zusammen mit Jonathan Loosli auch für die Regie verantwortlich ist. Immer abschüssiger werden die Bretter, auf denen die Sommerhalders bei der Verarztung des lädierten Zeigefingers sich kurz und heftig auch noch in der Flüchtlingsproblematik verheddern.

Für gar viel muss er herhalten, dieser Finger, aber nie für die Moral von der Geschicht. Denn die überlässt Timmermahn ganz dem Publikum. Das ist die Zugabe, so nachhaltig und hochprozentig wie der «Schädelspalter-Extra», von dem Pfarrer Mosimann nicht genug bekommen kann.

Weitere Aufführungen bis 13. Juni

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt